Alex Tapscott: "Wir leben im Fin de Siècle der Banken"

Alex Tapscott

"Gamechanger": Alex Tapscott, Autor des Buchs "Die Blockchain-Revolution" beim trend-Interview

Der kanadische Bestseller- Autor Alex Tapscott im trend-Interview über digitale Aktien, was Banker in Zukunft noch können müssen - und was er bei seinem Besuch in Wien Kanzler Kurz empfohlen hat.

trend: Angekündigte Revolutionen finden selten statt, lautet eine deutsche Redensart. Gilt das auch für Ihre per Buch ausgerufene Blockchain-Revolution?
Alex Tapscott: Sie findet ja schon statt, nur wissen wir noch nicht, ob sie insgesamt eher positiv oder negativ ausgehen wird. Das ist wie bei jeder anderen Technologie in der Geschichte. Blockchain hat jedenfalls die zweite Ära des Internets eingeläutet. Die erste hat vor über 20 Jahren die Informationswelt, die Medien, den Transportsektor etc. umgewälzt, aber gar nicht so stark das Geschäftsleben im Kern verändert. Blockchain wird nun unter anderem die Finanzindustrie umwälzen, ganz einfach, weil es keine dritte Partei mehr braucht.

trend: Sie glauben, dass Banken prinzipiell überflüssig werden?
Tapscott: Bei Venture Capital sehen wir es jetzt schon: 2017 wurden mit so genannten ICOs, Initial Coin Offerings, digitale Assets im Wert zwischen fünf und sieben Milliarden Dollar für Blockchain-Geschäftsmodelle aufgestellt - das ist mehr, als traditionelle VC-Firmen für Frühphasen-Internetfirmen aufgestellt haben. Deshalb sind jetzt auch etablierte VC-Unternehmen wie Bain Capital in dieses Geschäft eingestiegen. Und als nächstes könnte die Wall Street drankommen.

trend: Die großen Investmentbanken und die Börsen?
Tapscott: Warum nicht? Blockchain kann jede Assetklasse transformieren. Wir werden schon bald digitale Versionen von Aktien, Anleihen, Futures, Optionen, Derivaten und dergleichen sehen. Denn all diesen Kategorien liegt nichts Physisches wie etwa bei Gold oder Öl zugrunde, sondern ein Vertrag - das wird alles von der Blockchain ersetzt werden. Ironischerweise stürzen sich die Instanzen der alten Finanzwelt, von Goldman Sachs bis Nasdaq, nun auf Bitcoin-Futures, weil sie Kryptowährungen als Assetklasse entdeckt haben. Sie verwenden Blockchain aber nicht, um ihr Geschäft tatsächlich zu transformieren. Das ist etwas enttäuschend, aber logisch: Bitcoin ist die Frucht, die am niedrigsten hängt.


Banken der Zukunft werden vielleicht nicht einmal mehr Unternehmen im herkömmlichen Sinn sein.

trend: Werden wir es in Zukunft also mit ganz neuen Playern im Finanzbereich zu tun bekommen, oder werden die großen Banken die Technologie inhalieren?
Tapscott: Ich bin mir noch nicht sicher, wie die Antwort darauf lautet. J.P. Morgan oder Goldman Sachs haben schon einige Revolutionen überlebt. Normalerweise sind aber jene, die gut von den alten Geschäftsmodellen leben, nicht gut darin, neue zu bauen. Es hat schon plausible Gründe, warum CNN nicht Twitter erfunden hat und General Motors nicht Tesla. Natürlich werden Sie jetzt sagen: Die Banken sind heute profitabler denn je zuvor - in Kanada, woher ich komme, in den USA und in Österreich. Aber ich glaube dennoch, dass wir in eine Art Fin de Siècle der Banken leben. Banken haben ja im Kern drei Funktionen: Geld zu bewegen, zu lagern und zu verleihen. Im Moment, wo sie keine Geldbewegungen mehr machen, knicken auch die anderen beiden Pfeiler ein. Die Banken der Zukunft werden vielleicht nicht einmal mehr Unternehmen im herkömmlichen Sinn sein. Sie könnten Netzwerke sein, die es Menschen ermöglichen, Werte zu bewegen, zu speichern und zu managen.

Alex Tapscott

Alex Tapscott beim trend-Interview mit Bernhard Ecker am 4Gamechangers Festival in Wien: "Besser ein aktiver Teil der Revolution sein."

trend: Warum sollten klassische Banken wie Bank Austria, Erste Bank oder Raiffeisen überhaupt in Blockchain investieren, wenn es ihnen den Boden unter den Füßen wegzieht?
Tapscott: Sie können den Kopf in den Sand stecken, aber am Ende werden sie von Innovation überflüssig gemacht. Also besser keine Angst haben und aktiver Teil der Revolution sein. Dazu sind Bildung und Ausbildung essenziell.

trend: Was muss der Banker der Zukunft können?
Tapscott: Es geht weniger um Fähigkeiten als um Haltung. Banker müssen nicht Computerwissenschaftler werden. Sie müssen weiter Finanzdienstleistungen und das Funktionieren von Märkten verstehen. Und sie sollten viel über Geschichte wissen, dann erkennen sie, in welcher Zeitenwende wir leben. Das Internet wurde ja leider asymmetrisch von einigen wenigen großen Datensammlern wie Google, Facebook und anderen gekapert, die heute als Gatekeeper fungieren. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass das nicht noch einmal passiert.


Wir haben noch einen langen Weg vor uns, bis der Zugang zu dieser Technologie demokratisiert ist.

trend: Sie wollen mir weismachen, dass die Blockchainfirmen die neuen Guten in der digitalisierten Welt sind?
Tapscott: Das Versprechen einer faireren und offeneren Welt ist bei Blockchain angelegt. Es gibt allerdings keine Garantie, dass es tatsächlich so kommen wird. Was wir im letzten Jahr gesehen haben: Der Reichtum, der von dieser Industrie geschaffen wurde, ist von einer kleinen Gruppe früher Anwender abgeschöpft worden. Wir haben also noch einen langen Weg vor uns, bis der Zugang zu dieser Technologie tatsächlich demokratisiert ist.

trend: Bei praktisch allen neuen Technologien in der Geschichte wurde vor lauter Euphorie übersehen, dass es den Menschen, die diese Technologien benutzten, um Macht geht. Warum sollte es bei der Blockchain-Revolution anders sein?
Tapscott: Zum Beispiel weil jetzt Menschen mit einem Zugang zu Technologie auch Zugang zu Finanzdienstleistungen bekommen, ohne eine Bank zu benötigen.

Alex Tapscott

"Die USA haben die Welle dominiert. Mit Blockchain wird alles anders."

trend: Und verstehen Ihrer Meinung nach die Politiker, die für die Rahmenbedingungen verantwortlich sind, worum es da geht?
Tapscott: Die Regierungen hinken dem privaten Sektor sicher hinterher, wenn es darum geht, die Potenziale zu erkennen. Es gibt aber auch Länder, wo die politische Elite ebenso wie die Spitzen der Verwaltung offener sind. Anders hätte das so genannte Crypto Valley in der Schweiz nicht entstehen können. Die Crypto Valley Association im Kanton Zug hat inzwischen 650 Firmen als Mitglieder, 3.000 Jobs sind dort in den letzten zwei Jahren entstanden. Ich habe auch Ihrem Kanzler Sebastian Kurz beim 4Gamechangers-Festival erklärt, dass Österreich auf diesem Gebiet viele Chancen hat. Er war sehr offen und hat versprochen, mein Buch zu lesen.


Es gibt keinen Grund mehr, warum San Francisco das Zentrum der Internetindustrie sein sollte und nicht irgendein anderer Ort.

trend: Braucht ein dezentrales System wie Bitcoin überhaupt noch ein Zentrum?
Tapscott: Das Silicon Valley hat die erste Welle des Internets beherrscht, nur dort gab es Zugang zu Venture Capital und ein reifes Ökosystem aus Investoren, Technologen und Geschäftsleuten. Das Resultat war, dass die USA die Welle dominiert haben. Mit Blockchain wird alles anders. Nun hat jeder Zugang zu denselben globalen Kapitalquellen. Es gibt keinen Grund mehr, warum San Francisco das Zentrum dieser Industrie sein sollte und nicht irgendein anderer Ort auf dieser Welt.

trend: Und wie verkraften Facebook &Co. die Aussicht, vom Thron der Welt gestoßen zu werden?
Tapscott: Sie beschäftigen sich intensiv damit. Denn schon jetzt gibt es Firmen, die ein dezentrales Facebook, ein dezentrales Google, ein dezentrales Amazon versprechen. Mark Zuckerberg hat kürzlich zu Investoren gesagt, dass Facebook versuchen könnte, mit Hilfe von Blockchain-Technologie den Nutzern wieder mehr Verfügungsgewalt über ihre Daten zu geben. Auch Kryptowährungen könnten auf der Plattform künftig eine Rolle spielen.

trend: Wie halten Sie es selbst mit Kryptowährungen à la Bitcoin?
Tapscott: Alles außer meinem Haus steckt in Kryptoassets. Ich sollte mich da ja einigermaßen auskennen für am interessantesten halte ich nicht reine Kryptowährungen wie Bitcoin, sondern Kryptoplattformen wie Ethereum oder Neo. Ethereum wird auch andere Funktionen als jene einer Währung haben, etwa in der Supply Chain, im Onlinegaming - oder eben bei Finanzdienstleistungen.


Zur Person

Alex Tapscott , geboren 1986, hat gemeinsam mit seinem Vater, Don Tapscott, das Blockchain Research Institute gegründet, ein Forschungsinstitut, dem etwa IBM, FedEx oder seit Neuestem die österreichische Raiffeisen Bank International angehören. Der Kanadier war beim 4Gamechangers-Festival Ende April in Wien.

Buchtipp

Blockchain Revolution

Blockchain ermöglicht Peer-to-Peer-Transaktionen ohne jede Zwischenstelle wie eine Bank. Die Teilnehmer bleiben anonym und dennoch sind alle Transaktionen transparent und nachvollziehbar. Somit ist jeder Vorgang fälschungssicher. Dank Blockchain muss man sein Gegenüber nicht mehr kennen und ihm vertrauen – das Vertrauen wird durch das System als Ganzes hergestellt. Und digitale Währungen wie Bitcoins sind nur ein Anwendungsgebiet der Blockchain-Revolution. In der Blockchain kann jedes wichtige Dokument gespeichert werden: Urkunden von Universitäten, Geburts- und Heiratsurkunden und vieles mehr. Die Blockchain ist ein weltweites Register für alles. In diesem Buch zeigen die Autoren, wie sie eine neue Ära in den Bereichen Finanzen, Business, Gesundheitswesen, Erziehung und darüber hinaus möglich machen wird.

  • Englisch
  • 10,99 € (Taschenbuch) / 23,13 € (gebunden)
  • ISBN: 97811019801321
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