„Aktienkurse sind kurzfristig überreizt“

Stefan Kreuzkamp, Anlagechef der Deutsche-Bank-Fondsgesellschaft Deutsche Asset Management

Stefan Kreuzkamp, Anlagechef der Deutsche-Bank-Fondsgesellschaft Deutsche Asset Management

Stefan Kreuzkamp, als Anlagechef der Deutsche-Bank-Fondsgesellschaft Deutsche Asset Management letztverantwortlich für 706 Milliarden Euro Anlegervermögen, über die Auswirkungen von US-Präsident Trump auf die Börse, die steigenden Zinsen und den richtigen Anlagemix in unsicheren Zeiten.

trend: Nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten haben die Börsen unerwartet positiv reagiert. Wie realistisch sind seine Versprechen, die US-Wirtschaft mit Steuersenkungen und Konjunkturprogrammen anzukurbeln?
Stefan Kreuzkamp: Ich bin diesbezüglich skeptisch. Der Letzte, der das geschafft hat, war Ronald Reagan. Damals war aber die Ausgangsposition eine ganz andere. Am Anfang seiner Amtszeit lagen die Notenbankzinsen bei 18,75 Prozent, am Ende unter neun Prozent. Die Arbeitslosigkeit lag am Anfang bei 12 Prozent, zum Schluss um die sieben Prozent. Und Reagan fand eine Staatsschuldenquote von 30 Prozent vor. Trump startete dagegen mit Vollbeschäftigung, Notenbankzinsen von 0,75 Prozent und 108 Prozent Staatsschulden. Unter diesen Voraussetzungen kann ein zusätzlicher fiskalpolitischer Impuls letztlich nur die Inflation und die Zinsen erhöhen.

trend: Wie werden sich die US-Leitzinsen entwickeln?
Kreuzkamp: Wir erwarten 2017 zwei bis drei Zinserhöhungen und weitere drei bis vier im nächsten Jahr, so dass wir etwa bei zwei Prozent landen werden.

trend: Und in der Eurozone?
Kreuzkamp: Die EZB folgt der US-Notenbank FED mit mindestens vier Jahren Abstand. Ich erwarte den ersten Zinsschritt im Jahr 2019 und den zweiten vielleicht 2020. Wir sollten uns noch zwei Jahre auf niedrige, ja sogar negative Zinsen gefasst machen. Die Hausbanken könnten die Konditionen also noch weiter senken.


Die Inflation ist hauptsächlich vom gestiegenen Ölpreis getrieben.

trend: Gleichzeitig steigt die Inflation und lässt die Kaufkraft der Sparer sinken. Wird die Teuerung noch weiter in die Höhe schnellen?
Kreuzkamp: Im Augenblick ist die Inflation hauptsächlich vom gestiegenen Ölpreis getrieben. Dieser Effekt wird nachlassen, so dass wir schon ab Mitte 2017 bis hinein in das Jahr 2018 mit einem Rückgang rechnen. Das bedeutet: Die Inflation ist im Kern stabil.

trend: Was heißt das alles für die Anleger?
Kreuzkamp: Bei Staatsanleihen werden die Zinsen leicht steigen, zehnjährige deutsche Bundesanleihen um ein halbes Prozent. Mehr ist wohl nicht drin, weil die EZB durch ihre Anleihekäufe bis auf Weiteres den Deckel draufhält. Das hört sich nicht dramatisch an, bedeutet aber umgekehrt Kursverluste von immerhin 4,5 Prozent.

trend: Wo kann man mit Anleihen 2017 trotzdem Geld verdienen?
Kreuzkamp: Zum Beispiel bei US-Hochzinsanleihen und kurzlaufenden Anleihen von Schwellenländern. Aber dort ist auch das Risiko entsprechend höher. Ich rate daher zu einem gesunden Mix vieler Anleihesegmente.

trend: Viele dieser Anleihen notieren im Dollar. Kann er noch weiter steigen?
Kreuzkamp: Der US-Dollar ist schon teuer, aber er kann noch teurer werden. Das Geld fließt dorthin, wo es die besten Zinsen gibt. Daher wird der Dollar in relativ kurzer Zeit die Parität von eins zu eins zum Euro erreichen. Deshalb raten wir bei der Geldanlage insgesamt zu einem Übergewicht von Währungen außerhalb der Eurozone.

trend: Aktien sind heuer gut gestartet. Kann das so weitergehen?
Kreuzkamp: Nach vielen Maßstäben sind Aktien schon sehr hoch bewertet. Aber im Vergleich zu Anleihen sind sie nach wie vor günstig. Auch die steigenden Unternehmensgewinne stimmen uns positiv. 2017 erwarten wir zum Beispiel in den USA acht Prozent Gewinnwachstum, in Europa neun Prozent, in den Schwellenländern sogar elf Prozent. In den USA sind die Ölaktien der Haupttreiber, in Europa die Bankaktien. Speziell in Deutschland sind es die Automobilbauer, die bereits jetzt 30 Prozent der Gewinne im DAX erwirtschaften, und in Asien die Tech-Werte.


Es besteht ein sehr großes Enttäuschungspotential.

trend: Was ist Ihre bevorzugte Region?
Kreuzkamp: Letztlich haben wir keine starke Präferenz für eine bestimmte Region und raten zu einem globalen Aktienmix. Dafür sprechen auch die insgesamt deutlich niedrigeren Kursschwankungen im Vergleich zu einem konzentrierten Investment in eine Region mit ihren spezifischen Risiken: In Deutschland hängt viel an den Autobauern und die könnten unter neuen US-Einfuhrsteuern leiden. In den Schwellenländern sind die Handelsunsicherheiten wegen der US-Politik ebenfalls hoch. In den USA könnte die steigende Lohninflation auf die Gewinne drücken. Andererseits gibt es dort auch einen echten Joker: Wenn es Trump tatsächlich gelingt, die Steuern auf Unternehmensgewinne von 35 auf 20 Prozent zu senken, könnte das die 2018er-Gewinne deutlich beflügeln. Der Haken: Die Anleger haben das schon längst einkalkuliert.

trend: Und wenn Trump scheitert?
Kreuzkamp: Genau das ist das Problem. Es besteht ein sehr großes Enttäuschungspotential, wenn es nicht so gut wird wie erwartet. Und das gilt nicht nur beim Punkt Steuern. Das Fundament unserer Weltordnung beruhte auf einer stabilen Partnerschaft zwischen den USA und Europa. Es gibt jetzt aber zunehmend protektionistische Tendenzen in den USA, Stichwort „America first“. Alles auf die USA zu schieben ist aber falsch, auch in Europa wächst der Populismus, die Stabilität der westlichen Demokratien ist in Gefahr. Dazu kommen weitere Unsicherheiten, zum Beispiel die anstehenden Wahlen in Frankreich und Deutschland sowie die Folgen des Brexits.

trend: Haben nicht politische Börsen meistens kurze Beine?
Kreuzkamp: Ja, aber das stimmt nicht immer. Sollte Marine Le Pen die französischen Präsidentenwahlen gewinnt, haben wir einen möglichen Euro-Austritt Frankreichs auf der Agenda.

trend: Was heißt das kurzfristig für Aktien?
Kreuzkamp: Die Kursziele, die wir uns am Jahresende gesetzt haben, sind bereits erreicht. Die Kurse sind schon etwas überreizt, aber natürlich sind noch weitere drei bis fünf Prozent möglich. Es schadet in dieser Situation nicht, sich jetzt etwas konservativer zu positionieren. Ein Rückschlag an den Börsen wäre keine Überraschung. Aber eine Kurskorrektur wäre auch wieder eine Kaufgelegenheit.

trend: Welche Strategie empfehlen Sie Aktienanlegern auf längere Sicht?
Kreuzkamp: Dividendenaktien sorgen für Stabilität im Depot. Das gilt historisch auch für Phasen steigender Zinsen. In den USA hatten wir in den vergangenen 15 Jahren sieben Phasen mit über einem Prozentpunkt höheren Zinsen. Im Schnitt haben in diesen Zeiten Dividendenaktien um vier Prozent zugelegt. Noch besser liefen unterbewertete Value-Aktien, die von der Beschleunigung der Wirtschaft in den USA und auch weltweit profitieren können. Und das größte Zukunftsthema ist für mich die Biotechnologie.

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