Die Zukunft der Vorsorge

Die Zukunft der Vorsorge

Blick nach vorn: Die Form der finanziellen Vorsorge wird sich für jüngere Jahrgänge gegenüber bisherigen Modellen stark ändern.

Die tiefen Zinsen haben spürbare Auswirkungen auf klassische Lebensversicherungen. Die Assekuranzen reagieren und passen die Produkte an.

Der tiefe Fall der Zinsen macht vor der klassischen Lebensversicherung nicht halt. Der Garantiezins für neue Verträge sinkt von bisher 1,5 Prozent ab Anfang 2016 auf maximal ein Prozent. Zwar wird dieser Zinssatz durch die variable Gewinnbeteiligung aufgefettet, aber auch bei der resultierenden Gesamtverzinsung zeigt der Wert nach unten. Wurden heuer von den meisten Instituten noch zwischen drei und 3,25 Prozent gutgeschrieben, dürfte im kommenden Jahr häufig eine Zwei vor dem Komma stehen.

Polizzen am Prüfstand

Die politisch gewollten tiefen Zinsen für Staatsanleihen haben noch einschneidendere Auswirkungen: Die Assekuranzen sortieren Produkte aus, die sich in der gegenwärtigen Zinslandschaft nicht mehr rechnen. In Deutschland haben mehrere Gesellschaften bereits den Verkauf von Lebensversicherungen mit Garantiezins gestoppt, weil die Polizzen unattraktiv werden. Auch in Österreich hat der Abschied vom gewohnten Klassiker bereits begonnen . Sogar die erst im Jahr 2003 eingeführte prämiengeförderte Zukunftsvorsorge ist bereits wieder auf dem Rückzug. Mit Uniqa und Allianz bieten zwei große Gesellschaften keine neuen Zukunftsvorsorge-Verträge mehr an. Andere Institute werden folgen. Auch hier spielen die mageren Zinsen eine Rolle: Die gesetzlich vorgeschriebene Kapitalgarantie lässt sich derzeit bei diesem Mischprodukt aus Anleihen und Aktien nur unter hohen Kosten sicherstellen.

Die Assekuranzen reagieren auf diese Herausforderungen mit neuen Produktgenerationen. Die Allianz verkauft heuer unter dem Namen Fixkosten Plus eine Lebensversicherung, bei der der Garantiezins auf null gesenkt wurde. Dafür steigt die Gesamtverzinsung im Vergleich zu traditionellen Polizzen dank Schlussbonus um durchschnittlich 0,3 Prozent im Jahr. Uniqa und Raiffeisen haben bereits zu Jahresanfang die privaten Lebensversicherungen komplett umgestellt. Der Garantiezins wird generell durch eine Kapitalgarantie auf die eingezahlten Beiträge nach Abzug der Versicherungssteuer ersetzt. Außerdem werden die Abschlusskosten nicht am Anfang fällig, sondern auf die gesamte Laufzeit aufgeteilt. Damit sind diejenigen Kunden bessergestellt, die die Versicherung nicht bis zum letzten Tag der Laufzeit durchhalten. Und das ist fast der Regelfall: Etwa die Hälfte aller Polizzen wird vorzeitig zurückgekauft.

Wolfram Littich, Allianz-Chef: "Wir werden in Zukunft mehr fondsgebundene Lebensversicherungen kaufen."

Eine ähnliche Konstruktion hat die Helvetia bei ihrem CleVesto Fondssparplan gewählt. Bei dieser Fondspolizze werden die Kosten ähnlich wie bei einer Bank nicht vorweg verrechnet, sondern erst zum Zeitpunkt der Einzahlung. Helvetia-Vorstand Werner Panhauser: "Solche Produkte werden wegen der KESt-Befreiung von Fondspolizzen zunehmend interessant für Anleger, die bisher Fonds auf dem Bankdepot gehalten haben." Auch Allianz-Chef Wolfram Littich rechnet mit einer steigenden Zahl von Fondspolizzen - vor allem dann, wenn die Zinsen noch länger im Keller bleiben.

Um sicherheitsorientierten Kunden einen schaumgebremsten Einstieg in Fonds zu ermöglichen, werden zunehmend Hybridversicherungen verkauft. Diese legen einen Teil der Prämie betont vorsichtig und den anderen mit Chancen auf höhere Erträge an. Wiener-Städtische-Vizegeneraldirektorin Judit Havasi: "Mischformen aus klassischer Lebensversicherung und fondsgebundenem Anteil werden beliebter." Aktuell hat die Städtische mit dem Plus Invest eine zeitlich begrenzte Variante im Angebot, bei der der Anteil des vorgegebenen "RT Panorama"-Fonds zwischen 30 und 70 Prozent variiert werden kann. Bei der Generali heißt ein ähnlich konstruiertes Hybridprodukt LifePlan. Zusätzlich können die Versicherten zwischen mehreren Fonds wählen.

Judit Havasi, Wiener Städtische-Vorstand: "Mischprodukte aus Garantieverzinsung und Fonds werden beliebter."

Lebenslange Zusatzzahlung

Wer heute vor der Wahl steht, sich das Versicherungsguthaben entweder in einem Einmalbetrag oder in Form einer lebenslangen Zusatzpension auszahlen zu lassen, sollte sich die Entscheidung reiflich überlegen. Das gilt ganz besonders für Männer. Hintergrund: Die Versicherungen rechnen zur Vorsicht bei der Monatsrente mit sehr langen Lebenserwartungen. Rainer Kaufmann, Experte von Ernst & Young:

"Bei einer heute 60-jährigen Person wird mit einer restlichen mittleren Lebenserwartung von 28,8 Jahren kalkuliert." Dieser Wert ist gemäß den neuen Unisex-Regeln für Männer und Frauen gleich, obwohl Männer statistisch rund fünf Jahre kürzer leben und damit auch die Gesamtrentenzahlung meist geringer ausfällt. Nur Bezieher einer Privatpension, die 89 Jahre alt oder noch älter werden, gewinnen die "Langlebigkeitswette". Die Chancen stehen für Frauen deutlich besser. Uniqa-und Raiffeisen-Versicherungs-Vorstand Peter Eichler: "Die neuen Unisex- Regeln haben die Situation für Männer sicher nicht verbessert. Generell besteht bei der Auszahlung von Versicherungsguthaben in Form einer lebenslangen Zusatzpension Bedarf nach neuen intelligenten Lösungen."

Peter Eichler, Uniqa-Vorstand: "Neue Gesundheitsprüfungen könnten die Zusatzpensionen für nicht Gesund erhöhen."

Nicht nur Männer sind benachteiligt, sondern auch alle, die gesundheitlich angeschlagen sind. Wer heute mit 60 schon einen Herzinfarkt erlitten hat, wird kaum 89 werden. Eichler: "Hier könnten Gesundheitsprüfungen zum Pensionsantritt eine Lösung sein: Wer schon krank ist, bekommt dann eine entsprechend höhere Rente." Auch die Absenkung der Garantiezinsen auf ein Prozent bringt die privaten Zusatzpensionen unter Druck. Generali-Chef Peter Thirring: "Die Höhe der garantierten Monatspension fällt dadurch am Anfang relativ niedrig aus und wird am Ende immer höher. Die Frage ist, ob das sinnvoll ist. Die Auszahlung muss sicher deutlich flexibler werden."

Peter Thirring, Generali-Chef: "Die Auszahlung privater Zusatzpensionen muss deutlich flexibler werden."

Ein Tipp für alle, die jetzt schon vor der Rentenphase stehen und nicht mit einem extrem langen Leben rechnen: Es gibt auch zeitlich befristete Pensionen, bei denen im Falle eines frühen Todes den Hinterbliebenen ein nicht abgerufenes Kapital gutgeschrieben wird. Haken: Bei unerwartet langer Lebensdauer ist das Geld vorzeitig aufgebraucht.

Eines ist, so Allianz-Chef Wolfram Littich, jedenfalls sicher: "Der Bedarf an Produkten, die die finanziellen Folgen der Langlebigkeit absichern, wird stark zunehmen. Dazu gehören auch Produkte, die die im Alter auftretenden hohen Pflegekosten decken."

Zusatzpension

Länger leben: Neben den tiefen Zinsen ist die steigende Lebenserwartung eine enorme Herausforderung für die Altersvorsorge. Private Pensionsversicherungen kalkulieren für ein heute fünfjähriges Kind mit einer weiteren Lebenserwartung von durchschnittlich 91 Jahren. Die große Frage: Wie kann der gewohnte Lebensstandard auch im Alter von über neunzig Jahren aufrechterhalten werden?

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