Wirtschaft in China bricht weiter ein: Die Auswirkungen

China kämpft mit hohen Schulden, langsamerem Wachstum und starkem politischen Einfluß. Chancen für Anleger gibt es trotzdem.

China kämpft mit hohen Schulden, langsamerem Wachstum und starkem politischen Einfluß. Chancen für Anleger gibt es trotzdem.

Die chinesische Wirtschaft läuft so schlecht wie zuletzt vor 25 Jahren. Die Ursachen für den Abschwung, wie Ökonomen die weitere wirtschaftliche Entwicklung einschätzen, wie stark Europa davon betroffen ist und was das für die Börse in China bedeutet.

Untrügliche Zeichen eines Abschwungs

Die chinesische Wirtschaft hat alleine zwischen 2008 und 2009 ein Drittel zur weltweiten Wirtschaftsleistung beigetragen. Nun schwindet die Nachfrage in China stärker als von vielen Experten erwartet. Im Mai sanken die Importe um 17,6 Prozent, die Exporte um 2,5 Prozent. Ein untrügliches Signal für eine schwächelnde Binnenkonjunktur.

Chinas Wirtschaft leidet vor allem unter dem Abschwung auf dem Immobilienmarkt und Überkapazitäten in der Industrie. Andrew Swan, Asien-Aktienchef des milliardenschweren Fondsplayers BlackRock: „Bisher basierte der Boom auf Exporten, unterstützt von massiven Investments, billigen Löhnen und eine explosionsartige Vergabe von Krediten. Diese Wachstumsformel funktioniert nicht mehr.“ So haben etwa Schattenbanken, die Kredite parallel zu den regulären Banken vergeben haben, den Kreditboom massiv befeuert. Dieses System ist man dabei zu eliminieren.

Es dürfte weiter abwärts gehen

Das Ende der Abwärtsspirale dürfte auch noch nicht erreicht sein. "Die chinesische Wirtschaft hat den Boden noch nicht gefunden", konstatiert Ökonom Liu Yaxin von China Merchants Securities in Shenzhen. "Die Lage dürfte auch in den kommenden vier, fünf Monaten gedämpft sein."

Geringstes Wachstum seit 25 Jahren

Bereits 2014 hatte es für die chinesische Wirtschaft nur noch zu 7,4 Prozent Wachstum gereicht. Das ist viel für europäische Verhältnisse, in China aber der kleinste Zuwachs seit einem Vierteljahrhundert. Nun hält das Wachstum bei sieben Prozent.

Industrie und Konsum leiden am stärksten. So ist die chinesische Industrie im Mai den dritten Monat in Folge geschrumpft. Der von der Großbank HSBC und dem Markit-Institut erhobene Einkaufsmanagerindex lag endgültigen Daten vom Montag zufolge bei 49,2 Punkten nach 48,9 im April. Das war leicht besser als die vorläufigen Daten, die einen Wert von 49,1 ermittelt hatten. Damit lag das Barometer unter der Marke von 50 Punkten, die Wachstum signalisiert.

Autoabsatz fällt auf den niedrigsten jemals gemessenen Wert

Für die Wirtschaft in Deutschland oder auch Österreich ist der Rückgang eine schlechte Nachricht. Alleine die Deutschen verkauften im Jahr 2014 Waren im Wert von fast 75 Milliarden Euro dorthin - nur in Frankreich, den USA und in Großbritannien wurde mehr umgesetzt. Für die USA ist China ebenfalls einer der wichtigsten Handelspartner – sowie der größte Kreditgeber. Die meisten Wirtschaftsmächte sind ähnlich eng mit China verflochten.

Für den Export besonders wichtig ist der chinesische Automarkt. Der ist im Mai allerdings nur noch um 3,8 Prozent gewachsen. Damit fiel die Wachstumsrate des inzwischen weltweit größten Automarkts auf den niedrigsten jemals gemessenen Wert für den Monat Mai. Ausländische Hersteller sind am stärksten betroffen. Während der größte chinesische SUV-Hersteller, Great Wall Motor, den Umsätze im Mai um 26 Prozent steigern konnte, musste US-Autobauer General Motors trotz Rabatten einen Umsatzrückgang von vier Prozent hinnehmen. Auch Premium-Autobauer wie BMW und Audi leiden. Bei beiden stagniert der Absatz, der einst hohe zweistellige Zuwächse verbuchte. Das liegt auch daran, dass Luxusautos weniger nachgefragt werden.

Auch das Jahresziel des Massenherstellers Volkswagen ist in Gefahr. VW verkaufte zuletzt um 2,4 Prozent weniger in der Volksrepublik. Experten glauben, dass vor allem eine verfehlte Modellpolitik, allen voran ein fehlendes Billigauto, die Ursache für die schwache Nachfrage ist.

Aktienmarkt bricht ein

Die Folge der starken Rückgänge: Das chinesische Aktienbarometer Hang Seng brach nach starken Zuwächsen im vergangenen Monat um Minus 1,78 Prozent ein. Fondsmanager sind dennoch mitunter positiv für den Aktienmarkt gestimmt.

Auf diese vier Entwicklungen kommt es an

Vier Entwicklungen werden von Anleger und Ökonomen derzeit besonders mit Argusaugen beobachtet: Ob es China gelingt das ausufernde Kreditvolumen in den Griff zu bekommen, ob ein Wandel der chinesische Wirtschaft hin zu mehr Serviceorientierung gelingt, ob das Risiko eines weiteren Rückgangs der Immobilienpreise eingedämmt werden kann und wie stark die Fähigkeit der Regierung ist, die Wirtschaft kurzfristig zu stimulieren.

Leitzinsen vor Senkung

Um die Wirtschaft anzukurbeln, dürfte die Zentralbank neuerlich Maßnahmen ergreifen. Diese hat bereits dreimal binnen eines halben Jahres ihren Leitzins gesenkt, um mit billigerem Geld Investitionen und Konsum anzuschieben. Zudem müssen die Banken weniger Geld bei ihr deponieren, was ihnen größeren Spielraum für die Kreditvergabe lässt.

Immobilienverkäufe um zehn Prozent zurückgangen

Heikel ist auch die Entwicklung am Immobiliensektor: Die Preise für neue Wohnungen in China fallen seit Monaten. Die Verkäufe sind um zehn Prozent zurückgegangen. Hinzu kommt: Der Immobilienmarkt steht für 15 Prozent der Wirtschaftsleistung Chinas. Doch Andrew Swan, Asien-Aktienchef des milliardenschweren Fondsplayers BlackRock, glaubt, dass sich der Markt erholt. "Die Regierung wird die Preise stützen und die Bauindustrie unterstützen indem sie in die Infrastruktur investiert."

"Stärkerer Einbruch als bisher prognostiziert"

Dennoch fällt die Gesamtanalyse verhalten aus. Swan: "Die chinesische Wirtschaft wird wahrscheinlich stärker an Fahrt verlieren, als es die offiziellen Statistiken andeuten. Eine harte Landung sei aber unwahrscheinlich." Daher bleibt BlackRock bei seinem Übergewicht prozyklischer chinesischer Werte.

BlackRock zufolge verfügen die politischen Entscheider über glaubwürdige langfristige Pläne und kurzfristige Instrumente, um die bestehenden Herausforderungen zu meistern. Beispielsweise dürfte die Bank of China Zinsen und Einlagensätze weiter senken. Zudem scheine die Regierung willens, den Immobilienmarkt und die Baubranche durch Investitionen in Infrastruktur zu unterstützen.

Investoren sollten China eher als einen Kontinent und weniger als ein Land betrachten, rät BlackRock. Schließlich entwickelten die einzelnen Regionen sich unterschiedlich: Im Nordosten mit seiner Schwerindustrie und dem Westen mit seinen Minenunternehmen lasse das Wachstum zwar nach. Die dicht besiedelten Küstenregionen entwickelten sich aber nach wie vor stark.

Matthew Vaight, Manager des M&G Global Emerging Markets Fund, erklärte gegenüber der Onlineplattform Onvista.de, er halte die Sorge um die volkswirtschaftliche Entwicklung für unbegründet. Viele chinesische Unternehmen würden vielversprechende Forschung und Entwicklung betreiben.

Im Hinblick auf die Bewertungen stellt BlackRock fest, dass einige Segmente des A-Aktienmarktes vom chinesischen Festland überhitzt scheinen. Attraktiver seien die Hongkonger H-Aktien, vor allem Banken, Immobilienentwickler, Werte aus dem Bereich erneuerbare Energien sowie Unternehmen geringer und mittlerer Marktkapitalisierung. Zudem lohnten ausgewählte chinesische Anleihen aufgrund ihrer relativ hohen Renditen und begrenzter Durationsrisiken einen Blick.

Doch Vorsicht ist geboten. Swan:


China kämpft mit zu vielen Schulden, zu geringem Wachstum und zu starkem politischen Einfluß

Doch nach Einschätzung von BlackRock-Experte Swan sollten Anleger nicht nur auf Basis dessen ihre Anlageentscheidung fällen, denn kurzfristig gebe es nach wie vor interessante Investmentgelegenheiten. Die Fondsexperten empfehlen nach der Verdopplung der Kurse am Heimmarkt in den vergangenen zwölf Monaten, chinesische Aktien, die in Hong Kong notieren.

Goldman Sachs zählt bei der Einschätzung der chinesischen Wirtschaft zu den Vorsichtigen. Das Überangebot am Immobilienmarkt und eine ihnen nicht glaubhaft erscheinende Stimulierung der Kreditvergabe machen die Asset Manager skeptisch. Die Fondsgesellschaft Atlantis hält einen Rückgang der chinesischen Wirtschaft für "unausweichlich."

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