Inflation: Teuerungsrate gut, alles gut?

Inflation: Teuerungsrate gut, alles gut?
Inflation: Teuerungsrate gut, alles gut?

Inflation: Teurer bedeutet nicht unbedingt ärmer.

Dass leichte Preisanstiege als Zeichen für Wirtschaftsaufschwung gedeutet werden, ist bekannt, darauffolgende Lohn-, Renten- und Immobilienwertsteigerungen sind hingegen längst passé. Mit fatalen Folgen.

Ein unüberhörbares Aufatmen hat in Politik- und Wirtschaftskreisen die Runde gemacht, als auch Statistiken zur Verbraucherpreisentwicklung in der Eurozone es offiziell besiegelt haben: Deflation oder sinkende Preise scheinen vorläufig der Vergangenheit anzugehören.

Laut herrschender Wirtschaftstheorie ist dies ein Grund zur Freude, weil geringfügige Inflationsschübe meistens mit anziehendem Wachstum in Zusammenhang gebracht werden. Gegen diesen (überschätzten) Kausalnexus wäre wenig(er) auszusetzen, wenn Epochen wie die Achtziger Jahre nun nicht nur im Musik- oder Modebereich en vogue wären, sondern auch ein vergleichbarer Wirtschaftsansatz überwiegen würde - sprich: die meisten Wirtschaftswerte an die Inflationsrate gekoppelt wären.

Man lasse sich also zuerst von der Phantasie treiben, um gleich darauf folgende Szenarien zu ermitteln: Immobilienbesitzer (darunter Erben und Beschenkte) hätten beispielsweise ihre Eigentümer an potenziellem Marktwert wachsen sehen können. Inflationsgekoppelte Gehälter hätten einerseits die Kaufkraft von Arbeitnehmern, preis- und lohnindexierte Renten andererseits die von Pensionären geschont. Investoren und Sparer, die sich zumindest nicht für einen zinsvariablen Kredit entschieden hätten, hätten ihrerseits auch von höheren Zinsen profitiert, da letztere bei drohenden Inflationsspiralen zumeist auch angehoben werden.

In Anbetracht dieser Variablen und Unbekannten, die nicht gerade unbeträchtlich sind, kann dennoch nur der Spruch eines berühmten deutschen Politikers, nämlich „Hätte, hätte, hätte. Fahrradkette“, einfallen.

Europäische Inflationsraten (Harmonised Index of Consumer Prices HICP) , in Prozent
2004 2006 2008 2010 2012 2014 Gesamt
EU 2,0 2,2 3,7 2,1 2,6 0,6 +25,3
Eurozone 2,1 2,2 3,3 1,6 2,5 0,4 +22,9
Quelle: Eurostat

Dass Inflationserscheinungen heutzutage noch bedrohlicher als in jenen (längst vergangenen) Zeiten sind, als ihr Druck sich noch mit voller Wucht auf Verbraucherpreise (oder Devisenmärkte) entlud, ist durchaus wahrscheinlich, obwohl Notenbanken immer um beruhigende Worte bemüht sind.

Europaweit zeitbefristete Arbeitsverträge (die weniger Arbeitnehmerschutz gewährleisten), immer seltener oder nur unter Erfüllung bestimmter Voraussetzungen indexierte Löhne und Renten sowie (krisenbedingt) bei Nullwerten verharrende Zinsen tragen zur schleichenden Kaufkraftschmälerung der Gesellschaft bei. Obgleich statutarische Zielvorgaben der Europäischen Zentralbank (Inflation rates of below, but close to, 2% ) oder Wirtschaftsgrößen wie John Maynard Keynes mit seiner Präferenz für In- gegenüber Deflation (Of the two perhaps deflation is […] the worse ) belegen, wie erwünscht ein minimales Inflationslevel ist, könnten heutzutage selbst geringe Preisanstiege nur dann längerfristig bekömmlich sein, wenn sie summa summarum von äquivalenten Mehrlohn-, -renten- und -zinsbezügen begleitet sein sollten.

Man formuliere nun folgendes (stark vereinfachtes) Beispiel: bei Löhnen/Renten von 1.500 und ebenso hohen Güterpreisen (1.500) wäre das bestehende Gleichgewicht schon bei eineinhalbprozentiger Jahresinflation und sporadisch indexierten Wirtschaftswerten bald nicht mehr ein solches. Innerhalb fünf Jahre à 1,5 Prozent Teuerungsrate würden Waren nämlich mehr als 1.615,93 Einheiten kosten.

Selbst im unwahrscheinlichen Szenario ruckartiger zehnprozentiger Erhöhung der Löhne/Renten auf 1.650 (nach fünfjähriger Durststrecke) lägen sie knapp oberhalb des Preislevels der gleichen Güter nach fünf Jahren Inflation: da Lohnerhöhungen zumeist Anstiege der Preise nachziehen, die vermutlich schon bald nicht mehr 1.500 betragen würden, ist der vorläufige Vorsprung nur ein Pyrrhussieg. Gehälter sind nämlich bei verhältnismaessig nicht mehr so vitalen Produktivitätssteigerungen schon der Unterlegenheit verschrieben.

Vollständige Preisindexierungen von Gehältern und Renten sind bei Staaten zumeist unbeliebt, um Inflationsspiralen vorzubeugen und gleichzeitig Ausgaben einzudämmen: auch deswegen ist die Inflationskopplung in Industrieländern, wo Preisanstiege sich laut offizieller Statistiken bekanntermaßen in Grenzen halten, so ungewöhnlich. Vernachlässigt wird aber umso mehr, dass höhere Gehälter- und Rentenauszahlungen (bei unverdrossener „kalter Progression“) zu sprudelnden Steuereinnahmen, während Konsumausgaben (da sie die wichtigste BIP-Komponente sind) seit eh und je zum Wirtschaftswachstum beitragen würden.

Preise für Wohnimmobilien (Index, 1995 = 100 (Einheiten)

Zu guter Letzt sei noch auf das italienische Fallbeispiel hingewiesen, das schon seit Dekaden ein traditionsreiches Faible für Immobilienkäufe prägt. Warum sollte man aber ausgerechnet auf eine Wirtschaft blicken, die vor Jahrzehnten gegen hohe Inflationsraten (z. B. von 21,3% im Jahre 1980 ) anzukämpfen gehabt hat?

Interessanterweise haben die meisten Eigenheimbesitzer Anfang der Siebziger gerade in Häuser und Wohnungen zu verhältnismäßig günstigen Preisen investiert, die sich ausgerechnet dank starker Inflationsschübe binnen weniger Jahre massiv aufgewertet haben. Natürlich sind auch in anderen Nationen Immobilienpreise gewachsen (und haben sogar höhere Niveaus erreicht). Der markante Unterschied zu Italien liegt aber darin, dass nur in wenigen Ländern Wohnimmobilien eine psychologisch so starke Rolle verkörpert haben.

Legt diese Geschichte vielleicht nahe, dass (selbst starke) Inflation doch nicht so schlimm ist? Nicht doch, aber die klare Botschaft lautet dennoch: teurer bedeutet nicht unbedingt ärmer - zumindest nicht, wenn entsprechende Gegenmaßnahmen getroffen werden sollten. Dass die Aufholjagd sich bei fehlender Indexierung von Wirtschaftswerten und selbst niedriger Inflation häufig als unmöglich - ein bisschen wie im legendären Schildkrötenmythos Zenons von Elea - erweist, steht außer Frage. Weil in vielen Euroländern aufgrund veräußerter Geldpolitik und stringenter Etatvorschriften zudem immer mehr zu Fiskalmaßnahmen zurückgegriffen wird, ist die irreparable Schwächung der Mittelschicht (ceteris paribus) nur eine Frage des Wartens.

Der Autor

Edoardo Beretta Dr. sc. ec. (PhD), Post-Doc Forschungs- und Lehrassistent
Università della Svizzera italiana (USI) Lugano – Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät

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