Brent-Ölpreis rutscht unter 60 Dollar - vor Trendwende?

Seit dem Sommer sind die Ölpreise um fast 45 Prozent eingebrochen, derzeit kostet Rohöl so wenig wie seit mehr als fünf Jahren nicht mehr. Das sind schlechte Nachrichten für Russland, Venezuela - und für Umweltschützer. Doch die Trendwende ist in Sicht, sagt ein Experte.

Brent-Ölpreis rutscht unter 60 Dollar - vor Trendwende?

Die Ölpreise haben ihre Talfahrt am Dienstag weiter fortgesetzt. Der als wichtige Ölpreisbenchmark geltende Future auf die Rohölsorte Brent notierte gegen 11.00 Uhr in London bei 59,46 Dollar je Barrel (159 Liter). Der Brent-Ölpreis ist damit erstmals seit 2009 unter die psychologisch wichtige Marke von 60 Dollar pro Fass gefallen. Am Montag notierte der Brent-Future zuletzt bei 61,06 Dollar.

Der Preis für OPEC-Öl ist am Montag auf 57,92 Dollar pro Barrel gefallen. Am Freitag hatte das Barrel nach Angaben des OPEC-Sekretariats in Wien noch 58,65 Dollar gekostet. Der OPEC-Preis setzt sich aus einem Korb von zwölf Sorten zusammen.

Seit diesem Sommer sind die Ölpreise eingebrochen, mittlerweile beträgt der Rückgang fast 45 Prozent. Das Rohölkartell OPEC ist gespalten: Einige Länder wollen die Förderung zurückfahren, um das überschüssige Angebot vom Markt zu nehmen. Stark beschädigt wurde durch den Verfall des Ölpreises etwa das südamerikanische Land Venezuela, das 96 Prozent seiner Deviseneinnahmen mit dem Export von Erdöl erwirtschaftet. Auch für Russland, das allerdings kein OPEC-Mitglied ist, sind die Zeiten hart.

Preisentwicklung Brent: Öl ist so billig wie es in den letzten fünf Jahren nicht war.

Mächtige Kartellmitglieder wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate halten (VAE) aber gegen eine Reduzierung der Fördermengen: Sie scheinen zu versuchen, Marktanteile zu verteidigen oder zu erobern, indem sie Konkurrenten wie amerikanische Schieferölproduzenten mit niedrigen Preisen unter Druck setzen - dies wurde von der OPEC am vergangenen Wochenende jedoch abgestritten.

Gute und schlechte Gründe

Der Verfall des Ölpreises hat gute ebenso wie schlechte Gründe. Denn erstens wurde durch den Boom der Schieferöl- und Schiefergas-Produktion in den USA das Angebot stark erhöht - was Unternehmer freuen sollte, zumal ein größeres Angebot naturgemäß die Preise senkt und somit die Betriebskosten bei energieintensiven Betrieben sinken. Der zweite Grund für den Fall des Ölpreises ist jedoch ein schlechter, und zwar auf volkswirtschaftlicher Ebene: Auf Grund schwacher Konjunkturdaten in Europa und Asien sinkt die Nachfrage nach dem schwarzen Gold - und auch das drückt die Preise.

So waren es am Dienstag schwache Konjunkturdaten aus China, die den Ölpreis weiter auf Talfahrt schickten: Das von der Bank HSBC ermittelte Konjunkturbarometer der chinesischen Einkaufsmanager fiel im Dezember auf 49,5 Punkte und lag damit unterhalb der Schwelle von 50 Zählern, die Wachstum signalisiert. Wachstum gibt es zwar nun wieder in den USA - aber die dortige erhöhte Nachfrage wird durch Fracking locker ausgeglichen.

Schlechte Nachrichten sind die fallenden Ölpreise aber auf jeden Fall für Umweltschützer. Denn erstens ist die Fracking-Methode stark umstritten und in Europa nur bedingt zugelassen; zweitens kommt die Entwicklung nun auch beim Autofahrer an - für den es nun weniger Anreiz gibt, in umweltfreundliche Elektroautos statt in spritschluckende SUVs zu investieren. Dass nicht der ganze Preisvorteil von 45 Prozent beim Konsumenten ankommt liegt einerseits am gleichzeitigen Wertverlust des Euro gegenüber dem Dollar - Öl wird in Dollar gehandelt - und andererseits am hohen Steueranteil beim Spritpreis.

Trendwende in Sicht?

Analyst Michael Kopmann von der DZ Bank bezeichnete den Ölpreis-Rutsch von etwa 50 Prozent seit dem Sommer jedoch als übertrieben. Er rechne mit einer baldigen Trendwende, "denn der Ölpreis-Verfall dürfte nennenswerte konjunkturelle Schubkraft erzeugen." In den Industrieländern könne mit einem anziehenden Konsum gerechnet werden. Die US-Einzelhändler verbuchten bereits einen verheißungsvollen Start ins wichtige Weihnachtsgeschäft.

Außerdem habe China in der Vergangenheit fallende Preise häufig dazu genutzt, die strategischen Reserven aufzufüllen, fügte Kopmann hinzu. "Die sich jüngst deutlich erhöhende Zahl in Richtung Asien fahrender Rohöl-Supertanker und der damit verbundene massive Charter-Raten-Anstieg für 'Asien-Routen' unterstützen diese 'Schnäppchenjagd-These'." Der Index für die Miete eine Tankschiffs hat seit Ende September knapp 50 Prozent zugelegt.

Nach Einschätzung der Commerzbank-Analysten ist ein Ende der Talfahrt allerdings nicht in Sicht - da es derzeit noch keine sichtbaren Anzeichen für eine anziehende Nachfrage oder eine Angebotseinschränkung außerhalb der OPEC gibt, heißt es von den deutschen Experten. Aktuelle Positionierungsdaten zeigen zudem, dass der Ölpreisrückgang nicht spekulativ getrieben ist. "Im Gegenteil, die spekulativen Netto-Long-Positionen bei Brent und WTI sind zuletzt sogar gestiegen", schreiben die Analysten.