Schwellenländer: Massive Kapitalflucht setzt ein

Schwellenländer: Massive Kapitalflucht setzt ein

Die nachlassende Flut von billigem Geld der Notenbanken ist die größte Gefahr für die Kapitalmärkte in Schwellenländern. Als besonders gefährdet gelten die "Fragilen Fünf". Das sind Brasilien, Indien, Indonesien, Südafrika oder der Türkei. Diese Länder stehen kurz vor Wahlen und sind besonders stark auf ausländisches Kapital angewiesen.

Bereits 2013 haben Kursturbulenzen in Schwellenländern einige Kopfschmerzen bereitet. Die Situation könnte sich nach Einschätzung von Experten 2014 in mehreren Ländern sogar verschärfen. Schon jetzt fließt wegen der Straffung der US-Geldpolitik weniger ausländisches Kapital in die aufstrebenden Volkswirtschaften.

Für zusätzliche Verunsicherung sorgen die anstehenden Wahlen in zahlreichen Ländern wie Brasilien, Indien, Indonesien, Südafrika oder der Türkei. In den sogenannten "Fragilen Fünf", die besonders stark auf ausländisches Kapital angewiesen sind, sind Parlaments-oder Präsidentenwahlen - in Indonesien sogar beides - geplant. Dort hat die Konjunktur bereits stark an Fahrt verloren.

Anleger verlassen Brasilien

Besonders starkt ist die negative Tendenz in Brasilien. Der jahrelange Ansturm von Anlegern auf Brasilien hat sich im vergangenen Jahr abrupt in eine Flucht gewandelt. Brasilien verzeichnete 2013 mit 12,3 Milliarden Dollar den höchsten Abfluss von Devisen seit über einem Jahrzehnt, wie aus am Mittwoch veröffentlichten Daten der brasilianischen Notenbank hervorgeht. Für den bevölkerungsreichsten Staat Südamerikas ist die Zahl auch das erste negative Ergebnis seit der globalen Finanzkrise 2008.

Zuletzt waren Investoren im Jahr 2002 wegen der Wahl von Luiz Inacio Lula da Silva zum Präsidenten aus Brasilien panikartig geflohen. Damals betrug der Abfluss knapp 13 Milliarden Dollar. Während der Finanzkrise hatte sich Anleger dagegen auf der Suche nach Rendite über Jahre hinweg regelrecht darum gerissen, ihr Geld in Brasilien zu investieren.

Hintergrund für die derzeitige Misere ist unter anderen das hohe Außenhandelsdefizit und der Verfall der Landeswährung Real. Brasilien macht zudem eine hohe Inflation zu schaffen, welche den Konsum bremst. Die Notenbank hatte deswegen den Leitzins Ende 2013 auf zehn Prozent angehoben. Höhere Zinsen bremsen aber zugleich die Investitionen der Industrie. Außerdem spürt Brasilien die Straffung der US-Geldpolitik.

Britisches Investmenthaus warnt vor Kapitalflucht

Die Experten des Vermögensverwalters M&G Investments erwarten in den "Fragilen Fünf" einen steigenden Bedarf an Absicherungsgeschäften gegen Währungsverluste oder fallende Anleihekurse.

M&G zufolge verbuchten Anleger mit Schwellenländer-Bonds im vergangenen Jahr selbst unter Berücksichtigung der Zinszahlungen Verluste. Das sei erst das dritte Mal seit 1998. Auf Dollar & Co lautende Staatsanleihen hätten ein Minus von 5,25 Prozent eingefahren, Bonds in den heimischen Währungen sogar neun Prozent. Unternehmensanleihen in Fremdwährungen seien mit einem Verlust von 0,6 Prozent vergleichsweise glimpflich davongekommen.

"2013 war ein Weckruf für die Schwellenländer", betont Yacov Arnopolin, leitender Portfolio-Manager für Schwellenländer-Anleihen bei Goldman Sachs Asset Management. Anleger drängten stärker auf Reformen. "Die Nachricht ist angekommen."

Indien und Mexiko haben bereits damit begonnen, ihre Haushalte zu sanieren, indem sie Subventionen kürzten oder Energiepreise anhoben. Andere Staaten wie Russland oder Südafrika scheuen bisher ähnliche Einschnitte und hoffen auf anhaltend hohe Einnahmen aus ihren Rohstoff-Exporten.

Wahlen als Reformbremse

Die anstehenden Wahlen seien eine weitere potenzielle Reformbremse, warnen die Experten des Research-Hauses Capital Economics. "Die amtierenden Regierungen könnten versuchen, die Chancen für eine Wiederwahl mit populären Ausgabenplänen zu erhöhen und damit das Leistungsbilanzdefizit zu vergrößern."

Zusätzliche Kopfschmerzen bereiten Investoren unvorhersehbare Ereignisse wie Unruhen. Die Kursturbulenzen als Folge des "Arabischen Frühlings" oder des jüngsten Aufstands in der Ukraine haben viele von ihnen kalt erwischt. Darum halten Fondsmanager Ausschau nach Frühwarnsystemen.

Risikoindex wird immer wichtiger

Eines davon ist der "Sovereign Risk Index", in dem Blackrock vierteljährlich 50 Staaten benotet. Dabei bezieht der weltgrößte Vermögensverwalter den Bedarf an ausländischem Kapital, die Steuerpolitik, die Stabilität des Finanzsektors sowie politische Risiken in seine Bewertung ein. Die zum Jahreswechsel neu in den Index aufgenommene Ukraine rangiert auf Platz 45.

Ein Echtzeit-Frühwarnsystem skizzieren die vier Universitätsprofessoren Geert Bekaert, Campbell Harvey, Christian Lundblad und Stephen Siegel in einem Aufsatz für das National Bureau of Economic Research. Hierfür rechnen sie aus den Risiko-Aufschlägen für Staatsanleihen der Schwellenländer die nicht-politischen Faktoren wie Konjunktur oder das Volumen der im Umlauf befindlichen Papiere heraus. Angewandt auf die bisherigen Krisen betonen die Autoren in ihrer Studie, dass der Anstieg dieser Politikrisiko-Aufschläge um einen Prozentpunkt den Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen um zwölf Prozent oder durchschnittlich 305 Mio. Dollar (223,6 Mio. Euro) nach sich gezogen hat.

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