Was tun nach der Franken-Freigabe? Fragen und Antworten

Was tun nach der Franken-Freigabe? Fragen und Antworten
Was tun nach der Franken-Freigabe? Fragen und Antworten

Die Kursentwicklung von Euro und Franken wirft viele Fragen auf.

Nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses von 1,20 Franken je Euro durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) fragen sich viele Betroffene, wie es nun weitergeht. Die neun wichtigsten Fragen und Antworten zum Franken-Euro-Wechselkurs.

Geschätzte 220.000 Österreichern, etlichen Unternehmen und vielen Gemeinden haben am Vormittag des 15. Jänner 2015 einen heftigen Schock erlitten. Die Schweizerische Nationalbank hat den vor mehr als drei Jahren, im September 2011, eingeführten Mindest-Wechselkurs von 1,20 Schweizer Franken (CHF) zu einem Euro (EUR) aufgehoben. Franken auf. "Der Mindestkurs wurde in einer Zeit der massiven Überbewertung des Franken und größter Verunsicherung an den Finanzmärkten eingeführt", begründete SNB-Chef Thomas Jordan den überraschenden Schritt, "der Franken bleibt zwar hoch bewertet, aber die Überbewertung hat sich seit Einführung des Mindestkurses insgesamt reduziert."

"Wie geht es nun weiter?", fragen sich die Betroffenen, die in der Schweiz Geld geliehen hatten. Ihre Schulden sind durch den Schritt der SNB um gut 20 Prozent gestiegen. Format.at hat nachgefragt und Antworten auf die zehn dringendsten Fragen gesammelt.

Was sollen private Kreditnehmer jetzt tun?

Die wichtigste Antwort zuerst: Ruhe bewahren. Bloß jetzt nichts überstürzen. Auch wenn es über Nacht quasi zu einer "Schuldenexplosion" gekommen ist, wie das Beispiel nun zeigt: Ein Kredit in Höhe von 200.000 Franken hatte vor Weihnachten noch ein Gegenwert von rund 166.667 Euro - bei einem Wechselkurs von 1 Euro zu 1,20 Franken. Mit heutigem Tag kostet der Fremdwährungskredit bei 1,01 Franken für 1 Euro um rund 30.000 Euro mehr - rund 196.000 Euro.

Bei Frankenkrediten mit einer Restlaufzeit von zwei bis drei Jahren gibt es akuten Handlungsbedarf. Die Kreditnehmer sollten unbedingt das Gespräch mit ihrer Bank suchen.

Bei Kreditnehmern mit längeren Restlaufzeiten wird von den Experten geraten, den Frankenkredits in einen normalen Euro-Kredit (oder nur einen Teil davon umwandeln) umzuwandeln. Das reduziert zumindest das Währungsrisiko. Die monatliche Rückzahlung des Euro-Kredits muss für den Kreditnehmer aber auch leistbar sein. Eine Verlängerung der Restlaufzeit (etwa von 15 auf 20 Jahre) des Frankenkredits kann die laufende Rückzahlungsverpflichtung senken.

Vor der Wirtschaftskrise wurden Privathaushalten Frankenkredite als vermeintlich günstige Mittel zur Finanzierung verkauft - Konsumentenschützer verwenden gerne das Wort "angedreht". Viele Kreditnehmer wurden nur unzureichend darüber aufgeklärt, was auf sie zukommen kann. In der Regel wurde argumentiert, dass Frankenkredite sicher und aufgrund des Zinsvorteils, der in der Schweiz im Vergleich mit Österreich bestand, auch günstiger wären. Nur eine damals scheinbar unmögliche Weltwirtschaftskrise könne Probleme bereiten.

Ab 2007 wurde das Unvorstellbare doch Realität. Ausgehend von einer Immobilienpreis-Blase entwickelten sich eine Finanzkrise eine Bankenkrise, eine Schuldenkrise und eine Währungskrise, der die SNB 2011 mit dem nun wieder aufgehobenen Mindestkurs konterte.

Peter Kolba, Chefjurist des Vereins für Konsumenteninformation (VKI), empfiehlt jetzt einen klaren Kopf zu bewahren und nichts zu überstürzen. Die Banken hätten keine Handhabe, von den Kreditnehmern mehr Sicherheiten zu verlangen. Dazu gäbe es bereits eine Reihe von Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs (EuGH). "Für Franken-Kreditnehmer, die ihre Kredite bald zurückzahlen müssen kann es heikel sein", meint Kolba. Alle anderen sollten sich nicht beunruhigen lassen, denn wie der Franken zum Euro in zehn oder 20 Jahren steht, sei noch nicht vorhersehbar.

Ähnlich argumentieren auch die Finanzberater von Swiss Life Select (SLS), dem früheren Finanzberaungsdienst AWD, der Frankenkredite in großem Stil eingefädelt hat. "Die besondere und vor allem überraschende Situation kann zu Nachteilen für Kunden mit einer Finanzierung im Schweizer Franken führen, wenn diese nunmehr konvertieren", erklärt SLS. "Wie die Vergangenheit mehrmals gezeigt hat, ist das ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt um überstürzte Handlungen zu setzen - vor allem sofortige Konvertierungen." Auch SLS betont, dass das aktuell für Kreditnehmer frustrierende Wechselkurs eine Momentaufnahme und die weitere Entwicklung des Wechselkurses nicht vorhersehbar ist.

Was tun bei Streit mit der Bank?

Auch wenn die Banken das eigentlich nicht dürfen - sie werden versuchen, von den verunsicherten Kreditnehmern mehr Sicherheiten zu bekommen, wenn sie ihre Kredite nicht in den Euro konvertieren. Eine gefürchtete Zwangskonvertierung ist jedoch laut VKI-Experten Kolba nicht zulässig und auch die Forderung nach mehr Sicherheiten eine leere Drohung.

Der VKI bietet Verbrauchern an, ihre Deckungslücke (Frankenkredite werden in der Regel mit endfälligen Tilgungsträgern beglichen) und den aktuellen Schaden auszurechnen. Das kostet 165 Euro. Wer mit seiner Bank in Streit gerät, kann sich auch an die neu gegründete Verbraucher-Schlichtungsstelle (www.verbraucherschlichtung.at), die von der früheren Präsidentin des Obersten Gerichtshofs (OGH) und Leiterin der Hypo-Kommission, Irmgard Griss, geleitet wird, wenden. "Im Unterschied zum Gericht kostet das nichts", so Kolba.

Lohnt es sich, eine Bank zu klagen?

Wirtschaftsanwalt Lukas Aigner von der Kanzlei Kraft &Winternitz ist überzeugt, dass das der Fall ist. In einem Gespräch mit dem Magazin "News" hat Aigner erklärt, dass die von den Banken verkauften Finanzierunsmodelle von Beginn an auf mehr als wackeligen Beinen gestanden wären und den Kunden die Risiken niemals klar kommuniziert worden wären. Im Gegensatz zu den Kunden hätten die Banken wissen müssen, dass die Modelle nicht traffäühig sein würden. "Die Kunden hatten keine Vorbildung, sie hatten keine Kenntnisse und Erfahrungen im Wertpapier-und Kreditgeschäft", meint Aigner.

Da die Banken Prozesse vermeiden wollen, gäbe es eine gute Verhandlungsbasis. Der Fremdwährungskredit mit Tilgungsträger wird einer Euro-Finanzierung mit Rückzahlung gegenübergestellt. Über die Differenz wird verhandelt. Nicht selten erreiche die Wiener Antwaltskanzlei, dass die Banken 50 Prozent des Schadens nachlassen. Dabei geht es um Summen von 40.000 Euro und mehr, die sich Kreditnehmer ersparen. Aigner: "Die Banken sind da schon etwas geläutert und haben mittlerweile einen realistischen Zugang dazu."

Was ändert sich für Gemeinden und Länder?

Zahlreiche österreichische Länder und Gemeinden haben Infrastrukturprojekte mit Frankenkrediten finanziert. Sie sind von den Kursschwankungen genauso betroffen wie Privatkunden. Der einzige wesentlicher Unterschied: Die Gemeinden können selbst bestimmen, wie sie ihre Kredite bedienen. Soll heißen: Sie haben die Möglichkeit, die Rückzahlung der Frankenkredite selbst zu steuern. Sie werden das Problem aussitzen, was aalerdings Jahre dauern kann, da sich ihre Kredite vielfach mit einem Schlag um zweistellige Millionenbeträge verteuert haben. Gemeinden und Länder könnten in der Folge versuchen, die Verluste über höhere Einnahmen wettzumachen. Eine Erhöhung von Kommunalabgaben ist mittelfristig nicht auszuschließen, auch wenn dies von Kommunalpolitkern derzeit vehement abgelehnt wird.

Was bedeutet die Freigabe des Franken-Kurses für Unternehmen?

In der Schweiz wird damit gerechnet, dass die Wirtschaft schrumpft. Für Schweizer Exporteure wird es schwieriger ihre Produkte im Ausland abzusetzen. Davon betroffen sind Pharmakonzerns, Maschinenbauer, Elektronikunternehmen aber auch die komplette Schweizer Zulieferindustrie. Durch Kostensenkungen können die Schweizer Unternehmen die Teuerung nicht abfedern, weil infolge der Finanzkrise die Unternehmen sich schon sehr effizient aufgestellt haben.

Was bedeutet es für Unternehmen, die in die Schweiz liefern?

Für ausländische Unternehmen ergeben sich in der Schweiz neue Chancen. Ihre Produkte werden günstiger. Heißt: EU-Produkte können für die Schweizer günstiger werden. Für die Exporteure in die Schweiz bedeutet das eventuell eine Sonderkonjunktur.

Ob das dem Schweizer Einzelhandel einen Impuls gibt, scheint fraglich angesichts der bisherigen schwachen Konsumneigung und einer drohenden Rezession bei den Eidgenossen. Die Einzelhändler befürchten, dass die Schweizer mit dem nun härter gewordenen Franken über die Grenze nach Italien, Frankreich, Deutschland sowie Österreich zum Einkaufen fahren. Dort bekommen sie nun mehr Euro für ihren Franken. Und die Preise sind jenseits der Grenzen auch günstiger. In grenznahen Regionen der Schweiz sind den Banken schon die Euro-Scheine ausgegangen. Für die Schweizer ist es nun wegen des nun schwächeren Euro billiger geworden im Ausland einzukaufen.

Was bedeutet der neue Wechselkurs für den Einkauf in der Schweiz?

Für Konsumenten, die in der Schweiz einkaufen wollen, wird der Einkauf teurer. Wer Uhren oder Schokolade einkaufen will, muss tiefer in die Tasche greifen. Für eine Luxusuhr zu 8000 Franken mussten vor Weihnachten noch 6664 Euro bezahlt werden - nun kostet sie 7843 Euro. Ob ausländische Ware nun billiger wird, bleibt abzuwarten.

Was bedeutet es für Pendler, die in der Schweiz arbeiten?

Die Freigabe des Euromindestpreises und der folgenden Verteuerung des Frankens beschert den Ausländern mit Arbeitsort Schweiz eine satte Lohnerhöhung. Ein Gehalt von 4000 Franken netto war bis vor kurzem noch 3332 Euro (Stand Weihnachten 2014) wert. Mit dem aktuellen Wechselkurs ist das Gehalt auf 3900 Euro gestiegen.

Was bedeutet das für den Tourismus?

Der Tourismus wird in der Schweiz leiden. Über Nacht müssen Ausländer um 20 bis 30 Prozent mehr für den Urlaub bezahlen. Wer in der Schweiz Urlaub machen will und jetzt erst bucht, für den wird es in der ohnehin schon teuren Schweiz noch teurer. Viele Touristen werden einen Bogen um die Schweiz machen und in die billigeren Euro-Nachbarländer Österreich, Italien oder Frankreich fahren. Für die Schweizer wird es dagegen noch günstiger, ins Euro-Ausland zu reisen. Das könnte die Schweizer Wirtschaft in der Folge weiter beeinträchtigen.

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