Schweizer Notenbank kippt Euro-Mindestkurs: 220.000 Österreicher betroffen

Schweizer Notenbank kippt Euro-Mindestkurs: 220.000 Österreicher betroffen
Schweizer Notenbank kippt Euro-Mindestkurs: 220.000 Österreicher betroffen

Der Euro- und Frankenwechselkurs sind nun nicht mehr aneinander gekoppelt.

Die Schweizer Notenbank (SNB) hat überraschend den vor mehr als drei Jahren eingeführten Euro-Mindestkurs von 1,20 zum Schweizer Franken abgeschafft. Der Franken steigt in der Folge stark. Begründet wurde der Schritt unter anderem mit dem starken Dollar und der anhaltenden Euro-Schwäche.

Die Schweizer Notenbank gibt den vor mehr als drei Jahren eingeführten Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken auf. "Der Mindestkurs wurde in einer Zeit der massiven Überbewertung des Frankens und größter Verunsicherung an den Finanzmärkten eingeführt", erklärte die Schweizerische Nationalbank (SNB) am Donnerstag. "Der Franken bleibt zwar hoch bewertet, aber die Überbewertung hat sich seit Einführung des Mindestkurses insgesamt reduziert." Ein Festhalten an dem Mindestkurs von 1,20 Franken hätte anhaltend starker Interventionen bedurft, erklärte Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank, "es machte keinen Sinn, eine wirtschaftlich nicht nachhaltige Politik weiterzuführen."

Die europäische Gemeinschaftswährung sackte nach der Ankündigung unter die Parität auf Kurse um 0,9586 Franken ab. Auch der US-Dollar fiel zum Franken massiv auf einen Wert von 0,8864 CHF, der größte Rutsch seit mindestens 1971. Zugleich senkte die Zentralbank den Zins für Guthaben auf den Girokonten, die einen bestimmten Freibetrag übersteigen, um 0,5 Prozentpunkte auf minus 0,75 Prozent. Das Zielband für ihren Referenzzins Dreimonats-Libor verschiebt sie weiter in den negativen Bereich auf minus 1,25 bis minus 0,25 Prozent.

220.000 Österreicher betroffen

Von der Aufhebung der Kurbindung sind rund 220.000 Österreicher direkt betroffen. Diese haben gemeinsam immer noch ein Volumen von rund 22 Milliarden Euro an aushaftenden Schweizer-Franken-Krediten offen. Geht man von durchschnittlich 100.000 Euro pro Kredit aus, dann haben sich durch den unerwarteten Schritt der Schweizer Notenbank für 220.000 Österreicher ihre Kredite auf einen Schlag massiv verteuert, schätzt der Chef von s-Bausparkasse und s-Wohnbaubank, Josef Schmidinger. "Das aushaftende Franken-Kreditvolumen hat sich zwar in den letzten zwei Jahren um 20 Prozent reduziert, aber über 20 Milliarden haben wir noch", sagte Schmidinger am Donnerstag im Gespräch mit der APA. "Wenn der Franken um ein Prozent aufwertet, dann ist das kein Thema. Aber wenn es größere Schwankungen gibt, dann kann es natürlich wieder zu Bewertungsthemen bei den Häusern kommen." Noch schlimmer ist die Lage in Polen. Dort gibt es noch rund 700.000 Franken-Kredite. In Polen macht sich entsprechende Panik breit.

Das Problem sei, dass die meisten Kredite von Hausbauern in den Jahren 1999 bis 2008 aufgenommen worden seien. Viele der mit dem Geld gebauten Häuser hätten inzwischen eher an Wert verloren und würden daher zur Besicherung der nun plötzlich größer gewordenen Kreditschulden nicht mehr ausreichen, erklärte Schmidinger. "Es könnte nun sein, dass die Banken Nachbesicherungen verlangen." Wenn man dazu nicht in der Lage sei, werde man von der Bank aufgefordert werden, den Kredit in Euro zu konvertieren. "Dann haben Sie als Kunde den Kursverlust endgültig kassiert und müssen den höheren Eurobetrag zurückzahlen, wenn Sie sich das finanziell leisten können." Allerdings seien Euro-Kredite derzeit sehr günstig, "daher hat man da von der Kreditfähigkeit her etwas Luft."

Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) teilt in einer Aussendung mit, dass sie die Geldpolitik anderer Notenbanken grundsätzlich nicht kommentiert - allerdings habe man seit vielen Jahren vor den Risiken von Fremdwährungskrediten gewarnt. "So war es auch richtig, in Zusammenarbeit mit der Finanzmarktaufsicht (FMA), die Neuvergabe von Fremdwährungskrediten von Banken im In- und Ausland einzudämmen," heißt es von der OeNB: "Dies hatte in den vergangenen Jahren bereits zu einer deutlichen Verringerung des Bestandes an Fremdwährungskrediten geführt."

Börsen rutschen ab

Die Leitbörsen in Europa haben am Donnerstagvormittag mit deutlichen Kursabschlägen auf die überraschenden Ankündigungen der Schweizerische Nationalbank (SNB) reagiert. Der deutsche DAX knickte nach den Meldungen um mehr als 1,5 Prozent ein und stabilisierte sich bis 11.00 Uhr auf minus 0,70 Prozent. Zuvor war der DAX noch im Plus gelegen. Der Euro-Stoxx-50 verlor um etwa ein Prozent, nachdem er sich im Frühhandel noch auf Erholungskurs gezeigt hatte.

In Zürich gingen einige Aktien auf eine rasante Talfahrt. Der SMI brach um 8,34 Prozent auf 8479 Punkte ein, auch wenn er sich danach wieder geringfügig erholte. Mit einem Minus von je rund 12 Prozent waren Holcim und Transocean die größten Verlierer. Die Index-Schwergewichte Roche und Novartis verloren jeweils mehr als sieben Prozent. Am besten hielten sich die Aktien der Swisscom mit einem Kursverlust unter zwei Prozent.

Erste Group: Keine Folgen für Ungarn-Geschäft

Auch der ATX gab bis Mittag um 1,07 Prozent nach. Größte Austro-Tagesverlierer waren am Vormittag die Banken - darunter das ATX-Sorgenkind RBI, das nach einem Minus von 2,01 Prozent auf einem neuen Allzeittief von 10,15 Euro notierte. Tagesverlierer bis 12:15 war die Erste Group, mit einem Minus von 4,08 Prozent. In einer ersten Stellungsnahme meldete die Erste Group, die Aufwertung des Schweizer Franken habe keine Auswirkungen auf das Geschäft in Ungarn.

Die Erste Group hatte vor der Krise viele Franken-Kredite an ungarische Kunden vergeben. Die Wechselkurse des ungarischen Forint und des Franken seien jedoch weiterhin fixiert, sagte eine Erste-Sprecherin am Donnerstag. Die Aufwertung des Franken habe daher keine Auswirkungen auf die ungarische Tochter.

Vorteil für Österreichs Tourismus

Auf Österreichs Staatsanleihen hat die Aufgabe des Mindestkurses keine Auswirkungen, sagt die Chefin der Österreichischen Bundesfinanzierungsagentur ÖBFA, Martha Oberndorfer: "Wir haben keine Fremdwährungsrisiken", so Oberndorfer, die mit positiven Effekten auf Österreichs Wirtschaft rechnet. Fremdwährungen seien bei der für die Schuldenaufnahme zuständigen Agentur grundsätzlich abgesichert.

"Die Wechselkursparität tangiert uns daher nicht", sagte die Finanzmanagerin der Republik. Für die heimische Wirtschaft könne es durchaus positive Effekte geben. "Eher ein Vorteil" sei es etwa für den Tourismus im Westen Österreichs, weil ein Winterurlaub gegenüber einem in der Schweiz billiger werde.

Starker Dollar

Die SNB begründet das Aus für den Euro-Mindestkurs am Donnerstag auch mit dem Erstarken des US-Dollars. Der Euro habe sich gegenüber dem US-Dollar deutlich abgewertet, wodurch sich auch der Franken zum US-Dollar abgeschwächt habe, schrieb die SNB in einer Erklärung. Vor diesem Hintergrund sei die Nationalbank zum Schluss gekommen, dass die Durchsetzung und die Aufrechterhaltung des Euro-Mindestkurses nicht mehr gerechtfertigt sei.

Der Franken bleibe zwar hoch bewertet, aber die Überbewertung habe sich seit Einführung des Mindestkurses im September 2011 insgesamt reduziert. Die Wirtschaft habe diese Phase nutzen können, um sich auf die neue Situation einzustellen. Die Währungshüter verteidigten rückblickend die Maßnahme: Der Mindestkurs sei in einer Zeit der massiven Überbewertung des Frankens und größter Verunsicherung an den Finanzmärkten eingeführt worden. "Diese außerordentliche und temporäre Maßnahme hat die Schweizer Wirtschaft vor schwerem Schaden bewahrt", hält die SNB fest.

Im Kampf um die Durchsetzung des Mindestkurses hat die SNB wiederholt am Devisenmarkt intervenieren müssen. Daher sind die Devisenbestände der SNB auf etwa 500 Mrd. Franken angeschwollen. Zuletzt profitierte sie von der Aufwertung der Dollar-Anlagen, was ihr einen Jahresgewinn von 38 Mrd. Franken bescherte. Nun drohen aber markante Verluste auf den Euro-Beständen.

Experten befürchten, dass die Schweizer Exportwirtschaft in Bedrängnis gerät, wenn der Euro zum Franken nicht wieder aufwertet. Die Schweizer Börse erlebte ihren stärksten Einbruch seit 1989. Aktienanleger verloren bis zu 140 Milliarden Franken. Devisenanleger dagegen, die zum bisherigen Mindestkurs in den Franken gewechselt waren, konnten einen hohen Gewinn einstreichen.

"Franken-Kurs wird den Marktkräften überlassen"

"Meine erste Reaktion war, dass das ein Signal für eine bevorstehende Aktion der EZB ist. Allerdings war die Reaktion an den Aktienmärkten dafür zu negativ. Aber es passiert ja nicht jeden Tag, dass eine Notenbank einfach einer Währung den Boden unter den Füßen wegzieht", sagt dazu Chris Beauchamp, Marktanalyst bei IG: "Und die Leute haben eindeutig Angst, dass etwas Größeres bevorsteht." Für den Schweizer Markt und und die Wirtschaft sei es "sehr schlecht", wenn der Franken so rasant steigt und der Euro abstürzt: "Die Stimmung ist seit Jahresbeginn ziemlich unruhig, und so eine Nachricht sorgt für Volatilität aus."

Auch laut Helaba-Analyst führt an, dass die Aufhebung des Mindestkurses überraschend kommt: "Die SNB dürfte an Glaubwürdigkeit verlieren, da sie in den vergangenen Monaten stets die vehemente Verteidigung der Untergrenze betonte." Einen neuen Mindestkurs dürfte es wohl nicht mehr geben, da Marktteilnehmer kein Vertrauen mehr haben, dass dieser langfristig gehalten wird. Der Euro-Franken wird nun laut Wortberg den Marktkräften überlassen und es dürften sich Kurse im Bereich der Parität einstellen.

Die SNB hatte die Euro-Kursuntergrenze im September 2011 zum Schutz der exportorientierten Industrie des Landes festgesetzt und ihn zeitweise mit Devisenkäufen in Milliardenhöhe verteidigt. SNB-Präsident Thomas Jordan hatte erst Anfang Januar den Mindestkurs als unverzichtbar bezeichnet. "Der Mindestkurs ist absolut zentral um eben adäquate, richtige monetäre Bedingungen für die Schweiz aufrechtzuerhalten", sagte Jordan am 5. Januar in einem Interview des Schweizer Fernsehens.

Gute Nachricht für Franken-Kreditnehmer: Zumindest die Zinsen bleiben in der Schweiz weiter günstig.

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