SNB-Zinsentscheidung: Experten über den Schweizer Franken

SNB-Zinsentscheidung: Experten über den Schweizer Franken

Die Schweizer Nationalbank bleibt ihrer Strategie treu, durch Negativzinsen den Schweizer Franken für Anleger unattraktiv zu machen - indes ächzen Österreichs Häuslbauer noch immer unter ihren Frankenkrediten. Lesen Sie auf trend.at die Einschätzung von Experten zum Thema.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) weicht trotz zunehmender Kritik nicht von ihren rekordtiefen Negativzinsen ab. Damit will sie den aus ihrer Sicht deutlich überbewerteten Schweizer Franken für Anleger weniger attraktiv machen und die Wirtschaft ankurbeln, wie die Währungshüter erklären. Das Zielband für den Referenzzins Dreimonats-Libor beließen sie unverändert bei minus 1,25 bis minus 0,25 Prozent. Die Sichteinlagen der Banken bei der SNB werden weiterhin mit 0,75 Prozent belastet.

Allerdings warnte die Zentralbank vor Risiken für die Entwicklung der Weltwirtschaft: "Die Entscheidung Großbritanniens für einen Austritt aus der Europäischen Union hat beachtliche Unsicherheit ausgelöst und macht die Einschätzung der globalen Konjunkturaussichten schwieriger." Daher habe die SNB ihre Konjunkturprognose für Großbritannien und die Euro-Zone nach unten revidiert. In der Schweiz gewinnt die Wirtschaft hingegen zunehmend an Fahrt: Die SNB erhöhte ihre Schätzung für das Wachstum im laufenden Jahr auf rund 1,5 Prozent. Zuvor war sie von einer Bandbreite zwischen einem und 1,5 Prozent ausgegangen.

Mit einem mulmigen Gefühl verfolgen viele Marktbeobachter die Strategie der Schweizerischen Nationalbank, den Schweizer Franken auch durch den Kauf von Aktien ausländischer Unternehmen zu schwächen. Unter anderem wurde jüngst bekannt, dass die SNB mehr öffentlich handelbare Aktien an Facebook hält als der Gründer Mark Zuckerberg.

Inzwischen entfallen 20 Prozent des 635 Milliarden Franken schweren Devisenportfolios auf direkte Beteiligungen an Unternehmen - zum Beispiel an Facebook. Klicken Sie auf das bild, um mehr zu erfahren.

Niedrige Zinsen sollen Schweizer Franken unattraktiv machen

In der Schweiz sind die Zinsen so tief wie nirgends sonst in größeren Volkswirtschaften. In den vergangenen Wochen haben sich Stimmen von Politikern und Ökonomen gemehrt, die ihre Abschaffung fordern. Denn Pensionskassen und Versicherungen haben angesichts der tiefen Zinsen Probleme, die versprochenen Erträge für die Kunden zu erzielen.

Die Negativzinsen sind nicht das einzige Instrument der SNB, um den Schweizer Franken zu schwächen. Sie verkauft darüber hinaus Franken, um dieses Ziel zu erreichen. Die Zentralbank sei "bei Bedarf weiterhin am Devisenmarkt aktiv", bekräftigt die SNB. Ein starker Schweizer Franken macht Produkte der Schweizer Exportindustrie auf den Weltmärkten teurer.

Besonderes Augenmerk auf Wechselkurs Euro/Schweizer Franken

Experten hatten mit einer unveränderten Geldpolitik der SNB gerechnet. Der Zins habe nun wahrscheinlich seine Talsohle erreicht, erklärte Andreas Ruhlmann, Experte vom Broker IG Bank. Die Analysten des Anleihemanagers Bantleon halten hingegen eine weitere Zinssenkung zum Jahresende für möglich. "Dies dürfte vor allem dann geschehen, wenn sich die Konjunktur in der Euro-Zone weiter abschwächt und die EZB als Konsequenz daraus im Dezember 2016 ein klares geldpolitisches Signal setzen muss."

Besonderes Augenmerk schenkt die SNB dabei dem Wechselkurs des Schweizer Franken zum Euro. Am Donnerstag kostete die Gemeinschaftswährung beinahe unverändert 1,0955 Franken.

Wechselkurs Euro/Schweizer Franken. Noch immer deutlich sichtbar: Der "Frankenschock" Anfang 2015 aufgrund der Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die SNB.

Österreichs Häuslbauer als Opfer des Schweizer Franken

Der Schweizer Franken gilt bei Investoren als sicherer Hafen in Krisenzeiten - nach oben getrieben wird er daher durch die generelle Abkühlung der Weltwirtschaft, sowie durch besorgniserregende Ereignisse wie das Brexit-Votum. Unter dem starken Schweizer Franken leidet nicht nur die schweizerische Exportwirtschaft, sondern auch Österreichs Häuslbauer, die zur Finanzierung ihrer Eigenheime Fremdwährungskredite in Schweizer Franken aufgenommen hatten. Ein Vorarlberlger Opfer des "Frankenschocks" zog deswegen gegen die SNB vor Gericht - scheiterte aber mit seiner Klage.

Ein Vorarlberger hatte gegen die SNB geklagt, weil er sich rund um seinen Schweizer Franken-Kredit schlecht informiert fühlte. Nach der Aufgabe des Euro-Mindestkurses - dem "Frankenschock" - hatte er zu einem schlechten Franken-Wechselkurs konvertiert. Klicken Sie auf das Bild, um mehr über das Urteil zu erfahren.

Volkswirte kommentieren die geldpolitische Lagebeurteilung der SNB wie folgt:

JULIEN MANCEAUX, ING:

"In Anbetracht der erneuten Nachfrage nach sicheren Häfen musste die SNB ihre Devisenmarktinterventionen 2016 erhöhen. Wir erwarten, dass das anhält und denken, eine weitere Zinssenkung vor Juni 2017 eine echte Möglichkeit bleibt. Die SNB kann es sich leisten, noch etwas zuzuwarten, bevor sie entscheidet, die Zinsen weiter zu senkt. Allerdings denken wir, die SNB kann diese abwartende Haltung nicht ewig wahren. Alles in allem sieht die derzeitige geldpolitische Balance für die SNB zerbrechlich aus. Falls ein Schock für die Schweizer Wirtschaft konkrete Formen annimmt oder die EZB die Zinsen in den kommenden Monaten zu tief nach unten drückt, ist nach unserer Ansicht in der Schweiz angesichts des aktuellen realen Zinsniveaus Platz für niedrigere Kurzfrist-Zinsen."

STEFAN GROSSE, NORD LB:

"Heute fassten die Mannen um Thomas Jordan den geldpolitischen Methodenkoffer nicht erneut an. Die SNB bleibt ultra-expansiv. Im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld gibt es für die SNB auch wenig Anlass, expansiver aufzutreten. Der Kurs des Schweizer Franken ist fernab der kritischen Marke, die wir bei 1,08 Euro-Franken vermuten. Die Wirtschaft schlägt sich relativ gut. Die Frühindikatoren geben eher ein gemischtes Bild ab. Die Notenbank rechnet mit einer Fortsetzung der wirtschaftlichen Erholung. Die Kapazitätsauslastung könnte ihrer Meinung nach allerdings etwas höher sein. Die Inflationsprognose beließ sie bei minus 0,4 Prozent für das Jahr 2016. Für das Jahr 2017 gab es eine leichte Anpassung nach oben von Plus 0,2 auf plus 0,3 Prozent. Sorgen machen sich die helvetischen Geldhüter über den Immobilienmarkt, den sie in einem Ungleichgewicht sehen.

So lange die EZB nicht noch expansiver wird, wovon wir in diesem Jahr nicht mehr ausgehen, gibt es auch für die Schweizer wenig Notwendigkeit zu handeln, vorausgesetzt es gibt keinen Franken-Schock. Dieser könnte beispielsweise durch geopolitische Events getriggert werden."

DANIEL HARTMANN, BANTLEON BANK:

"Die SNB hat die geldpolitische Ausrichtung erwartungsgemäß unverändert belassen - Leitzins bei minus 0,75 Prozent, bei Bedarf Interventionen am Devisenmarkt.

Obwohl sich die Inflation zuletzt etwas stärker entwickelt hat, als von der SNB erwartet, hat die Notenbank ihre Inflationsprognose für 2017 und 2018 erkennbar abgesenkt - auf 0,2 beziehungsweise 0,6 Prozent. Die erwartete Inflationsentwicklung liegt damit weiterhin deutlich im unteren Bereich ihres Zielkorridors für die Inflation von null bis zwei Prozent. Mit der Abwärtsrevision trägt die Notenbank den gestiegenen weltwirtschaftlichen Risiken Rechnung - hier verweist sie vor allem auf den Brexit.

Die Prognose für das Schweizer BIP-Wachstum 2016 hat die SNB demgegenüber leicht angehoben - von 1,0 bis 1,5 auf glatt 1,5 Prozent. Dies hatte allerdings rein technische Gründe - die offizielle BIP-Revisionen des Seco. Für das zweit Halbjahr 2016 sind die Währungshüter für die Schweizer Wirtschaft eher skeptisch und erwarten ein schwächeres Wachstum in Großbritannien und der Euro-Zone und betonen die konjunkturellen Abwärtsrisiken.

Die Notenbank kann daher ihre ultraexpansive Geldpolitik aus unserer Sicht auf absehbare Zeit nicht zurücknehmen. Vielmehr besteht die Gefahr, dass sie zum Jahresende nochmals nachlegen muss. Dies dürfte vor allem dann geschehen, wenn sich die Konjunktur in der Euro-Zone weiter abschwächt und die EZB als Konsequenz daraus im Dezember 2016 ein klares geldpolitisches Signal setzen muss, etwa eine deutliche Verlängerung ihres QE-Programms. In der Folge würde der Schweizer Franken unter Aufwertungsdruck geraten, was die SNB unter allen Umständen vermeiden will. Wir schließen daher eine nochmalige Leitzinssenkung der SNB auf -0,90 Prozent am Jahresende nicht aus. Devisenmarktinterventionen sehen wir weiterhin nur als 'Second-Best-Lösung', da die SNB bereits Währungsreserven von über 100 Prozent des BIPs besitzt."

MAXIME BOTTERON, CREDIT SUISSE:

Wie erwartet hat die SNB den Einlagenzins unverändert bei minus 0,75 Prozent belassen. Die Senkung der Inflationsprognose ist dagegen eine Überraschung und widerspiegelt die sehr vorsichtige Einschätzung der SNB für den globalen Ausblick. Diese Inflationsprognose, die von einem unveränderten Dreimonats-Libor von minus 0,75 Prozent ausgeht, signalisiert auch, dass die SNB beabsichtigt, die Zinssätze für die kommenden drei Jahre auf dem gegenwärtigen Niveau zu belassen.

ANDREAS RUHLMANN, IG BANK:

"Wir erwarten, dass die SNB mögliche EZB-Maßnahmen sehr genau im Auge behalten und entsprechend handeln wird ... Die Ausleihungen der europäischen Banken haben sich insbesondere im Ausland abgeschwächt. Dies führt zu einer Stärkung des Euro. Solange die Banken unter Druck bleiben, werden die Liquiditätsspritzen Mühe haben, die Realwirtschaft zu erreichen. Die EZB hat entsprechend kein Interesse, die Zinsen weiter zu senken.

Für die Schweiz bedeutet das, dass wir wahrscheinlich einen Tiefpunkt der Zinssätze erreicht haben. Allerdings wird die SNB wachsam bleiben und im Fall von volatilen Bewegungen des Frankens am Devisenmarkt eingreifen, wie das beim Brexit-Votum der Fall war. Euro-Franken dürfte weiterhin um 1,10 handeln. Wenn es zu einem globales Ereignis kommt, das zu Risikoaversion führt, dürfte die Tendenz nach oben gehen. 1,15 wäre dann wahrscheinlicher als 1,05."

THOMAS GITZEL, VP BANK:

"Die SNB hält an ihrer geldpolitischen Ausrichtung fest. Es wird bei Bedarf weiterhin punktuelle Devisenmarktinterventionen geben. Die Zinsen bleiben unangetastet. Die bedingte Inflationsprognose wird für die Jahre 2017 und 2018 hingegen gesenkt. Aufgrund der schleppenden weltwirtschaftlichen Entwicklung sieht die SNB die Preisentwicklung gedämpft."

Die eidgenössischen Währungshüter halten Kurs - was auch gut so ist. (SNB-Präsident) Thomas Jordan kann nach dem guten Wachstum im zweiten Quartal erst einmal durchatmen. Die eidgenössische Wirtschaft findet sich langsam mit dem starken Franken ab. Vollkommen grünes Licht kann aber noch nicht gegeben werden: In vielen Unternehmen kann die Wettbewerbsfähigkeit nur mit einem Margenverzicht gehalten werden. Aus diesem Grund wird Thomas Jordan sehr wachsam bleiben und vor allem die internationale Entwicklung genau verfolgen. Eingriffe am Devisenmarkt bleiben dabei das bevorzugte Mittel. Per saldo ist aber die gute Nachricht: Der Handlungsdruck auf die eidgenössischen Währungshüter ist gesunken."

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