Ein Jahr nach dem Frankenschock: Franken bewegt sich kaum

Ein Jahr nach dem Frankenschock: Franken bewegt sich kaum

Vor einem Jahr wirbelte die SNB mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses die Märkte durcheinander. Ein Jahr später leidet die Exportwirtschaft ebenso wie die österreichischen Häuslbauer. Doch was sagen Experten zur Zukunft des Schweizer Franken?

Genau ein Jahr ist es nun her, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) nach rund drei Jahren ihren Euro-Mindestkurs von 1,20 CHF/EUR aufgab. Diesen Tag des „Frankenschocks“, der 15.1.2015, werden Österreichs Häuslbauer ebenso wenig vergessen wie die Forex-Trader, Aktionäre an der Schweizer Börse oder Mitarbeiter in schweizerischen Unternehmen. Der Franken gewann sofort bis zu 30 Prozent an Wert, der Euro fiel auf ein Elf-Jahrestief zum Dollar, der Schweizer Leitindex SMI sackte 8,7 Prozent ab – der größte Tagesverlust in einem Vierteljahrhundert und der zweitgrößte seiner Geschichte. Exportorientierte schweizerische Unternehmen leiden unter dem starken Franken, der ihre Produkte im Ausland teurer macht und reagieren mit Stellenabbau: Rund 10.000 Jobs fielen der Aufwertung des Schweizer Franken bisher zum Opfer.

Link: Der aktuelle Wechselkurs Euro/Schweizer Franken.

Wie geht es nun weiter? Im Gespräch mit format.at erwarten Lydia Kranner, Expertin für den Schweizer Franken bei der Raiffeisen Bank International (RBI), und Maxime Botteron, Ökonom bei der Schweizer Großbank Credit Suisse, unisono vorerst keine großen Sprünge im Wechselkurs zwischen Euro und Schweizer Franken: Erwartet wird bis Jahresende ein Kurs von 1,10 CHF/EUR. „Wir sehen den Schweizer Franken zum Euro zwar als überbewertet, aber das führt nicht automatisch zu einer Abwertung“, sagt Botteron. Kranner blickt noch etwas weiter in die Zukunft: „ Der Franken ist und bleibt auch in den nächsten Jahren eine Aufwertungswährung“, sagt die Expertin: „Ein Zurückkommen des EUR/CHF Wechselkurses auf 1,30 oder 1,40 in den nächsten Jahren erscheint mir aus heutiger Sicht wenig wahrscheinlich.“

Der sichere Hafen

Eine Aufwertungswährung ist der Schweizer Franken vor allem, weil er unter Investoren als sicherer Hafen gilt. Wenn es Probleme im Weltgeschehen gibt, fliehen Anleger in die schweizerische Währung. Das machte den Franken in der Vergangenheit zur klassischen Aufwertungswährung, und dieser Trend wird sich laut Kranner fortsetzen: „Die Schweiz hat zudem permanente Leistungsbilanz-Überschüsse, und das zeigt sich auch längerfristig in einem starken Franken.“ Die Zinswende in den USA bedeute, dass der Euro nun gegen den Dollar schwächelt: „Und das macht es noch schwerer für den Franken, gegen den Euro abzuwerten.“

Die Entwicklung des Wechselkurses EUR/CHF seit 1.1.2015

Botteron verweist allerdings darauf, dass es zwar normalerweise Zuflüsse in den Franken gibt, wenn die Unsicherheit in der Eurozone steigt – im vergangenen Sommer war diese Entwicklung trotz der Griechenland-Querelen aber nicht so intensiv wie im Jahr 2012, und auch der jüngste Crash der chinesischen Börsen hat im Schweizer Wechselkurs keine großen Spuren hinterlassen.

Eine Frage der Notenbanken

Kapitalabflüsse aus der Schweiz sind derzeit trotz des niedrigen Schweizer Leitzinses nicht zu beobachten. Dafür, so die beiden Experten, müsste die Zinsdifferenz zwischen der Schweiz und der Eurozone größer sein. Angesichts der derzeitigen EZB-Politik, die zusätzlich zum niedrigen Leitzins im Rahmen ihres QE-Programms Geld in den eigenen Währungsraum pumpt, ist eine größere Zinsdifferenz in naher Zukunft unwahrscheinlich. Und somit auch Kapitalflüsse in die Eurozone und eine signifikante Abwertung des Franken gegen den Euro.

Maxime Botteron, Ökonom bei der Schweizer Großbank Credit Suisse: „Wir werden in der Schweiz noch lange Negativzinsen sehen“

Andererseits ist es aber auch unwahrscheinlich, dass die SNB die Zinsen vor der EZB anheben wird. „Wir werden in der Schweiz noch lange Negativzinsen sehen“, sagt Botteron. Der Leitzins liegt in der Schweiz derzeit bei -0,75 Prozent.

Österreichs Häuslbauer in der Bredouille

In Österreich sind vor allem Häuslbauer betroffen, die ihr privates Eigenheim mit einem Fremdwährungskredit in Schweizer Franken absicherten. Laut Kranner hat bereits im Jahr 2003 eine Studie der OeNB eindringlich vor der Aufnahme von Krediten in Fremdwährung gewarnt. Warum diese Finanzierungsform in Österreich so populär war, nahm laut dieser Studie in Westösterreich seinen Anfang. Viele Vorarlberger bezogen ihr Einkommen in Franken, eine Kreditaufnahme in derselben Währung machte also durchaus Sinn: In dem Fall ist das Wechselkursrisiko weitgehend entfallen.

Doch auch Österreicher mit Euro-Einkommen nahmen Kredite in Schweizer Franken auf und litten in den Jahren nach der Finanzkrise unter der Aufwertung des Schweizer Franken. Seit Beginn der Finanzkrise hat es Kapitalzuflüsse in die Schweiz gegeben, die zur Aufwertung der Währung geführt haben: Erstens haben Ausländer eifrig Schweizer Franken gekauft; zweitens haben Schweizer Investoren aufgehört, in ausländische Finanzprodukte – etwa Bonds – zu investieren. Denn nach der Finanz- und später der Eurokrise war das Vertrauen der Schweizer in die ausländischen Märkte auf einen Tiefpunkt gesunken. Der Franken erlebte einen regelrechten Höhenflug – bis die SNB den besagten Euro-Mindestkurs einführte, um die schweizerische Exportwirtschaft zu schützen. Mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses vor einem Jahr erlebte der Höhenflug des Franken seinen vorläufigen Höhepunkt.

Kredite und Tilgungsträger

Seit Herbst 2008 herrscht in Österreich ein Neuvergabe-Verbot für Fremdwährungskredite (FX-Kredite), und immerhin ist das Volumen der FX-Kredite seit der Verhängung dieses Stopps um 65,5 Prozent zurückgegangen. In absoluten Zahlen bleibt aber noch immer ein Volumen von 24,2 Milliarden Euro – vor allem, weil der Schweizer Franken seit Anfang 2008 gegenüber dem Euro um 51,6 Prozent aufgewertet hat. Rund 138.000 österreichische Haushalte waren laut Daten der Finanzmarktaufsicht (FMA) von Mitte Oktober noch vom Frankenschock betroffen, der noch zu tilgende Betrag liegt im Schnitt bei rund 180.000 Euro. Die Restlaufzeit des Kredits beträgt im Schnitt fünf Jahre.

Laut Gabriele Zgubic, Abteilungsleiterin Konsumentenpolitik bei der AK Wien, sind die Kreditnehmer im ungünstigsten Fall nicht nur vom Wechselkurs CHF/EUR betroffen, sondern auch von der Entwicklung ihres Tilgungsträgers – dieser könnte im Rahmen der Finanzkrise 2008 abgestürzt sein, falls er zu spekulativ war. Zusätzlich sind jene Kreditnehmer geschädigt, die mit ihrer Bank eine Stop-Loss-Vereinbarung geschlossen haben, bei der der Frankenkredit ab einem bestimmten Kurs in Euro konvertiert wurde. Für diese Opfer führt der Verein für Konsumenteninformation (VKI) derzeit ein Schlichtungsverfahren.

Mehr zur Situation der österreichischen Kreditnehmer, sowie zur Hilfestellung der AK und anderer Institutionen, erfahren Sie unter diesem Link.

Noch mehr Jobs werden wegfallen

In der Schweiz ist vor allem die Exportwirtschaft vom starken Franken geschädigt, deren Produkte im Ausland noch immer rund zehn Prozent teurer sind als vor Aufhebung des Euro-Mindestkurses. Laut Botteron sind vor allem die Maschinen- und Metallindustrie betroffen, die naturgemäß viele Beschäftigte haben. Die Importpreise wurden zwar im gleichen Zug günstiger; allerdings ist laut Botteron die Beschaffung von Waren ein deutlich geringerer Kostenblock als die Arbeitskosten.

Die Entwicklung des Schweizer Leitindex SMI seit Anfang 2015 (schwarz). Im Vergleich dazu der österreichische Leitindex ATX (grün).

Dementsprechend sind in der Schweiz rund 10.000 Jobs der Franken-Aufwertung zum Opfer gefallen. Die Arbeitslosenquote stieg von 3,2 Prozent Ende 2014 auf 3,4 Prozent Ende 2015. Und Botteron erwartet, dass die Arbeitslosenquote in den kommenden Monaten noch steigen wird – nicht nur wegen der Export, sondern auch wegen der Binnenwirtschaft, die unter dem sogenannten „Einkaufstourismus“ leidet: Menschen in Grenzregionen kaufen lieber im Ausland ein, wo sie für ihre wertvollen Franken die Produkte deutlich günstiger bekommen als in der Schweiz. Hinzu kommt, dass das Konsumentenvertrauen unter dem Franken leidet: Schwache Wirtschaftsaussichten gehen einher mit der Angst, den Job zu verlieren – und in einem solchen Gemütszustand geben die Menschen weniger Geld aus. Im Jahr 2015 lag das Wirtschaftswachstum nur noch bei 0,7 Prozent, im Vorjahr waren es 1,9 Prozent gewesen.

Auf der anderen Seite wurden importierte Produkte auch für die Konsumenten billiger. Hinzu kommt der niedrige Ölpreis, von dem auch die Schweizer profitieren und der auch dort wie ein kleines Stimulusprogramm wirkt, das den Aufwertungsschock ein wenig dämpft. Zumindest für die Schweizer gibt es also auch einen Lichtblick in der Geschichte des Frankenschocks.

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