"Die Talfahrt des ägyptischen Pfundes wird weitergehen"

Allerdings halten nicht etwa ausländische Spekulanten das Schicksal des Pfundes in Händen, sondern einzig und allein die ägyptischen Privathaushalte.

"Die Talfahrt des ägyptischen Pfundes wird weitergehen"

Denn die "Dollarisationsquote" - also der Dollar-Anteil am gesamten Bar-Vermögen - gilt als das Kriterium, das über den Fall des Wechselkurses ins Bodenlose entscheiden wird. Tauschen zu viele Ägypter aus Furcht um ihr Erspartes ihre Pfund in Dollar, ist die Talfahrt der ägyptischen Währung besiegelt.

"Der Anstieg der 'Dollarisation' und ein Run auf die US-Währung sind ein großes Risiko", warnt Jean Michel Saliba, für den Nahen Osten zuständiger Volkswirt der Bank of America/Merrill Lynch (BofAML). Schließlich gehörten seiner Schätzung zufolge 70 Prozent der Einlagen im ägyptischen Bankensystem Privatleuten. "Sollte die Dollarisationsquote wieder auf die Höchststände von 2004 steigen, würde das einen zusätzlichen Devisenbedarf von 15 Milliarden Dollar bedeuten", fügt Saliba hinzu. Damit würden die Devisenreserven der ägyptischen Nationalbank komplett aufgefressen.

Bislang deutet noch nichts auf einen Banken-Run hin. Schätzungen der BofAML zufolge lag die Dollarisationsquote Ende Oktober 2012 bei 15,5 Prozent. Angesichts der politischen Unruhen und der Talfahrt des ägyptischen Pfundes, das seit dem Jahreswechsel von einem Rekord-Tief aufs nächste fällt, ist der Prozentsatz seither sicher gestiegen. Es ist aber unwahrscheinlich, dass die Quote wie 2004 bei Privathaushalten auf 33 Prozent und bei Unternehmen auf 41 Prozent gestiegen ist.

Der Kampf der Notenbank

Der Absturz des ägyptischen Pfunds geht derweil weiter: Am Mittwoch musste für einen Dollar mit 6,51 Pfund so viel wie noch nie zuvor bezahlt werden. Am Vorabend waren es noch 6,48 Pfund. Die ägyptische Zentralbank brachte bei ihrer Auktion am Mittwoch 49,6 Millionen Dollar bei den Banken unter und damit weniger als mit 50 Millionen Dollar geplant.

Seit dem Übergang von einer festen Kursbindung hin zu eingeschränkten Wechselkursschwankungen vor zehn Jahren pendelte der Dollar zwischen fünf und 5,60 Pfund. Seit dem Sturz des Ex-Machthabers Husni Mubarak im Frühjahr 2011 musste die Zentralbank zu Stützung der eigenen Währung 20 Milliarden Dollar ausgeben. Im Dezember lag ihr Finanzpolster bei gerade einmal 15 Milliarden Dollar.

Daher entschieden sich die ägyptischen Notenbanker, eine Abwertung des Pfundes hinzunehmen. Volkswirte begrüßen diesen Schritt, weil er die Wettbewerbsfähigkeit ägyptischer Produkte und Dienstleistungen verbessert. Viele Kleinsparer, deren Geldvermögen sich auf insgesamt mehr als 600 Milliarden Pfund (71,2 Milliarden Euro) summiert, werden dadurch aber verunsichert.

"Ich habe die Abwertung kommen sehen", sagt ein Ägypter, der in der dortigen Finanzindustrie arbeitet. "Daher habe ich wenige Tage vor dem Kursverfall zur Absicherung die Hälfte meiner Ersparnisse in Dollar getauscht." Er vertraue der Regierung nicht. "Ich sehe kurzfristig keine Chance für Wachstum. Die Talfahrt des Pfundes wird weitergehen." Im oberägyptischen Touristen-Zentrum Luxor mit seinen weltberühmten Tempeln sind bereits einige Taxi-Fahrer dazu übergegangen, sich in Euro oder Dollar bezahlen zu lassen.

Analysten sagen einen Anstieg des Dollar-Kurses auf mehr als sieben von derzeit 6,48 Pfund voraus. Terminkontrakte signalisieren sogar ein Plus von etwa 20 Prozent auf 7,75 Pfund innerhalb der kommenden sechs Monate. Bislang bremsten jedoch Beschränkungen für den Geld-Umtausch und Auslandsüberweisungen den Kursverfall, betont Barclays-Volkswirtin Alia al-Moubayed.

Hilfe vom IWF

Daneben verhindere die Aussicht auf einen 4,8 Milliarden Dollar-Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) Schlimmeres. "Bislang scheinen die Leute darauf zu vertrauen, dass ein Deal mit dem IWF zustande kommt und die Regierung die notwendigen Reformen vorantreibt", sagt al-Moubayed. "Aber das Szenario einer ungeordneten Abwertung kann immer noch eintreten, wenn die Leute zu der Ansicht gelangen, dass die Regierung die notwendigen Mittel zur Abwendung der Krise nicht auftreiben kann."