Deutsche Banken verabschieden sich von Agrarspekulationen

Deutsche Banken verabschieden sich von Agrarspekulationen

Nach Commerzbank, Dekabank und LBBW zieht sich nun auch die DZ Bank aus den umstrittenen Spekulationsgeschäften mit Nahrungsmitteln zurück. Das Geldhaus ist die Dachgesellschaft von über 900 Volksbanken und Raiffeisenbanken in Deutschland.

Das kündigte Vorstand Lars Hille in einem Brief an die Verbraucherorganisation "Foodwatch" an, der der Nachrichtenagentur Reuters am Montag vorlag. Darin heißt es, die DZ Bank werde Wertpapiere auf Basis von Agrarrohstoffen 2013 auslaufen lassen. Nachfolgeprodukte würden nicht aufgelegt. Auch die Fonds der Tochter Union Investment dürften nicht mehr in Agrarrohstoffe investieren.

"Foodwatch" und die Bundesregierung begrüßten die Entscheidung. "Es ist wichtig, dass ein klarer Trennstrich gezogen wird zwischen verantwortungsvollen Investitionen, die hilfreich sind im Kampf gegen den Hunger, und Transaktionen, die Preisschwankungen verstärken können", erklärte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner über einen Sprecher. "Wer als großes Geldinstitut angesichts von fast 900 Millionen hungernden Menschen auf der Welt hier keinen Unterschied macht, handelt verantwortungslos."

Die DZ Bank, das Spitzeninstitut der meisten Volks- und Raiffeisenbanken in Deutschland, hatte den Grundsatzbeschluss für den Rückzug bereits im Januar gefällt. In dem Schreiben an "Foodwatch", datiert auf den 13. Mai, erläuterte Hille die Gründe nun näher: "Dass wir derzeit keine Nachfrage nach solchen Produkten verzeichnen, ist dabei in unsere Entscheidung eingeflossen. Wir begrüßen und fördern es zugleich ausdrücklich, dass die Wissenschaft sich intensiv mit diesem Thema auseinandersetzt." Hille sprach sich zudem für eine strengere Regulierung der Agrarrohstoffmärkte aus. Auch "Spiegel Online" hatte zuvor über den Brief berichtet.

Verbraucherschutz-Organisationen beklagen seit längerem einen Zusammenhang von Nahrungsmittelspekulationen mit starken Preisschwankungen an den Agrarmärkten und dem Hunger in der Welt. Ob Spekulationen mit Nahrungsmitteln die Preise für die Produkte in armen Ländern tatsächlich nach oben treiben, ist unter Experten allerdings umstritten. Entsprechend hitzig wird die Debatte geführt.

"Andere sollten sich ein Beispiel nehmen"

Bei den deutschen Geldhäusern, die sich aus dem Geschäft zurückgezogen haben, spielte es durchweg keine große Rolle. Das gilt auch für die DZ Bank, die bislang eine überschaubare Anzahl entsprechender Zertifikate und Derivate angeboten hatte. Bei der Fondstochter Union Investment sind konkret zwei Fonds betroffen, die seit dem 1. März nicht mehr in Agrarrohstoffe investieren: Der UniCommodities und der Commodities Invest.

Auch bei den Garantiefonds soll nun - so weit möglich - auf entsprechende Beimischungen verzichtet werden. "Foodwatch"-Geschäftsführer Thilo Bode zeigte sich erleichtert. "Daran sollten sich andere Institute, die die notwendige politische Regulierung der Finanzmärkte mit allen Mitteln hintertreiben, ein Beispiel nehmen - allen voran die Deutsche Bank."

Deutsche Bank hält auch weiterhin an den Agrarspekulationen fest

Die Deutsche Bank hatte im Januar erklärt, am Geschäft mit Nahrungsmittelspekulationen festzuhalten - und dafür viel Prügel eingesteckt. Zur Begründung hieß es, Untersuchungen hätten kaum stichhaltige Belege für einen Zusammenhang dieser Geschäfte mit dem Hunger in der Welt erbracht.

Im Gegenteil: Agrar-Derivate erfüllten für Nahrungsmittelproduzenten eine wichtige Funktion im weltweiten Handel. Mit dem Kauf dieser an Börsen gehandelten Papiere könnten sich Landwirte gegen fallende Preise absichern und ihr Angebot besser planen.

Für die Deutsche Bank ist der Rohstoffhandel auch viel wichtiger als für andere Institute: Er zählt zu den Wachstumssegmenten im lukrativen Kapitalmarktgeschäft. Auch Europas größter Versicherer Allianz hält mit ähnlichen Argumenten am Geschäft mit Nahrungsmittelspekulationen fest. Der Konzern gehört zu den größten Investoren überhaupt und ist auch an den Derivatemärkten für Rohstoffe aktiv.

FRAGEN UND ANTWORTEN ZUM THEMA AGRAR-SPEKULATIONEN

Warum verabschieden sich immer mehr Banken von diesen Geschäften?

Wer daran festhält, hat zunehmend ein Imageproblem. Vor allem der Verein Foodwatch, gegründet vom früheren Greenpeace-Chef Thilo Bode, hat in den vergangenen Wochen den öffentlichen Druck auf die Banken erhöht. Der unangenehme Vorwurf lautet, dass die Finanzprodukte Anlegern zwar Gewinne bringen mögen, aber gleichzeitig dazu beitragen, dass arme Menschen sich Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten können.

Was ist dran an diesem Vorwurf?

Das Thema ist so komplex, dass es keine einfache Antwort gibt. Viele Faktoren beeinflussen den Preis von Lebensmitteln, von den Ölpreisen bis hin zur Bevölkerungsentwicklung. In verschiedenen Untersuchungen werden jedoch Argumente gegen Anlageprodukte vorgebracht, die auf höhere Preise für die entsprechenden Rohstoffe wie Getreide setzen. Begründung: Sie verschärften indirekt die Preissteigerungen noch, weil sie eine höhere Nachfrage vortäuschen.

Sind solche Finanzspekulationen nicht grundsätzlich verwerflich?

Nein. Derivate - also jene Finanzinstrumente, die heute meist negativ gesehen werden - haben ihre Ursprünge in der Landwirtschaft. Bauern konnten sich auf diese Weise im Voraus feste Preise für ihre Ernte sichern und waren nicht mehr auf Gedeih und Verderb vom Wetter abhängig. Das Problem ist, das immer mehr solcher Produkte der Banken inzwischen keinerlei gesellschaftliche Aufgabe mehr erfüllen, sondern eben einfach nur noch Wetten sind - allerdings mit möglicherweise gefährlichen Auswirkungen auf andere Märkte.

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