"Der Silber-Preis wird steigen, sobald die Lockerung der Geldpolitik beginnt"

Die Entwicklung des Silber-Preises ist im Vergleich zu Gold im laufenden Jahr ein Trauerspiel. Doch sobald die Notenbanken wieder mit der Ausweitung der Geldmenge beginnen, könnten die Bären am falschen Fuß erwischt werden.

"Der Silber-Preis wird steigen, sobald die Lockerung der Geldpolitik beginnt"

Hedgefonds stehen aktuell nicht gerade auf Silber, ihre Wetten auf steigende Preise des Edelmetalls sind so niedrig wie seit vier Jahren nicht. Doch der Rest der Investoren sieht das anders: Die erwarteten Maßnahmen der Zentralbanken zur Ankurbelung des Wachstums reichen für den Großteil der Community aus, um auf eine Rally zu setzen.

Seit Februar haben Hedgefonds und andere Spekulanten ihre Wetten auf steigende Silber-Preise um 72 Prozent zurückgefahren - genauso wie bei Kupfer, wo seit Mai ebenfalls die Bären die Überhand haben, wie Daten der US-CFTC zeigen. Indes stiegen die Investments in Exchange Traded Products (ETPs) in den vergangenen drei Monaten an, so dass das über diese Produkte gehaltene Silber aktuell einen Wert von 16,2 Milliarden Dollar hat. Der Bloomberg-Konsens der Analysten prognostiziert einen durchschnittlichen Silber-Preis von 33,02 Dollar pro Unze im vierten Quartal - das wäre ein Preisanstieg um 19 Prozent.

Schwaches Wachstum versus Geldmengenausweitung

Das Argument der Bären zielt auf die Verlangsamung des Wachstums ab, das die Nachfrage nach Silber dämpfen soll - immerhin wird es zu mehr als der Hälfte in Konsumgütern wie Fernsehern und Batterien verarbeitet. Die Bullen gehen indes klar von einer Stimulierung des Konsums und einer Ausweitung der Geldmenge aus, was die Nachfrage nach Edelmetallen aufgrund der Werterhaltung treiben soll.

Immerhin verdreifachten sich die Preise als die Fed zwischen Dezember 2008 und Juni 2011 den Markt im Rahmen der beiden quantitativen Lockerungsrunden mit 2,3 Billionen Dollar überschwemmte.

"Seit Anfang 2012 verhält sich Silber eher wie ein Industriemetall und weniger wie ein Edelmetall", analysiert Frederique Dubrion, CIO des Rohstoff- und Energie-Experten Blue Star Advisors. "Die bearishen Argumente finden sich immer noch in der Entwicklung der Industrie. Wir warten auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik - und das wäre dann wirklich positiv."

Volatil wie kein anderes Metall

Der Silber-Preis brach heuer vom März-Hoch bis Ende Juni um 29 Prozent ein - jetzt kostet eine Unze 27,9 Dollar und damit in etwa so viel wie am Jahresanfang. Ein Index der Londoner Metallbörse, der sechs Industriemetalle inkludiert, liegt seit Jahresanfang 5,5 Prozent im Minus. Gold indes wurde um 3,1 Prozent teurer.

Das Problem mit Silber: Es ist laut Daten von Bloomberg so volatil wie kein anderes Metall. Und die Preise sind verglichen mit der Historie immer noch relativ hoch. Der 20-Jahre-Schnitt liegt bei nicht einmal zehn Dollar. Das Hoch markierte das Edelmetall im April 2011 bei knapp 50 Dollar je Unze. Der Preis-Schnitt im Jahre 2012 beträgt 30,4 Dollar - was nur minimal mehr ist als der aktuelle Silber-Preis.

Gut für die Minenbetreiber: Coeur d’Alene Mines etwa könnte für 2012 einen Gewinnsprung um 35 Prozent ausweisen, erwarten Analysten.

Angebotsüberhang

Freilich wird die Silber-Nachfrage der Industrie steigen, sobald sich die Weltwirtschaft besser entwickelt. Der IWF geht immerhin von einem Wachstum von 3,9 Prozent im nächsten Jahr aus, heuer werden es nur 3,5 Prozent sein. Obwohl die EZB und die Fed die Leitzinsen bereits auf rekordtiefe Niveaus gesenkt haben, und auch die Bank of China im Juni und Juli die Leitzinsen stutzte, werden sie wohl mehr tun müssen, um das Wachstum anzukurbeln.

So schrumpfte das BIP der Eurozone im zweiten Quartal, die Konjunkturlokomative Deutschland weist Schwäche auf - genau wie weiterhin auch die USA - und in China wächst die Industrieproduktion so langsam wie seit drei Jahren nicht. Die Importe Chinas, der nach den USA zweitgrößte Nachfrager des Metalls, gingen bis inklusive Juni drei Monate hintereinander zurück. Globale Nachfrage nach Silber in Form von Münzen, Juwelen oder auch verarbeitet in Konsumartikeln, wird sich laut Barclays-Prognosen 2013 kaum verändern. Die Analysten schätzen, dass das Angebot damit erneut größer sein wird als die Nachfrage - das wäre das fünfte Mal in Folge. Der Überhang würde sich demnach auf über 4000 Tonnen des Metalls belaufen.

"Die Industrienachfrage wird wohl für weitere sechs Monate schwächeln", erwartet Jochen Hitzfeld von der UniCredit. Der Analyst rechnet mit einem Durchschnittspreis von 28 Dollar je Unze im vierten Quartal.

Tonnen an Silber in der Hand von Investoren

Die Kehrseite der Medaille: Laut Daten von Bloomberg angelten sich Investoren über ETPs im laufenden Jahr 790 Tonnen an Silber und halten nun in Summe 18.093 Tonnen - die gleiche Menge, die die Minen weltweit in acht Monaten abbauen. In Summe ist der Silberbestand, der sich in Hand der ETP-Investoren befindet, nur drei Prozent niedriger als im April 2011 - dem Rekordmonat als sich gleichzeitig auch der Silberpreis an die 50 Dollar-Marke heranpirschte.

Barclays und Morgan Stanley gehen sogar davon aus, dass Anleger noch eins drauflegen werden: Sie sollen weitere 500 Tonnen im nächsten Jahr kaufen.

Außerdem gibt es trotz allem Zeichen, dass sich die Industrienachfrage erholt. Die Lagerbestände gingen laut der Comex seit Anfang Juli um 6,5 Prozent zurück und fielen auf den tiefsten Stand seit vier Monaten.

Der "Angst-Trade"

Und letzten Endes wären da ja noch die angesprochenen Notenbanken: "Menschen wie ich, die ein unglaubliches Vertrauen in Silber haben und investiert sind, werden den Silber-Preis steigen sehen, sobald die Lockerung der Geldpolitik beginnt", ist Jeffrey Sica von SICA Wealth Management überzeugt. "Ich rechne mit einem rasanten Anstieg des 'Fear-Trades' - die meisten Hedgefonds, die verkauft haben, werden zurück kommen, sobald der Preisanstieg an Dynamik gewinnt."