Der "schwarze Dienstag" der Kali-Industrie – Revolution oder Bluff?

Der Manager mit dem schwarzen Sakko und der eleganten gelben Krawatte ist Chef des russischen Düngemittelriesen Uralkali und muss in diesen Tagen viele Fragen beantworten. Ende Juli hat er die heile Welt der Kali-Düngemittelbranche ins Wanken gebracht und die Aktienkurse aller Produzenten weltweit in den Keller gestürzt. Auch in Kassel schrillen die Alarmglocken. Dort sitzt der deutsche Hersteller K+S, dem ein Preisverfall am Kali-Markt besonders zu schaffen machen würde.

Der "schwarze Dienstag" der Kali-Industrie – Revolution oder Bluff?

Mittlerweile ist Baumgertner das Lachen allerdings vergangen - er sitzt in Weißrussland in Haft. Aber von vorne:

Der "schwarze Dienstag" der Kali-Industrie beginnt am 30. Juli um acht Uhr deutscher Zeit, als Uralkali ein kurzes Statement Baumgertners veröffentlicht. Der Manager kündigt darin das Exportkonsortium BPC auf, das Uralkali zusammen mit dem weißrussischen Staatskonzern Belaruskali betreibt. Zusammen mit dem nordamerikanischen Pendant Canpotex beherrscht BPC rund 70 Prozent des weltweiten Kali-Düngemittelmarkts. Beide Seiten sprechen aus kartellrechtlichen Gründen nicht miteinander, aber sie haben es in den vergangenen Jahren verstanden, den Kali-Preis durch ein ausgeklügeltes System nonverbaler Signale auf einem hohen Niveau zu halten.

Nun steht dieses System vor dem Aus. Baumgertner, der an der Technischen Universität in Jekaterinburg und zwei Londoner Hochschulen studiert hat, will auf eigene Faust so viel Kali verkaufen wie möglich. Der Preis werde in der Folge zwar um rund ein Viertel auf unter 300 Dollar pro Tonne fallen, kalkuliert der Betriebswirt. Uralkali könne dies jedoch durch steigende Absatzmengen in China, Indien und Brasilien wettmachen. "Da Uralkali das Unternehmen mit den niedrigsten Produktionskosten in der Branche ist, können wir expandieren und Marktführer in der neuen Welt werden."

"Selbstmord am offenen Markt"

Für die Bauern in aller Welt ist das eine gute Nachricht - sie könnten künftig billiger an Düngemittel kommen. Für die Kali-Welt ist es dagegen der größte anzunehmende Unfall. "Es ist, als würde Saudi-Arabien aus der OPEC aussteigen", sagt Händler Dmitri Rischkow von der Investmentbank Renaissance Capital. Auch Investor Barry Schwartz von Baskin Financial ist schockiert. "Ich habe niemals zuvor gesehen, dass ein Unternehmen am offenen Markt Selbstmord begeht. Hoffentlich vertragen sie sich bald wieder, und die ganze Sache geht vorbei."

In der Branche und unter Investoren wird seitdem heiß diskutiert, wie es weitergeht. Uralkali lasse nur seine Muskeln spielen, und das alte Kräfteverhältnis werde sich bald wieder einpendeln, sagen die einen. Uralkali meine es erst, werde den Preis drücken und kleinere Anbieter wie den deutschen Hersteller K+S aus dem Markt drängen, sagen die anderen.

Ein großes Fondshaus rechnet mit dem Schlimmsten und hat sofort alle K+S-Papiere verkauft, ein anderes hält an seinem Aktienpaket fest und glaubt an Besserung. Es ist ein Glaubenskrieg. "Die große Frage ist, ob Uralkali den Strategieschwenk, den das Unternehmen angekündigt hat, jetzt auch vollziehen kann", betont DZ-Bank-Analyst Heinz Müller. Er verfolgt die Entwicklung von K+S seit 2001 und zählt zu den besten Kennern des Kali-Markts in Deutschland.

Am Flughafen klicken die Handschellen

Wie viel für die Beteiligten auf dem Spiel steht, zeigen die jüngsten Vorfälle in Weißrussland. Nach einem Gespräch mit dem weißrussischen Ministerpräsidenten Michail Mjasnikowitsch nehmen Polizisten Baumgertner am Flughafen in Minsk fest. Wie ein Schwerverbrecher wird er mit gespreizten Beinen und Händen an der Wand durchsucht, später in Handschellen abgeführt. Der autokratisch geführte Staat wirft dem Uralkali-Chef vor, bei der Entscheidung Ende Juli sein Amt missbraucht zu haben, schließlich ist Baumgertner auch Vorsitzender des Exportkonsortiums BPC und müsse dessen Interessen im Blick haben. Durch sein Handeln sei Weißrussland ein Schaden von 100 Milliarden Dollar entstanden.

Für Weißrussland wäre ein Preisverfall von Kali eine Katastrophe, schließlich zählt das Mineral zu den wichtigsten Exportgütern und Devisenbringern des klammen Landes. Kali macht in der ehemalige Sowjetrepublik rund zehn Prozent aller Exporte aus und trägt zwölf Prozent zu den Einnahmen des Staates bei. Nach Angaben der weißrussischen Behörden soll Baumgertner mindestens zwei Monate in Haft bleiben, bei einer Verurteilung drohen ihm zehn Jahre Gefängnis.

Uralkali weist die Vorwürfe zurück und macht Belaruskali für das Platzen des Exportkonsortiums verantwortlich. Im vergangenen Dezember habe der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko Belaruskali erlaubt, Düngemittel außerhalb von BPC zu verkaufen, 2013 sei dies dann auch geschehen, sagt Baumgertner. "Wir hatten die Wahl: Sehen wir zu, wie BPC kollabiert, oder ergreifen wir vorbeugende Maßnahmen."

"From Moscow with Love"

Baumgertner hat sich für letztere Option entschieden und verhehlt nicht, dass er sich durch den erwarteten Preisverfall auch neue Konkurrenten vom Hals halten will. Große Bergbaukonzerne wie Vale und BHP Billiton liebäugeln seit langem mit einem Einstieg in den auskömmlichen Kali-Markt, allerdings lohnt sich dies nur bei hohen Düngemittelpreisen. "Viele Unternehmen werden die Wirtschaftlichkeit ihrer Minenprojekte jetzt neu durchrechnen und sie am Ende abblasen", sagt der Uralkali-Chef im Gespräch mit der russischen Zeitung "Vedomosti" voraus. "Auch die derzeitigen Produzenten werden ihre Expansionspläne auf den Prüfstand stellen." Davon betroffen sein könnte nach Einschätzung von Experten auch die neue Kali-Mine von K+S in Kanada, die 2016 den Betrieb aufnehmen soll.

Aus Sicht der Bank Berenberg ergibt die Entscheidung für Uralkali Sinn. Angesichts der Einstiegspläne von BHP und Vale sei es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis das Oligopol am Kali-Markt zerbreche. "Das ist nun passiert - ähnlich wie in der Vergangenheit in anderen Rohstoffmärkten, zum Beispiel bei Eisenerz." Durch den vorzeitigen Ausstieg aus dem Duopol könnte Uralkali seinen Absatz steigern und sich somit eine Vormachtstellung auf den wichtigsten Absatzmärkten China und Indien sichern. "Diese Strategie tut auf kurze Sicht weh, aber wird sich langfristig auszahlen", schreibt Berenberg in einer Studie mit dem Titel "From Moscow with love".

Die Ankündigung Baumgertners, dass der Kali-Preis um ein Viertel fallen werde, haben natürlich auch die großen Abnehmerländer vernommen. Chinesische Käufer würden deshalb künftig nicht bereit sein, mehr als 300 Dollar pro Tonne zu bezahlen, schreibt Berenberg. "Wir glauben nicht, dass es eine Rückkehr zum alten Preissetzungsmodell geben wird."

"Kali-Düngemittel sind keine Schuhe"

Die "Bullen des Kalimarktes", zu denen die Chefs aller anderen Düngemittelproduzenten gehören, sehen das komplett anders. Ihr prominentester Vertreter ist Bill Doyle, der Chef des größten kanadischen Düngemittelherstellers Potash. In einem Interview, das er Anfang August auf der Internet-Seite des Konzerns veröffentlicht hat, macht er deutlich, dass er nicht an eine Revolution am Kali-Markt glaubt.

In der Vergangenheit habe es immer wieder Streit zwischen russischen und weißrussischen Düngemittelherstellern gegeben, sagt Doyle. "Das hat immer kurze Zeit gedauert, und dann war es auch wieder vorbei." Auch dieses Mal werde der Konflikt wohl nur kurze Zeit dauern, schließlich seien hohe Kali-Preise sowohl für die Uralkali-Aktionäre als auch für Weißrussland von großer Bedeutung. "Ich weiß nicht, wie lange es dieses Mal dauern wird", sagt Doyle. "Aber ich bin überzeugt davon, dass es kein längerfristiges Problem wird."

Im Gegensatz zu anderen Rohstoffmärkten lasse sich der Kali-Absatz auch bei fallenden Preisen nicht deutlich steigern, argumentiert Doyle. Die weltweiten Anbauflächen seien schließlich begrenzt - und somit auch die Nachfrage nach Kali, das neben Stickstoff und Phosphat ein Hauptbestandteil von Düngemittel ist. "Kali-Düngemittel sind keine Schuhe", sagt Doyle. "Wenn sie den Preis für ein Paar Schuhe halbieren, kaufen die Menschen zwei Paar. Aber wenn sie den Preis für Kali-Düngemittel halbieren, werden die Landwirte nicht das Doppelte bestellen - sie brauchen einfach nicht so viel."

Befürchtungen, Russland werde den Weltmarkt mit billigem Kali fluten, hält Doyle für übertrieben. Schließlich verfügt Uralkali in Nordamerika oder Europa nicht über so starke Vertriebsorganisationen wie die heimischen Hersteller. Die Marktmacht von Uralkali wird aus Sicht Doyles überschätzt. "Ein einzelnes Unternehmen kann den Preis nicht festlegen."

Greift Wladimir Putin zum Telefon?

Die Kali-Welt wartet nun gespannt, ob Doyle oder Baumgertner am Ende Recht behalten. Und natürlich, wie sich die Lage in Weißrussland weiterentwickelt. Setzt Uralkali den eingeschlagenen Weg trotz Baumgertners Festnahme fort? Oder raufen sich Uralkali und Belaruskali auf Druck der Politik wieder zusammen? "Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass die Präsidenten Putin und Lukaschenko zum Telefon greifen und das Problem auf höchster Ebene klären", sagt Analyst Müller.

Andere Experten gehen dagegen davon aus, dass Uralkali nach der jüngsten Eskalation nie mehr mit Belaruskali zusammenkommen wird - und dass nun ein neuer Handelskrieg zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken ausbricht. Russland hat die Öllieferungen an seinen Nachbarn bereits deutlich gekürzt und den Import von weißrussischem Schweinefleisch verboten. Weißrussland hat im Gegenzug die Einfuhrzölle für Benzin und Diesel angehoben.

Besonders ungemütlich ist diese unklare Situation für den deutschen Branchenvertreter K+S, der als kleiner Anbieter keinerlei Einfluss auf die Entwicklung des Weltmarktpreises hat. "Leider sitzt K+S in dieser Situation nicht selbst im Fahrersitz, sondern ist Spielball", sagt Fondmanager Carsten Hilck von Union Investment. Hinzukommt, dass der Konzern vergleichsweise hohe Produktionskosten und geringe Kapazitäten hat. Er würde damit unter einem Einbruch der Kali-Preise stärker leiden als die meisten Konkurrenten.

K+S-Chef Norbert Steiner hält sich bisher bedeckt, welcher Kali-Preis für den Konzern überlebensnotwendig ist. Die meisten Experten haben solche Rechnungen aber längst angestellt. "Bei einem Kalipreis von 350 Dollar pro Tonne verdient K+S seine Kapitalkosten, der Break-Even liegt etwas unter 300 Dollar", sagt ein Investor, der zu den größten 15 Aktionären des Konzerns gehört. "Existenzgefährdend würde es bei 250 bis 200 Dollar."

"Nicht in die Falle tappen"

Die meisten Experten glauben nicht, dass der Preis so weit fallen wird, aber die Stimmung ist angespannt. In einer Telefonkonferenz Mitte August löchern die Analysten K+S-Chef Steiner mit Fragen: Wie weit lassen sich die Produktionskosten in den deutschen Minen maximal drücken? Unter welchen Umständen würde der Konzern die Eröffnung seiner neuen Mine in Kanada auf Eis legen? Antworten bekommen sie nicht.

Der Jurist Steiner, der für seine zurückhaltenden Aussagen bekannt ist, will sich nicht aus der Deckung locken lassen. "Sie wollen uns immer Dinge aus der Nase ziehen, die wir nicht preisgeben wollen" entgegnet er Martin Rödiger vom Analysehaus Kepler Cheuvreux. "Ich werde nicht in diese Fall tappen."

Viele Börsianer sind enttäuscht. "Die Aussagen der Konzernleitung haben nichts Erhellendes gebracht", klagt ein enttäuschter Händler. Für Anleger sei kein Hoffnungsschimmer in Sicht. "Steiner war nicht bereit, über das Worst-Case-Szenario zu sprechen. Das hat viele Anleger enttäuscht", sagt ein großer K+S-Investor. Er habe jedoch Verständnis, dass sich Steiner nicht in die Karten schauen lassen wolle. "Es handelt sich um einen rhetorischen Krieg - da muss man taktisch formulieren."

Mittlerweile hat Steiner zusätzliche Sparmaßnahmen angekündigt, um für "rauere Zeiten" gewappnet zu sein. "Zu Panik besteht jedoch kein Anlass", schreibt er in einem Brief an die Mitarbeiter. "K+S hat in weit über 100 Jahren immer wieder Phasen der Marktveränderung erlebt und sie dazu genutzt, noch robuster zu werden - warum sollte es dieses Mal anders sein?"

Auch Harald Döll lässt sich trotz medialer Schreckenszenarien nicht aus der Ruhe bringen. Der Betriebsratsvorsitzende von K+S hat erlebt, wie die Kali-Preise in den Jahren 2004 und 2009 in den Keller rauschten - und sich anschließend wieder erholten. "Wir Mitarbeiter sehen das nicht so dramatisch wie der Kapitalmarkt, wir haben in der Vergangenheit schon andere Krisen überstanden." Mit dem Salz-Geschäft und einer Reihe von Spezialdüngemitteln habe K+S zudem Produkte, die sich auch in schlechten Zeiten gut verkaufen ließen, betont Döll. "Wir werden das also durchstehen, auch wenn es mal ein bisschen holpert."

Falls es stark holpert, könnte K+S die Produktion in den Bergwerken in Deutschland stoppen, in denen die Förderung besonders teuer ist, mutmaßen Analysten. Die meisten gehen zudem davon aus, dass K+S die Erschließung seiner neuen Kali-Mine in Kanada zumindest verschieben wird. Für K+S ist die Mine strategisch von großer Bedeutung, da die Reserven in den meisten Bergwerken in Deutschland in drei bis vier Jahrzehnten erschöpft sein werden. Um für das Projekt in Kanada wie geplant eine Prämie von 15 Prozent auf die Kapitalkosten zu verdienen, brauchen die Nordhessen allerdings einen Kali-Preis von mindestens 420 Dollar einschließlich Fracht - und der scheint nach den Äußerungen Uralkalis derzeit außer Reichweite.

Kali und Fußball

Die Turbulenzen am Kali-Markt kommen für K+S auch aus einem anderen Grund ungelegen. Weil der Unternehmenswert wegen des Kurssturzes um gut eine Milliarde Euro auf rund 3,5 Milliarden Euro geschrumpft ist, muss der Konzern um seine Mitgliedschaft im Dax bangen. Die Marktkapitalisierung ist neben dem Börsenumsatz das zentrale Kriterium für die Mitgliedschaft im deutschen Leitindex.

Aus Sicht von Marktbeobachtern wird K+S beim nächsten Überprüfungstermin am kommenden Mittwoch wohl noch mal mit einem blauen Auge davon kommen. Spätestens im kommenden Jahr dürfte es für das Unternehmen, das ohnehin zu den kleinsten Dax-Werten zählt, aber eng werden. Da jede neue Entwicklung in Russland die Aktie tiefer in den Keller treiben kann, müssen Management und Investoren sich auf eine lange Zitterpartie einstellen. Sie sind aber nicht die einzigen, die derzeit gespannt gen Osten blicken - auch für große Fußballvereine können die Turbulenzen am Düngemittelmarkt von Interesse sein.

Uralkali-Großaktionär Suleiman Kerimow ist nämlich seit 2011 Besitzer des russischen Fußballklubs Anschi Machatschkala. Nach dem Absturz der Uralkali-Aktie, der ihn mehrere Hundert Millionen Dollar gekostet haben dürfte, hat der russische Oligarch Großteile seiner teuer zusammengestellten Mannschaft zum Verkauf gestellt. Den brasilianischen Nationalspieler Willian hat Kerimow bereits für rund 30 Millionen Pfund an den englischen Spitzenklub Chelsea London losgeschlagen, Stümer-Star Samuel Eto'o aus Kamerun hat wenig später ebenfalls in London angeheuert.