"Der 'deutsche Euro' fällt rasant"

Nicht nur Jean-Claude Junker ist sicher, auch Hans-Günter Redeker bestätigt es: Der Euro ist auf den aktuellen Niveaus überbewertet. Der Devisenexperte von Morgan Stanley malt daher für die Gemeinschaftswährung auch keine rosige Zukunft: Bis zur Jahresmitte dürfte der Euro noch steigen, dann gehts wieder abwärts. Und zwar rasant...

"Der 'deutsche Euro' fällt rasant"

FORMAT: Der Euro hat in den letzten Tagen deutlich zugelegt – vor allem zum Dollar aber auch zum Schweizer Franken. Ist das jetzt die Wende in der Euro-Krise und werden wir einen stärkeren Euro auf Dauer sehen?

Hans-Günter Redeker: Nein, der Euro wird nicht auf Dauer stark bleiben, aber der aktuelle Trend wird sich die nächsten Monate wohl fortsetzen. Das liegt an der Verbesserung der Peripherie-Märkte, die Target 2-Ungleichgewichte haben sich zurückgebildet. Die Banken der Peripherie verzeichnen wieder Depositen-Zuflüsse, die zuvor in die Schweiz flossen. Deswegen geht der Euro gegenüber dem Franken jetzt nach oben.

Mit Blick auf die nächsten Monate, was wird entscheidend sein, um den Euro oben zu halten bzw. weiter aufwärts zu treiben?

Redeker: Will man sich das nächste oder die nächsten zwei Quartale anschauen, dann muss man die europäischen Kapitalmärkte mit den USA oder anderswo vergleichen. Wenn Zentralbanken die Renditen manipulieren, was im Allgemeinen als finanzielle Repression bekannt ist – wenn sie also die Renditen künstlich niedrig halten, dann suchen die Investoren nach Alternativen, etwa spanischen und italienischen Staatsanleihen. Das führte dazu, dass wieder Kapital nach Europa fließt. Seit 3. Jänner beobachten wir eine Outperformance der Peripherie-Aktienmärkte gegenüber Deutschland. Das war das Startsignal für die Euro-Rally, der von 1,30 auf 1,34 zum Dollar kletterte. Wir werden in den nächsten Wochen aufgrund der relativen Attraktivität der Assetklassen in Europa weitere Zuflüsse sehen. Wenn man allerdings Verschuldung, Wirtschaftswachstum und so weiter in Betracht zieht, kann man längerfristig zu anderen Ergebnissen kommen. Nicht umsonst hält Jean-Claude Juncker den Euro für dramatisch überbewertet.

Das soll wohl heißen, die Euro-Krise ist noch nicht vorbei und der Euro schmiert wieder ab?

Redeker: Um langfristige Währungsprognosen zu erstellen, gibt es diverse Modelle – etwa jenes der Kaufkraftparität oder etwas kompliziertere, wie die Fair-Value-Modelle, die wir verwenden. Die faire Bewertung eines Euros für Deutschland liegt aktuell bei 1,53 Dollar. Die faire Bewertung eines italienischen Euros liegt bei 1,19. Der deutsche Euro war vor einem Jahr aber noch bei 1,61 fair bewertet. Und er fällt weiter rasant, weil Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Das wäre zwar gut für die Homogenität Europas, allerdings fällt die faire Bewertung des Euros auch in den Peripheriemärkten immer noch. Zwar nicht so schnell wie in Deutschland, aber immer noch mit überhöhter Geschwindigkeit. Das heißt, ein Euro über 1,30 Dollar ist jedenfalls überbewertet.

Vielleicht nicht für Deutschland, aber jedenfalls für Italien...

Redeker: Italien bereitet das sicher Kopfschmerzen, denn der starke Euro belastet die Wirtschaft, das führt zu geringeren Steuereinnahmen und zu einem Anstieg der Verschuldung.

Wie wird sich der Euro also den Rest des Jahres und darüber hinaus Ihrer Einschätzung nach entwickeln?

Redeker: Wir sehen für den Euro noch etwas Aufwärtspotenzial. Für Ende Juni lautet unsere Prognose auf 1,36 Dollar. Dann wird der Euro wieder fallen – bis auf 1,12 per Ende 2014. Der Euro wurde in den letzten Monaten ja auch künstlich unterstützt durch die Repatriierung der Banken. Weil die europäischen Banken ihre Bilanzen verkleinern und sich deswegen stärker auf das Europa-Geschäft konzentrieren und sich etwa aus Asien zurückziehen, steigt der Euro automatisch. Wenn die Repatriierung der Banken abgeschlossen ist, dreht das allerdings. Längerfristig wird außerdem der Yen den Dollar als Verschuldungswährung ablösen, das heißt der Yen wird schwächer werden, der Dollar aufwerten und das wird den Druck auf den Euro erhöhen.

Nochmal zur fairen Bewertung des Euro – was wäre die faire Bewertung für die Eurozone als Ganzes?

Redeker: 1,33. Aber die Diskrepanz zwischen den Ländern ist entscheidend.

Da der Euro zum Dollar wieder abschmieren wird, ist wohl auch davon auszugehen, dass sich der Euro seine Stärke zum Franken nicht erhalten wird können. Richtig?

Redeker: Allerdings, das ist dasselbe Prinzip.