Punktsieg für Yellen: Baldige US-Zinswende wieder auf dem Tisch

Punktsieg für Yellen: Baldige US-Zinswende wieder auf dem Tisch

Es ist die Frage aller Fragen an den Finanzmärkten - und das schon seit Monaten. Dreht die US-Notenbank an der Zinsschraube? Und wann und wie stark? Beobachter glauben nun zu wissen, dass es kurz vor Weihnachten wirklich so weit sein könnte.

Die Zitterpartie um die lang erwartete Zinswende in den USA hat wieder an Brisanz gewonnen. Die Leitzinsen bleiben zunächst unverändert, aber die US-Notenbank hat Hinweise gegeben, dass sie doch schon im Dezember an der Zinsschraube drehen könnte. Daran hatten an den Finanzmärkten zuletzt nur noch wenige geglaubt. Zu groß schien der Widerstand im Führungskreis der Notenbank aus Sorge vor der schwächelnden Weltwirtschaft. Doch nun sieht es so aus, als hätte Fed-Chefin Janet Yellen, bekannt für ihren integrativen Führungsstil, ein Machtwort für die Zinswende gesprochen.

Der US-Ökonom Gerald O'Driscoll vom Washingtoner Cato-Institut sieht das Manöver der Fed skeptisch. "Sie haben sich selbst in eine Ecke gedrängt, aus der sie schwer wieder rauskommen", sagte er der dpa. Die US-Wirtschaft stehe jetzt schwächer da, als noch im September, es gebe kaum Zeichen dafür, dass die Inflation anziehe. "Der interne Machtkampf in der Fed geht weiter", sagte O'Discroll.

Zinswende in greifbarer Nähe

Während niemanden überraschte, dass die Fed am Mittwoch die Zinsen vorerst unangetastet ließ, hatte es der Kommentar der Fed zur Entscheidung in sich: Man werde überprüfen, ob eine Leitzinsanhebung "auf dem nächsten Treffen" im Dezember angemessen sei. Was nach einer Floskel klingt, ist in der Sprache der Notenbanker ein klares Signal, denn es wurde ein konkreter Termin genannt. Das zeigte sich auch an den Finanzmärkten. Der Dollar schoss in die Höhe. Eine baldige Zinswende scheint in greifbarer Nähe. Wenn die mächtigste Notenbank zum ersten Mal seit der Finanzkrise die Zinsen wieder von der Nulllinie hebt, dann dürfte auch weltweit der Aufwärtsdruck auf die Zinsen steigen.

Entsprechend wird jedes Wort aus dem Mund eines US-Währungshüters auf die Goldwaage gelegt. Und die jüngsten Äußerungen hatten einige Experten als Kurskorrektur interpretiert. Seit der Sitzung im September wurde über einen Machtkampf in der Fed spekuliert. Der Grund: Yellen hatte eine Zinswende noch 2015 in Aussicht gestellt. Wenig später wandten sich gleich zwei Mitglieder aus dem innersten Fed-Führungskreis in den Medien dagegen. Öffentliche Uneinigkeit im Führungsgremium aber ist äußerst selten: In den vergangenen 20 Jahren kam es erst zweimal vor, dass Direktoren in Zinsbeschlüssen gegen die Fed-Führung votierten.

Beobachter gehen davon aus, dass die Fed-Chefin nun ein Machtwort gesprochen hat. "Wir rechnen damit, dass Yellen ihren Führungsanspruch mit einer Leitzinsanhebung untermauern wird", sagt Bastian Hepperle, Analyst beim Bankhaus Lampe. Nun sei mit einer Zinswende im Dezember zu rechnen. Für die These vom Machtwort spricht auch, dass die Einschätzungen der Notenbank zur Konjunktur sich im Vergleich zur Sitzung im September deutlich verbessert haben. Nackte Zahlen untermauern das aber nur bedingt. Der Eindruck: Während die Fed im September das Glas halb leer sah, sieht sie es jetzt halb voll. Noch im September wähnte die Notenbank den langen Schatten der schwächelnden Weltkonjunktur über der US-amerikanischen Wirtschaft. Nun ist davon keine Rede mehr.

Analysten und Anleger tappen im Dunkeln

Doch ist diese Einschätzung durch Konjunkturdaten gestützt? Zwar sehen einige Experten tatsächlich aus den Schwellenländern Signale der Beruhigung kommen. Aber nicht erst seit ein paar Wochen. Für Rudolf Besch, Experte bei der Dekabank, ist es daher nicht nachvollziehbar, dass die Fed noch im September auf globale Risiken hingewiesen hat und schon ein Treffen später nicht mehr. Auch von der US-Wirtschaft kamen wenige positive Signale. An der schwachen Inflation hat sich nichts geändert und der jüngste Arbeitsmarktbericht enttäuschte, vor allem, weil unerwartet wenige neue Jobs geschaffen wurden. Für Analysten war klar: Der Bericht spricht eher gegen eine baldige Zinswende.

Dennoch hat die Fed nun eine Zinswende im Dezember zurück auf den Tisch gebracht. Zuvor hatten sich die Akteure an den Finanzmärkten schon fast lethargisch auf eine Verschiebung auf 2016 eingestimmt. An den Märkten wurde die Wahrscheinlichkeit einer Zinsanhebung noch in diesem Jahr auf nur noch knapp ein Drittel geschätzt. Seit Mittwoch tappen die Anleger wieder ganz im Dunkeln. Die Wahrscheinlichkeiten für dieses oder nächstes Jahr werden nun gleich hoch eingeschätzt. So hat die Fed am Mittwoch vor allem eines noch einmal unterstrichen: ihre eigene Unberechenbarkeit. Bei der kommenden Sitzung im Dezember dürfte die alles entscheidende Frage sein, ob die Fed das Glas nun halb leer oder halb voll sieht.

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