"Die Freude über den Niedrigzins ist gezügelt"

"Die Freude über den Niedrigzins ist gezügelt"

New York Federal Reserve Bank: Die Fed gilt als erste große Zentralbank, die die Geldinfusion drosseln möchte. Das sollte zu einem Anstieg der Zinsen in den USA führen.

Asoka Wöhrmann, Chief Investment Officer von DWS, kritisiert die Liquiditätspolitik der Notenbanken. Sie bringt steigende Börsenkurse, aber auch Marktverzerrungen.

FORMAT: Nikkei, S&P 500, DAX, Sensex und Shanghais A-Shares haben im April neue Rekorde erreicht oder sich alten angenähert. Es gab zwar aktuell in Indien einen Rücksetzer, aber gemäß der alten Faustregel, dass die Börse der wirtschaftlichen Entwicklung rund neun Monate vorauseilt, kann das nur heißen: Zum Jahresende läuft die Weltwirtschaft so rund wie wohl selten zuvor...
Asoka Wöhrmann: So würde ich das nicht deuten. Zwar rechnen wir für das Gesamtjahr 2015 mit einer Beschleunigung des globalen Wachstums auf 3,4 Prozent. Das ist im historischen Vergleich bescheiden, aber immerhin. Die Erholung gewinnt an Schwung, verläuft aber so gemäßigt, dass keine Überhitzung und damit kein Gegenwind durch Zinsschocks droht. Diese an sich günstige Konstellation entschuldigt sicherlich einen Teil der Anlegereuphorie. Aber dass nicht nur Aktienbörsen am Tropf der Zentralbanken hängen, ist offensichtlich

FORMAT: Die Fed gilt als erste große Zentralbank, die die Geldinfusion drosseln möchte. Das sollte zu einem Anstieg der Zinsen in den USA führen. Aber ein Blick auf den Verlauf der zehnjährigen Staatsanleihen zeigt, dass bisher von diesen noch keine aus ihrem langjährigen Abwärtstrend ausgebrochen ist. Und betrachtet man die Eurozone, sieht man noch weiter fallende Zinsen. Glauben Sie immer noch an die Zinswende in den USA?
Asoka Wöhrmann: Die jüngsten Aussagen der Fed sowie die amerikanischen Makrodaten lassen uns an unserer Prognose festhalten: Zinsanhebung im September. Das Risiko besteht zeitlich eher nach hinten als nach vorne. Wir gehen von einem sehr zurückhaltenden Zinszyklus aus, dessen Ausschlag unter historischen Ständen bleiben wird.


"Durch den Niedrigzins verkümmert das Geld jener, die vom Sparbuch für die Altersvorsorge nicht lassen können." Asoka Wöhrmann, DWS

FORMAT: Wird die Zinswende, auch angesichts der geringen Liquidität an den Anleihemärkten, die Märkte durchschütteln, wie etwa der Internationale Währungsfonds warnte?
Asoka Wöhrmann: Davon gehe ich nicht aus. Natürlich wird die Zinswende zu Verschiebungen in den Anlageklassen führen. Aber es gibt wohl kaum ein kapitalmarktrelevantes Ereignis, das intensiver diskutiert und breiter antizipiert wurde als dieser Zinsschritt. Zudem sorgen die Europäische und die japanische Zentralbank für weitere Liquidität.

FORMAT: Ist es denn nicht schade, dass diese für Kapitalmärkte so belebende Niedrigzinsphase ein Ende finden könnte?
Asoka Wöhrmann: Die Freude über den Niedrigzins ist eine gezügelte. Beim Negativzins endet sie fast gänzlich. Zwar sind die steigenden Aktien-und Anleihepreis e und die günstigen Refinanzierungsbedingungen in der Peripherie erbauend, aber die Liste der Nebenwirkungen niedriger Zinsen ist lang. Den Firmen fliegen ihre Pensionslasten um die Ohren, die Lebensversicherer können bald für nichts mehr garantieren, und darüber hinaus verkümmert das Geld jener Millionen Altersvorsorger, die vom Sparbuch nicht lassen wollen. Mit Blick auf die Preisanstiege bei Aktien und Immobilien kommt man da schnell zum Schluss, dass sich die Früchte der Zentralbanken sehr ungleich verteilen. Dazu tragen indirekt auch die Konzerne bei. Ihnen sitzt das Geld dank Rekordgewinnen und großzügiger Liquiditätspolitik locker in der Tasche. Doch sie geben es weder für Kapazitätserweiterungen noch für Forschung aus, was wiederum Arbeitsplätze schaffen würde. Sondern für Dividenden, Aktienrückkäufe und Übernahmen - letztere schaffen kurzfristig selten neue Stellen. Das freut natürlich viele Aktionäre. Aber nur kurzfristig, denn nachhaltig ist diese Mittelverwendung nicht. Zudem steigert sie die Angebotskonzentration, die sich mittelfristig dann in Preissteigerungen niederschlägt. Auch darunter leiden die einkommensschwachen Schichten überproportional.

FORMAT: Ist Inflation noch ein aktuelles Thema?
Asoka Wöhrmann: Ich glaube, wer Inflation für ein Problem der Vergangenheit hält, unterschätzt entweder die Komplexität dieses Phänomens oder überschätzt die Weisheit und Wirkungsmacht der Zentralbanken. Natürlich ist Inflation strukturellen Veränderungen unterworfen. Ich nenne nur Chinas lohndämpfende Wirkung, Globalisierung, Liberalisierung oder Überalterung. Doch jetzt ihr Ende auszurufen, ist leider verfrüht und verkennt die anhaltende Störung des monetären Transmissionsmechanismus. Ihr Ende zu fassen, wäre ohnehin nicht leicht: Sie ist schwer greifbar, eine eindeutige Definition fehlt. Inflationszahlen werden regelmäßig bewusst oder unbewusst verzerrt. Um nur einige Problemfelder bei der Messung zu nennen: Warenkorbzusammenstellung, Anpassung an geändertes Konsumverhalten (etwa die höhere Dienstleistungsnachfrage in alternden Gesellschaften), kalkulatorische Mieten (sie machen ein Viertel des US-Warenkorbes aus) sowie der Umgang mit Häusern, Uhren oder Autos, die technisch, wenn auch nicht ästhetisch, immer anspruchsvoller werden. Kurzum: Das Thema Inflation wird uns noch länger begleiten.

FORMAT: Von der Euphorie für die Börsen sind Sie jetzt aber etwas abgerückt.
Asoka Wöhrmann: Wir sind konstruktiv für dieses Jahr, auch aufgrund der niedrigen Zinsen. Die Folgen der niedrigzinsinduzierten Kapitalfehlallokation werden uns allerdings noch über Jahre begleiten und die Perspektiven langfristig eintrüben. Die globalen Aktienmärkte haben in Form des MSCI World im April neue Rekorde erklommen. Ein Grund dafür ist die Beschleunigung des Wachstums im laufenden Jahr. Der wichtigere Grund ist jedoch das Niedrigzinsumfeld. Aufgrund der übergeordneten Bedeutung der Zinsen für die Bewertung aller anderen Anlageklassen ist die derzeitige Freude über ihre stimulierende Wirkung nicht ungetrübt. Die Marktverzerrungen werden uns noch länger beschäftigen.

Zur Person:

Asoka Wöhrmann ist Mitglied der Geschäftsführung der DWS Investment GmbH, der Vermögensverwaltungstochter der Deutschen Bank, und hat dort die Position des Chief Investment Officers inne. Wöhrmann kam 1998 als Fondsmanager im Rentenbereich zur DWS. 2011 wurde er Leiter des Währungssegments. Zuvor hatte er Lehraufträge an der technischen Universität Wien und der Universität Magdeburg.

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