Preisverfall: Spekulieren auf schwimmendes Öl

Preisverfall: Spekulieren auf schwimmendes Öl
Preisverfall: Spekulieren auf schwimmendes Öl

Schwimmendes Öl: Den Rohstoff auf Hochseetankern zwischenzulagern erscheint manchen Ölhändlern inzwischen gewinnbringender.

Der anhaltend fallende Ölpreis führt zu wüsten Spekulationen. Händler, die auf eine baldige Trendumkehr und einen Ölpreis von bis zu 200 Dollar pro Barrel wetten, lagern bereits Millionen Tonnen Rohöl in riesigen, im Meer schwimmenden Frachtschiffen. Mit Aussicht auf Gewinn.

Seit Juni 2014 ist der Ölpreis um rund 60 Prozent gesunken, derzeit liegt er bei rund 48 Dollar. Dieser rapide Preisverfall freut die einen, während die anderen verzweifeln. Fluglinien profitieren davon, denn die Treibstoffkosten verringern sich. Förderländer und die damit verbundenen Branchen trifft es hingegen am schwersten. Die Förderländer kostet das billige Öl rund 425 Milliarden Dollar, Öldienstleister wie die amerikanische Konzerne Schlumberger, Halliburton oder Baker Hughes bauen tausende Stellen ab.

Rohöl auf Supertankern zwischenlagern

Es scheint lukrativ zu sein, den dickflüssigen Rohstoff zwischenzulagern. Rund 40 Millionen Fässer schwimmen derzeit auf Hochseetankern, Anfang Jänner kamen die Schätzungen noch auf zwölf bis 15 Millionen Barrel an Lagerkapazitäten. Das lohnt sich aber anscheinend mehr, als das Öl zu Dumpingpreisen zu verkaufen: Die Anmietung eines Tankers inklusive Nebenkosten wie Treibstoff oder Versicherung dürfte Ölhändler zwischen 1,5 und 1,8 Millionen Dollar im Monat kosten. Doch es wird darauf spekuliert, dass der Preis in diesem Jahr wieder anzieht. So kostete Brent-Öl zur Lieferung im Dezember am Mittwoch 57,40 Dollar und damit acht Dollar mehr als bei der sofortigen Abnahme.

Experten sprechen von Contango: Damit wird eine Preissituation an den Warenterminmärkten beschrieben, bei dem der Terminpreis in der Zukunft über dem derzeitigen Spotpreis liegt. Das trifft auch auf den Ölpreis zu: Das Öl in einem Jahr für 60 Dollar pro Barrel zu verkaufen bringt mehr Geld, als es jetzt um 50 Dollar auf den Markt zu werfen.

Zu den Firmen, die Tanker auf den Meeren angemietet haben, gehören unter anderem der größte unabhängige Ölhändler Vitol, die in der Schweiz ansässige Firma Trafigura, das zypriotische Unternehmen Gunvor, aber auch der Energiekonzern Royal Dutch Shell. Vitol etwa buchte der Nachrichtenagentur Reuters zufolge mit der "TI Oceania" einen der größten Supertanker überhaupt, der ein Fassungsvermögen von drei Millionen Barrel hat, das sind fast eine halbe Milliarde Liter. Trafigura sicherte sich mit der "Nave Synergy" ebenfalls einen Mega-Tanker und Shell buchte mit der "Xin Run Yang" und der Xin Tong Yang" gleich zwei solcher Schiffe. Die Schiffe ankern meistens vor der Küste, um Hafengebühren zu sparen.

Ein Barrel für 200 Dollar?

Gar vor einem Anstieg des Ölpreises auf 200 Dollar pro Barrel warnt der Chef des italienischen Energiekonzerns ENI, Claudio Descalzi. Wenn die Investitionen in neue Projekte wegen des aktuellen Preisverfalls deutlich gesenkt würden, werde in vier bis fünf Jahren nicht mehr genügend gefördert, sagte Descalzi beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur IEA wird der weltweite Ölverbrauch in diesem Jahr 93,5 Millionen Barrel pro Tag betragen. Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) hatte im November beschlossen, trotz des Preisverfalls ihre Produktion nicht zu drosseln. Die Energiekonzerne leiden unter einem Überangebot von Öl, unter anderem wegen des Schiefergas-Booms in den USA.

Die Entwicklung des Ölpreises seit Juli 2014 (Chart vom 22. Jänner)

Aktuelle Brent- Ölpreis-Entwicklung und Chart

Billiges Öl kostet Förderländer 425 Milliarden Dollar

Richtig teuer kommt der Ölpreisverfall die Golfstaaten zu stehen: Rund 300 Milliarden Dollar (259 Milliarden Euro) entgehen laut Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) alleine den Golfstaaten. Alleinig Kuwait dürfte einen Haushaltsüberschuss aufweisen, Saudi-Arabien, Bahrain, Oman, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate - drohe dagegen ein Defizit.

Auch den erdölexportierenden Ländern im Nahen Osten und Zentralasien entgehen Einnahmen. Der IWF bezifferte ihre Ausfälle in seinem Bericht auf weitere 125 Mrd. Dollar. Nach Einschätzung des IWF müssten die Preise über 57 Dollar pro Fass liegen, damit die Einnahmen aus dem Ölgeschäft die staatlichen Ausgaben decken.

Förderung in der Nordsee unrentabel

Unter Druck geraten auch die Offshore-Erdölförderer wie Norwegen: Das Erdöl, das in der Nordsee aus dem Meeresboden geholt wird, rechnet sich bei dem niedrigen Ölpreis nicht mehr. Mit dem enormen Aufwand und den hohen Förderkosten lässt sich kaum mehr Geld verdienen.

"Wir stehen kurz vor dem Kollaps", sagt Robin Allan, Chef des britischen Branchenverbandes Brindex, der vor allem kleinere Ölfirmen vertritt. "Beim derzeitigen Ölpreis ist es fast unmöglich, Geld zu verdienen."

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