Korrektur oder Trendwende? Das sagen die Experten

Korrektur oder Trendwende? Das sagen die Experten

An den Börsen herrscht Panik. Doch wie schlimm steht es wirklich? Ist das nun das Ende der jahrelangen Hausse oder nur eine Korrektur? Experten von BlackRock über die Deutsche Bank bis hin zu Charttechnikern analysieren die Lage. Und wo bald der Einstieg lohnen könnte.

Gestern noch stürzten Börsen wie der Dax auf ein Jahrestief von 9.338 Zähler, heute knackt das deutsche Börsenbarometer schon wieder die 10.000 Marke. Auch andere Märkte vor allem in China, von wo das Börsenbeben seinen Anfang nahm, erlebten Abstürze mitunter so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Stimmen wurden laut wie: " Das ist der Vorbote einer globalen Finanzkrise“.

Heute ist es der chinesischen Notenbank wieder gelungen die Zügel in die Hand zu nehmen und hat die Zinsen gesenkt und damit die Börsen haben weltweit wieder an Fahrt gewonnen. Doch war es das schon oder steht das dicke Ende noch bevor?

"Keine Vorboten für Entwicklung wie 2008"

Doch zahlreiche Experten geben nun Entwarnung. Russ Koesterich, globaler Chef-Investmentstratege von BlackRock - die US-Fondsgesellschaft verwaltet 4,3 Trillionen Euro: „Wir sehen den Ausverkauf an den Märkten als Korrektur und nicht als Trendwende. Das dürfte nicht der Vorbote einer Entwicklung wie im Jahr 2008 sein. Denn führende Indikatoren bewegen sich noch immer im positiven Bereich, und der niedrige Ölpreis sowie niedrige Zinsen sollten das globale Wachstum stützen.“ Koesterich hält die Kursrückgänge teilweise für überzogen.

Zu pessimistisch

Die Analysten der schweizerischen Bank Credit Suisse schrieben in einer Studie, dass die Investoren mittlerweile zu pessimistisch auf die Weltwirtschaft blickten. Zu dieser Aussage passte der am Dienstag präsentierte Ifo-Geschäftsklimaindex für Deutschland. Die Stimmung in den Chefetagen von 7.000 befragten Managern er deutschen Unternehmen hat sich im August überraschend aufgehellt. Das Barometer für das Geschäftsklima stieg von 108,0 Zählern im Vormonat auf 108,3 Punkte, wie das Münchner Ifo-Institut.

Dax in 12 Monaten bei 12.300 Punkten?

Auch Henning Gebhart, Aktienchef der deutschen Fondsriesen DWS hält den Börsencrash für eine Korrektur und keine Trendwende. Gegenüber dem Handelsblatt hält er an seiner Prognose von 11.000 Punkten für den Dax bis Jahresende fest. Auf Sicht von 12-Monaten erwartet der renommierte Fondsmanager 12.300 Punkte. Gebhart glaubt zudem nicht, dass Schwellenländer die Industrieländer infizieren.

Bald wieder einsteigen?

Nach den Verlusten im Dax, die höhere waren als an anderen Börsen, sieht Gebhart bald wieder den Zeitpunkt für den Einstieg gekommen. Er rät, sobald sich die Märkte stabilisieren, Positionen aufzubauen. Wie Gebhart haben nun Experten vor allem den 17. September im Visier, an dem Tag entscheidet sich, ob die US-Notenbank Fed die Zinsen erhöht.

Wie Experten die Entwicklung in China einschätzen:

Auch die Deutsche Asset & Wealth Management (AWM), ebenfalls eine Tochter der Deutschen Bank, hält die Turbulenzen nur für einen vorrübergehenden Sturm. Ihre Analyse: „Aufgrund der in der Urlaubszeit niedrigen Liquidität wandelte sich eine ansonsten überschaubare Korrektur zu einem veritablem Sturm“, so Deutsche AWM-Chef Asoka-Wöhrmann.
Weiche Landung Chinas nach wie vor Basisszenario
Trotz enttäuschender Industrieproduktions- und Exportdaten in China bleibt deren Basisszenario eine weiche Landung der chinesischen Wirtschaft. So sind in China zahlreiche strukturelle Veränderungen in Gang.
Chinesische Rentenfonds dürfen erstmals an der Börse investieren
Ein weiterer positiver Faktor für die Börsen: Seit Sonntag gestattet China Pensionsfonds erstmals Investitionen am Aktienmarkt. Damit könnten zusätzlich Hunderte Milliarden Yuan in die zuletzt gebeutelten Börsen fliessen. Rentenfonds, die von Gemeinden verwaltet werden, dürfen künftig 30 Prozent ihres Vermögen in chinesischen Aktien, Aktienfonds und Mischfonds anlegen. Bisher waren die Investitionen auf Sparbücher und Staatsanleihen beschränkt. Insgesamt verfügen diese Fonds über mehr als 2 Bio. Yuan, wovon rund 600 Mrd. Yuan am Aktienmarkt investiert werden könnten.

Ausweitung der Krise in Asien nicht erwartet

—Eine Ausweitung der Krise und damit eine Wiederholung der 1997er Asienkrise befürchten die Deutsche Banker nicht. Im Fokus stünden derzeit allerdings die drei der vier BRIC-Staaten Brasilien, Russland und China und Staaten wie die Türkei und Thailand. Sie kämpfen entweder oder gleichzeitig mit politisch instabil sind und/oder hohe Schulden in Dollar.
— Die Deutsche Bank glaubt weiterhin, dass die US-Notenbank ihre Leitzinsen 2015 erhöhen wird, entweder im September oder im Dezember, auch wenn laut einer aktuellen Umfrage insgesamt nur noch 26 Prozent an eine Zinserhöhung im September erwarten.

Gute Wirtschaftsdaten sollten wieder positiv stimmen

Wöhrmann: „Mittelfristig dürften gute Wirtschaftsdaten aus den USA und Europa wieder mehr Sicherheit geben.“ Er glaubt allerdings, dass eine gewisse Skepsis gegenüber besseren Daten aus China geben werde. Strukturelle Reformen benötigen Zeit, bis sie greifen.

Experten favorisieren europäische Aktien

Europäische Aktien befinden sich aus Sicht der Deutschen AWM mittlerweile auf einem attraktiven Bewertungsniveau. Eine erneute Aufwertung des Dollar dürfte positiv für Unternehmen aus der Eurozone sein. „Einige Marktsegmente hat der Absturz der Märkte attraktiver gemacht, speziell deutsche und europäische Aktien.“ Russ Koesterich, globaler Chef-Investmentstratege von BlackRock: „Einige Marktsegmente hat der Absturz der Märkte attraktiver gemacht, speziell deutsche und europäische Aktien.“

Schwellenländer: Kürzungen bei Gewinnenprognosen erwartet


An den Schwellenländer-Börsen könnte es weiter turbulent zugehen. Wöhrmann: „Hier erwarten wir die meisten Kürzungen der Gewinnprognosen in den kommenden Wochen.“

Auch bei Anleihen überreagiert

Auch bei Anleihen scheinen die Märkte laut Experten in einigen Fällen überreagiert zu haben. Die Deutsche AWM untergewichtet dennoch auch weiterhin deutsche Bundesanleihen mit langer Laufzeit, für Anleihen aus der Eurozonen-Peripherie bleibt die AWM neutral. Bei Staatsanleihen aus Schwellenländern würden wir derzeit kein Risiko eingehen. Wöhrmann: "Es gibt Opportunitäten, aber die Liquidität ist derzeit an den Märkten gering."

Schwellenländer-Firmenanleihen mit guten Einstiegsmöglichkeiten

Chancen sehen die Deutsche Banker dagegen bei Schwellenländer-Unternehmensanleihen, dort müsse man jedoch genau auf Sektor und Land achten.
Den Absturz der Ölpreise sehen die Profis meist ebenfalls gelassen. Wöhrmann: "Der Einbruch beim Ölpreis drückt auf die Stimmung, reflektiert aber, da es sich dabei eher um ein Überangebot als um eine Nachfrageschwäche handelt und nicht um eine Schwäche des globalen Wirtschaftswachstums." Die Tatsache, dass billiges Öl den Konsum positiv stimuliert, wird weiterhin als wichtiger positiver Faktor erachtet.

Dollar: Auf zu neuen Höhen?

Der Dollar könnte seinen Aufwärtstrend bald wieder fortsetzen. Wenn sich die Situation wieder stabilisiert, erwartet die Deutsche Bank, dass der Dollar seinen langfristigen Aufwärtstrend wieder aufnimmt.

Wie tief kann es gehen?

Dennoch ist das Risiko von weiteren Abstürzen nicht gebannt. Charttechniker brüten bereits über ihren Auswertungen. Demnach könnte es etwa beim Dax noch ordentlich rumpeln. Das Tagestief im Dezember 2014 lag bei 9.219 Punkten, die Tiefs vom März und August vergangenen Jahres bei gut 8.900 Punkten. Das wären aus charttechnischer Sicht die nächsten Haltemarken.
Chartprofi Franz-Georg Wenner vom Börsenstatistik-Magazin Index-Radar glaubt, dass es trotz der heutigen Kurserholung im Dax noch dicker kommt. Er hält aktuell eine Bärenmarkt-Rally für wahrscheinlich. Das ist eine zwischenzeitliche Kurserholung in einem Abwärtstrend. Die aktuelle Marktphase sei extrem und nur mit wenigen aus der Vergangenheit vergleichbar, so Wenner in seinem Morgenkommentar. Eines hätten diese Phasen aber gemeinsam gehabt: Es sei anschließend weiter abwärts gegangen.

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