"Kein Grund für Korrektur"

"Kein Grund für Korrektur"

Norman Boersma, Chef des globalen Aktienteams und Manager des Templeton Growth Funds.

Norman Boersma, Manager des acht Milliarden Dollar schweren Tempelton Growth Fonds, erklärt, welche Aktien er kauft und welche Renditen er in nächsten Jahren erwartet.

FORMAT: China bereitet Anlegern mit schwachen Konjunkturdaten Sorgen. Das Land fällt daher als Konjunkturlokomotive aus. Verliert der globale Aufschwung damit an Kraft, bevor er richtig begonnen hat?

Norman Boersma: Davon ist nicht auszugehen. Das US-Wachstum ist stark, in Europa lässt der Gegenwind nach. Noch ist nur nicht ganz klar, ob das Wachstum der beiden die Schwäche in China ausgleichen kann. Aber die Chancen stehen gut.

Warum lässt der Gegenwind für Europa nach?

Boersma: Der Höhepunkt der harten Sparmaßnahmen der vergangenen fünf, sechs Jahre dürfte überschritten sein, der Export sollte aufgrund von Arbeitsmarktreformen und des schwächeren Euros zulegen.

Dennoch erreicht die Inflation in Europa in vielen Ländern neue Tiefstände. Wie besorgniserregend ist das?

Boersma: Der Hauptgrund für die jüngsten Rückgänge ist der niedrige Preis für Öl und Metalle. Das ist definitiv kein Grund, besorgt zu sein. Das ist zwar ein Problem für die Emerging Markets, aber nicht für Europa und die USA.

Die EU pumpt mit Anleihenkäufen monatlich Milliarden in den Markt, um die Kreditnachfrage anzukurbeln. War sie damit bisher erfolgreich?

Boersma: Die Kreditzinsen sind in Europa im Schnitt von sechs Prozent im Jahr 2009 auf derzeit etwas über zwei Prozent gefallen. Seit 2013 zieht die Nachfrage wieder leicht an, nachdem das Kreditwachstum von 2008 bis 2013 praktisch zum Erliegen gekommen ist. Die steigende Nachfrage ist ein gutes Zeichen, dass die Wirtschaft wieder in Schwung kommt.

Die Entwicklung der Unternehmensgewinne hinkt aber nach wie vor hinter dem globalen Trend hinterher.

Boersma: US-Unternehmen haben mit einem Gewinn pro Aktie von knapp 100 ein All-Time-High erreicht. Da hat Europa mit 90 über die vergangenen zwölf Monate noch Luft nach oben. Zudem sollten in Europa Ende des Jahres und 2016 die Unternehmensgewinne nach starken Rückgängen seit 2011 wieder anziehen.

Ein Thema, das vielen Angst macht, ist die hohe Schuldenlast der Staaten. Wie bedrohlich kann die Lage werden?

Boersma: Die USA und Europa haben zwar in den vergangenen Jahren viel Liquidität in den Markt gepumpt. Der Höhepunkt der Sparpolitik ist nun aber überschritten. Die Schulden dürften damit zwar noch länger auf dem aktuellen Niveau bleiben, aber das ist nichts Negatives. Damit kommen wir wieder in ein normales Umfeld.

Anleger sind derzeit eher vorsichtig, viele sind skeptisch. Befinden wir uns trotz starker Kursrückgänge im August und September noch immer in einem Bullenmarkt, oder droht die ultimative Korrektur?

Boersma: Ich sehe keinen Grund, warum es zu einer starken Korrektur kommen sollte. Viele Aktienmärkte in Europa sind in der Vergangenheit zwar stark gestiegen, aber dennoch noch moderat bewertet. Die Emerging Markets sind stark abgestürzt und auch nicht teuer. Der einzige Markt, der wahrscheinlich überbewertet ist, sind die USA.

Sollte man US-Aktien abstoßen?

Boersma: Die Bewertungen von US-Aktien sind nicht völlig überzogen, aber definitiv nicht mehr billig. Zudem gehen die Unternehmensgewinne in den USA nach den starken Anstiegen der vergangenen Jahre bereits leicht zurück, was für US-Börsen nicht ganz unproblematisch sein wird. Wir haben deshalb US-Aktien um fast die Hälfte geringer gewichtet, als diese im breiten MSCI-Weltaktienindex vertreten sind. Denn als Manager des Templeton Growth, der auf die Auswahl von Value-Aktien, also günstig bewerteten Aktien, spezialisiert ist, finden wir dort kaum noch welche.

Sind europäische Aktien unterbewertet?

Boersma: Dafür gibt es mehrere Indizien. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis der Unternehmen im breiten Aktienindex MSCI Europa liegt bei 1,8. Der Durchschnitt seit 1997 beträgt 2,3. Für Value-Investoren gilt: Je niedriger dieser Wert, desto preiswerter sind die Aktien. Denn der faire Wert einer Aktie entspricht etwa dem Buchwert. Auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis von zwölf liegt unter dem langjährigen Schnitt. Ein Vorteil für uns ist zudem, dass die Erwartungen der Anleger so gering sind. Das sind gute Voraussetzungen, um nach unterbewerteten Aktien zu suchen.

Bei welchen Aktien in Europa sehen Sie die große Chancen auf steigende Kurse?

Boersma: Bei Bankaktien. Zwar sind viele Werte seit dem Tiefstand im Jahr 2012 bereits wieder gestiegen, trotzdem sind sie von ihren Höchstständen noch meilenweit entfernt. So beträgt das Preis-Buchwert-Verhältnis derzeit 1,0. Vor vier Jahren betrug dieses beim Höchststand über drei.

Wie stark haben Sie Bankaktien in Ihrem Fonds gewichtet und was sind Ihre Toppositionen?

Boersma: Diese machen derzeit 20 Prozent aus. Am stärksten vertreten sind ING, BNP Paribas und Credit Suisse. Alle befinden sich in einem unterschiedlichen Stadium, um ihre Probleme in den Griff zu bekommen. ING hat den Turnaround geschafft und ist deshalb an schon etwas stärker gestiegen. Das größte Kurspotenzial hat die Aktie von Credit Suisse. Die Bank ist mit ihren Umstrukturierungen noch in einem früheren Stadium.

In welchen Sektor sind Sie in jüngster Zeit eingestiegen?

Boersma: Ölaktien wie BP, Chevron, Total und Shell haben wir im Frühjahr gekauft. Die Aktien sind derzeit nicht nur günstig, sie sollten auch von einem steigenden Ölpreis in den nächsten fünf Jahren profitieren. Dann sollte sich dieser auf 80 Dollar einpendeln. Denn angesichts des extremen Preisrückgangs werden die Investitionen in neue Ölfelder sinken, das Angebot wird knapper und der Preis wird steigen. Damit wird der Gewinn der Ölkonzerne wieder steigen. Zudem sitzen sie schon jetzt auf einer Menge Cash und bieten hohe Dividenden.


"Wir haben Aktien großer Ölkonzerne gekauft. Wir rechnen damit, dass der Ölpreis in den nächsten fünf Jahren steigt."

Welcher Titel zählt zu ihren Lieblingsaktien?

Boersma: Samsung. Der koreanische Konzern verfügt über 46 Milliarden Dollar netto in Cash und der Nettoprofit betrug in den vergangenen drei Jahren je 22 Milliarden Dollar. Manche behaupten, das Wachstum des Elektronikspezialisten würde zurückgehen, aber weit gefehlt. Die geschätzten Gewinne liegen pro Jahr bei über zehn Prozent in den nächsten drei Jahren. Die Aktie sollte von ansprechenden Produkten, steigenden Dividenden, Aktienrückkäufen und einer verbesserten Unternehmensstruktur profitieren. Trotz dieser guten Ausgangslage liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis nur bei sechs.

Worauf müssen sich Anleger in Asien nach dem Crash in China einstellen?

Boersma: Der Superinvestitionszyklus Chinas der vergangenen zwölf Jahre dürfte vorbei sein. Das bedeutet, man muss sich auf ein langsameres Wachstum einstellen. Alle Länder, die viel nach China exportiert haben, vor allem Rohstoffe, sind nun wie Taiwan, Korea, Thailand, Vietnam und Südafrika in Schwierigkeiten. Brasilien und Russland stecken überhaupt in einer Rezession. Wir haben Asien deshalb stark untergewichtet. Samsung zählt zwar zu meinen Favoriten, aber vor dem Hintergrund, dass es ein Global Player ist.

Was können Investoren in nächster Zeit erwarten?

Boersma: In den vergangenen fünf Jahren haben Anleger im Schnitt eine Rendite von zehn, 15 Prozent im Jahr gemacht - wenn der Weg dorthin auch holprig war. Künftig sollten sich Anleger aber auf einstellige Kursgewinne einstellen. Die Langzeit-Rendite dürfte im Schnitt bei rund acht Prozent liegen.

Sie sind Value-Investor, also Spezialist für unterbewertete Aktien. In den vergangenen Jahren haben wachstumsstärkeren Titel, also Growth-Aktien, besser abgeschnitten. Warum sollte man jetzt einen Value-Fonds kaufen?

Boersma: In den vergangenen Jahren hat sich bei Investoren alles um die Frage gedreht, wie sich die Zinsen und andere makroökonomischen Zahlen entwickeln. In Zukunft werden Anleger wieder verstärkt auf die Bilanzkennzahlen von Firmen achten. Bei Growth-Aktien kauft man viel Erwartung, irgendwann sind diese Aktien dann überbewertet und die Anleger enttäuscht. Das beste Beispiel ist die Tech-Blase. Doch danach performen stets Value-Aktien wieder besser, und diese Aktien bieten bei Kursrückgängen einen besseren Schutz vor Verlusten als Wachstumstitel.


Zur Person. Norman Boersma managt mit dem Tempelton Growth, 1954 aufgelegt, einen der ältesten Fonds der Welt.
Seit 2011 steuert Boersma den Fonds von den Bahamas aus. Der Fonds (ISIN: LU0114760746) erzielte in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt eine Rendite von 10,5 Prozent.

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