IWF: Droht der Welt eine neue Rezession?

IWF: Droht der Welt eine neue Rezession?

Bei der jährlichen Tagung des IWF wurde heftig darüber diskutiert, ob die Schwellenländer die Welt in eine neue Krise reißen werden.

Die Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds in Peru war geprägt von der Frage, ob eine neue weltweiten Rezession droht. Topökonom Markus Hüfner nennt jedoch Gründe warum dieses Szenario unwahrscheinlich ist und gibt für Anleger einen Ausblick.

Die zentrale Sorge auf der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds letztes Wochenende im peruanischen Lima war die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft. Müssen wir uns auf eine Rezession einstellen? Oder kommen wir mit dem blauen Auge davon?

Die Ausgangslage

Bereits vor der Tagung hat der IWF eindringlich auf eine deutliche Verlangsamung des Wachstums hingewiesen - vor allem aufgrund der Schwäche Chinas. Auch eine Reihe von Schwellen- und Entwicklungsländern ist in Schwierigkeiten. Viele von ihnen leiden unter den niedrigen Rohstoffpreise und sie haben Angst vor einer US-Zinserhöhung. Ein Problem sind vor allem die hohen privaten und öffentlichen Schulden in US-Dollar, die bei einer Aufwertung der amerikanischen Währung nur noch schwer bedient werden können. Schließlich haben schlechte Nachrichten aus einzelnen Unternehmen (unter anderem Glencore, Volkswagen) aufgeschreckt.

Die englische "Financial Times" befeuerte den Pessimismus der Experten und lies dem früheren US-Finanzminister Larry Summers einer Sonderseite seine Skepsis für die Weltwirtschaft Raum. Doch Chef-Ökonom Markus Hüfner von der Investmentgesellschaft Assenagon teilt diese Meinung nicht:

Lage in China ist nicht so schlecht

Hüfner: "Ich halte eine Rezession der Weltwirtschaft für nicht wahrscheinlich. Das wichtigste Argument: Die Lage in China und in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern ist nicht so schlecht, wie gesagt wird. In China scheint sich die Wirtschaft nach dem katastrophalen ersten Quartal wieder zu stabilisieren. Dort erholt sich auch der Immobilienmarkt. Die Nachfrage nach Autos zieht an, zum Teil auch durch die staatliche Förderung. Gemeinden verkaufen Grundstücke und investieren die daraus resultierenden Einnahmen in Infrastrukturmaßnahmen.

Indien ist Wachstumskaiser

In den anderen Schwellen- und Entwicklungsländern ist die Situation auch nicht überall schlecht. "Natürlich haben Brasilien und Russland erhebliche Probleme. Sie sind bereits in der Rezession und werden vermutlich auch im kommenden Jahr noch keine positiven Wachstumsraten erreichen. Auch die Türkei und Südafrika tun sich schwer. Andererseits steht Indien gar nicht so schlecht da. Es tut alles, um China jedenfalls in Sachen Wachstumsraten zu überholen (bei der absoluten Höhe des Sozialprodukts hinkt es natürlich noch weit hinterher", so Hüfner.


Selbst der IWF nimmt in seiner neuen Prognose für die Weltwirtschaft an, dass sich die Situation in den Schwellen- und Entwicklungsländern (ohne China) im kommenden Jahr verbessern wird.

Einfluss der Schwellenländer auf Weltwirtschaft nur bei 25 Prozent

Als zweiten Grund nennt Hüfner, die ökonomische Größe und Einfluss der Schwellen- und Entwicklungsländer. Der sei zwar groß, aber nicht so groß, dass sie für sich genommen die Weltwirtschaft nach unten ziehen könnten. Hüfner: "Es wird immer gesagt, dass ihre Wirtschaftsleistung inzwischen mehr als die Hälfte des Weltsozialprodukts ausmacht (letzte Zahl des IWF 57 %). Das sind aber kaufkraftbereinigte Zahlen. Aber der Maßstab ist falsch, um die Bedeutung der Dritten Welt für die globale Konjunktur darzustellen. Dazu muss man die nominalen, unbereinigten Zahlen nehmen. Bei einer solchen Rechnung ist die Bedeutung der Emerging Markets sehr viel geringer. Sie liegt nur bei 40 Prozent. Ohne China gerechnet sind es sogar nur 25 Prozent."


Eine Rezession in den Schwellen- und Entwicklungsländern ist ein Problem für die Weltwirtschaft. Sie reicht aber nicht, um die ganze Welt nach unten zu ziehen.

Konjunktur in USA und Europa zieht wegen besserer Binnenkonjunktur an

Ein dritter Grund für Hüfner ist, dass die Industrieländer die Weltwirtschaft stützen. Die USA wachsen in diesem und dem nächsten Jahr um zwei bis drei Prozent, Europa um zwei Prozent. Hüfner: Die Dynamik kommt in erster Linie von der Binnennachfrage, nicht vom Export. Deshalb fallen die schwächeren Lieferungen in die Schwellen- und Entwicklungsländer nicht so stark ins Gewicht." In einzelnen Branchen und Unternehmen sehe es freilich anders aus. Der deutsche Maschinenbau etwa hat dieser Tage bekannt gegeben, dass seine Produktion derzeit stagniert.

Gute Rahmenbedingungen

Zudem seien die Rahmenbedingungen für die Weltkonjunktur (Zinsen, Liquidität, öffentliche Defizite) unverändert gut. Hüfner: "Wenn sich die Wirtschaft stärker abschwächen sollte, werden Regierungen und Zentralbanken hier sicher noch nachlegen. Die Chinesen haben das schon angekündigt."

Nur Pleite eines großen Schwellenlandes könnte globale Wirtschaft nach unten ziehen

Hüfners Resümee: "Unter diesen Umständen kann ich mir nicht vorstellen, dass es zu einer Weltrezession kommt, bei der das globale Sozialprodukt überhaupt nicht mehr wächst, wie etwa 2009, oder nur noch um zwei Prozent zunimmt (wie in früheren Schwächephasen). Für ein solches Szenario müsste es noch schlimmer kommen. Es müsste beispielsweise eines der großen Schwellenländer wegen seiner Dollarverschuldung insolvent werden, es müssten mehrere Weltunternehmen in Probleme kommen oder es müsste die Blase an den Finanzmärkten platzen."

Hüfner für Aktien positiv

Für die Finanzmärkte ist eine stärkere Abschwächung des Wirtschaftswachstums nach Einschätzung von Hüfner ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite gehe es den Unternehmen schlechter und sie verdienen weniger. Das sei nicht gut für Aktien. Hüfner: "Auf der anderen Seite können Investoren aber damit rechnen, dass die Zentralbanken weitere Lockerungen beschließen. Das würde den Aktien helfen. In der Vergangenheit war die beste Zeit für die Aktien nicht die gute Konjunktur, sondern die Zeit, in der die Zentralbanken gegensteuern."

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