"In Asien stehen einige Banken vor dem Kollaps"

Wojciech Stanislawski, verwaltet gemeinsam mit einem Team ein milliardenschweres Fondsvolumen für die Fondsboutique Comgest, dass nur in Emerging Markets investiert.
Wojciech Stanislawski, verwaltet gemeinsam mit einem Team ein milliardenschweres Fondsvolumen für die Fondsboutique Comgest, dass nur in Emerging Markets investiert.

Wojciech Stanislawski

Wojciech Stanislawski, Manager des Comgest Emerging Markets Growth Fond, verwaltet mit dem Fonds ein Vermögen von insgesamt zwölf Milliarden Euro in den Emerging Markets. Format.at sprach mit ihm über die Auswirkungen der hohe Verschuldung in Asien, was sich in China verändert hat und worauf sich Anleger in den Schwellenländern gefasst machen müssen.

Format: 2014 hätte man in Indien investiert sein sollen. Der Markt ist in den vergangenen Jahren um 66 Prozent gestiegen. Lohnt es sich jetzt noch einzusteigen?
Stanislawski: Um ehrlich zu sein, nein. Zuerst in das Geld der Anleger von China nach Indien geflossen und die Börse in China war für Anleger völlig uninteressant. Doch jetzt nachdem der indische Aktienindex in den vergangenen drei Jahren so in die Höhe geschossen ist, sind die Wahrscheinlichkeiten, dass es nach wichtigen Reformankündigungen der Regierung, zu weiteren positiven Überraschungen kommen kann, relativ gering. In China wiederum steigt nach fünf relativ schwachen Börsenjahren die Wahrscheinlichkeit solcher Überraschungen. An der Börse dreht sich alles um Wahrscheinlichkeiten.

Format: Was hat sich in den vergangenen Jahren in China verändert? Werden Unternehmen effizienter geführt?
Stanislawski: Staatliche Unternehmen sind wesentlich effizienter geworden. Wichtige Stellgrößen wie die Boni der Manager staatlicher Unternehmen, sie bilden immer den Großteil der Unternehmen, haben sich geändert. Lange wurde das Management nur an den Umsätzen gemessen, jetzt ist es die Gewinnmarge. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Die Politik hat insgesamt dazu beigetragen, dass staatlich geführte Unternehmen restrukturiert wurden. Die Politik hat damit einen substantiellen Wandel dieser Firmen ermöglicht.

Format: Börsen einzelner Länder wie Indien oder Indonesien haben in der Vergangenheit stark zugelegt, andere sind kaum vom Fleck gekommen. Sind Emerging Markets im Schnitt noch billig und bieten jene Börsen, die noch nicht so starke Kurszuwächse verzeichnet haben, gute Einstiegschancen?
Stanislawski: Generell ist der Markt nicht mehr billig. Die besten Firmen sind bereits auch teuer. Die Märkte, die nicht gut performten haben, wurden nicht umsonst gemieden und bieten daher auch jetzt keine gute Einstiegsgelegenheit. Viele Makroökonomien in den Emerging Markets sind in Schwierigkeiten. Vor allem der Banksektor ist in vielen Ländern stark unter Druck.

Format: Viele Banken wurden erst vor ein paar Jahren aufwendig restrukturiert. Warum stehen sie jetzt neuerlich vor großen Problemen?
Stanislawski: Mit den Banken ist es immer das gleiche. Zuerst werden sie aufwendig saniert, dann pumpen sie wieder wahnwitzig viel Geld in das System, indem sie auf Teufel komm raus Kredite vergeben – und verwenden dazu auch noch Fremdkapital, um einen kräftigen Gewinnhebel nach oben zu haben. Schließlich, meist im Zuge einer Krise, kommen Investoren drauf, dass ihnen dieses Vorgehen zu riskant ist, steigen aus und die betroffenen Banken kollabieren. Und das Spiel beginnt von vorne. Der Staat rettet die Banken und so weiter. Banken sind in einem sehr zyklischen Geschäft und reizen gerne ihre Möglichkeiten aus. Das ist überall auf der Welt dasselbe.

Format: Wo sind denn die Risiken, dass Banken Pleite gehen, besonders groß?
Stanislawski: Generell liegt ein normales Verhältnis von Kundenkrediten zu Kundeneinlagen im Schnitt bei 80 bis 90 Prozent. In Thailand, Indonesien, Türkei oder Brasilien liegt diese Loan-to-deposit-Ratio bereits bei rund 120 Prozent. Das bedeutet, es sind bereits beträchtliche Fremdmittel im Spiel. 2006 war dieses System noch sehr solide, aber nach Ausbruch der Finanzkrise haben Staaten die Banken dazu gedrängt, vermehrt Kredite zu vergeben, um die Wirtschaft anzukurbeln. Schließlich sind die großen Treiber einer Ökonomie der Konsum, staatlich oder privat, und die Exporte.

Format: Wie stehen Unternehmen in Asien generell da?
Stanislawski: Asien und dessen Unternehmen stehen wesentlich besser da als noch vor zehn Jahren. Vor allem große Staaten wie Indien und China, wo auch Reformen durchgeführt werden, machen sich gut. Aber ist gibt nach wie vor Risiken. So sind die Unternehmensgewinne zuletzt doch merklich zurückgegangen, da die Wirtschaft in vielen Ländern schwach ist. Für den mittlere Osten und Afrika ist zudem der niedrige Ölpreis nicht gerade hilfreich.

Format: Wie werden sich das Ende des Anleihenkaufprogramms in den USA und der Beginn eines solchen in Europa auf die stark von ausländischen Zuflüssen abhängigen Schwellenländer auswirken?
Stanislawski: Bisher hat die lockere US-Geldpolitik so manche Börse in den Emerging Markets vor einem Rückgang bewahrt. Ein Ende dessen wird nun nicht spurlos an diesen Märkten vorübergehen. Ob die Auswirkungen durch das neue Anleihenkaufprogramm in Europa ähnlich starken Einfluss haben, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Format: Gibt es auch Lichtblicke in den Emerging Markets?
Stanislawski: Die Auslandsverschuldung ist im Schnitt wesentlich geringer und die finanziellen Reserven der Länder deutlich höher als noch vor ein paar Jahren. Allgemein sind die Emerging Markets in einer besseren, solideren Verfassung als früher. Selbst Russland, das jetzt stark unter Druck ist, dürfte den Problemen widerstehen und nicht in den Bankrott schlittern. Auch die Einstellung der Anleger zu Emerging Markets hat sich geändert. 2010 war die Mehrzahl der Investoren diesen Börsen gegenüber noch extrem negativ. Das ist jetzt schon wieder etwas besser. Aber wir müssen in diesen Märkten mit weiteren Schwächen rechnen.

Format: Sollte man dennoch etwa in Ihren Comgest Emerging Market Growth Fonds investieren?
Stanislawski: Wir investieren in Unternehmen, die sich auch relativ unabhängig von der Konjunktur entwickeln und langfristig eine gute Perspektive für Anleger bieten. Wir investieren nicht auf Basis von makroökonomischen Grundlagen, sondern sehen uns an wie gut, die Unternehmen, die für uns in Frage kommen, dastehen. Wir wählen nur Aktien von Unternehmen aus, die stark wachsen, aber dennoch über ein solides Fundament verfügen und große Player in ihrer Branche sind. Wir bilden auch nicht den breiten Markt ab und haben ein sehr konzentriertes Portfolio von derzeit 37 Aktien. Damit haben wir den Index im Vorjahr um 40 Prozent geschlagen. Diese starke Outperformance dürfte sich allerdings nicht so rasch wiederholen lassen. Wir haben 2014 keinen Fehler gemacht. Aber jeder macht irgendwann nicht genau das Richtige zur richtigen Zeit.

Format: Welche Aktien haben gute Chancen weiterhin gute Renditen zu liefern?
Stanislawski: Ein gutes Beispiel für unsere Strategie ist MTN in Südafrika. Der Mobilfunkanbieter ist in 20 Ländern Afrikas vertreten, macht jedes Jahr mindestens zehn Prozent Gewinn und kann auf eine starke Nachfrage verweisen. Da es in Afrika kaum fixe Internetleitungen gibt, es kaum PCs gibt und Smartphones immer billiger werden, ist der Markt und die Nachfrage dafür groß. Große internationale Player, für die der Markt sicher auch interessant wäre, haben nur geringe Chancen. Denn in Afrika ein funktionierendes Vertriebssystem aufzubauen, braucht Jahre. Über das verfügt MTN. Diese Story wird daher noch lange funktionieren und dürften Anlegern hohe Renditen bringen.

Format: Welches Unternehmen in Asien lohnt ein Investment?
Stanislawski: Beispielsweise Taiwan Semiconductors. Wir halten die Aktie seit sechs Jahren und sie ist, trotz Kursanstiegen, noch immer günstig. Die Nachfrage nach Halbleiter ist weltweit riesig, aber nur wenige können in derart großen Mengen liefern wie Taiwan Semiconductors. Auch die Zukunftsaussichten sind gut. So stammen für das neue iPhone erstmals zahlreiche Komponenten von TSMC. Der Hersteller ist dabei Apple-Rivalen Samsung zusehends verdrängen.

Format: Haben Sie noch andere Techaktien im Depot?
Stanislawski: Etwa Netease.com, einer der größten Spieleproduzenten Chinas. Sie machen 80 Prozent der Spiele für PCs. Doch der Markt für Spiele auf Smartphones wächst stark und dort mischen sie kräftig mit. Das jährliche Wachstum von Netease in diesem Bereich liegt bei 12 Prozent. In Russland haben wir aufgrund des günstigen Einstiegskurses Aktien von mail.ru gekauft, die größte Onlinespieleplattform Russlands.

Über Comgest:

Comgest ist seit 30 Jahren spezialisiert auf die Verwaltung von Aktienportfolios. Der Asset Manager investiert in Qualitätswachstumswerte in Europa, Asien, den USA sowie den Global Emerging Markets. Dem Auswahlprozess liegen ein fundamentaler Bottom-Up-Ansatz und eine langfristige "Buy-and-Hold"-Philosophie zugrunde. 2015 wurde die Gesellschaft dem Goldenen Bullen als "Fondsboutique des Jahres 2015" ausgezeichnet. Das Unternehmen managt die Fonds von Paris, Dublin, Hong Kong, Tokyo und Singapur aus.

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