"Wer sein Geld in Gold anlegt, erhält keine Zinsen oder Dividenden"

"Wer sein Geld in Gold anlegt, erhält keine Zinsen oder Dividenden"

Die allgemeine Stimmung an den Wirtschafts- und Finanzmärkten hat sich in den letzten Monaten verbessert, wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Eva Glawischnig : Ja, die Wirtschaft in Europa beginnt sich anscheinend langsam zu erholen. Allerdings liegt noch einiges an Arbeit vor uns. Denn die Lehren aus der Krise wurden noch nicht ausreichend gezogen. Die europäische Finanzmarktaufsicht ist noch nicht operativ tätig, die Einführung der Finanztransaktionssteuer wird von den Bankenlobbys torpediert und die ESM-Programmländer werden nach wie vor mit harten Auflagen am Wachsen gehindert, anstatt zukunftsträchtige grüne Investitionsprogramme zu starten.

Die Währungen der großen Industrienationen – vor allem US-Dollar und Euro – haben im letzten Jahrzehnt deutlich gegenüber Sachwerten wie Gold abgewertet. Wie sehen Sie die Zukunft des Euro?

Glawischnig : Ich sehe den Euro als eine stabile Währung. Die Fundamentaldaten in den Euro-Ländern sind trotz Krise nicht so schlecht – allerdings wird es Reformen brauchen. Die Einführung von Eurobonds und einer europäischen Wirtschafts- und Sozialregierung sind aus unserer Sicht mittelfristig notwendig.

Was halten Sie von der Annahme zahlreicher Verfechter eines Goldstandards, dass es unter einem mit goldgedeckten Währungssystem mehr Planungssicherheit (über langfristige Zeiträume hinaus) gäbe und die ungezügelte Geldmengenausweitung nicht mehr möglich wäre?

Glawischnig : Das Währungssystem des Goldstandards ist ein veraltetes, das zu Zeiten der Monarchie sicher seine Berechtigung hatte, aber in der Phase des Bretton-Woods Systems der Nachkriegszeit seine Schwächen offenbarte. Auch wenn ich die Nachteile des derzeitigen Währungs-Systems nicht verhehlen möchte, scheint eine Rückkehr zum ausschließlich goldbasierten Währungssystem nicht zweckmäßig.

Die Konvergenzkriterien für die Euromitglieder würden de facto die Rahmenbedingungen eines modernen Goldstandards erfüllen (keine ausufernde Gelmengenausweitung, Verschuldungsgrenzen etc.). Was halten Sie davon, dass die Konvergenzkriterien immer mehr aufgeweicht werden?

Glawischnig : Die Grünen standen den Konvergenzkriterien des Stabilitäts- und Wachs-tumspaktes immer schon skeptisch gegenüber. Eine ökonomische Begründung für das Drei-Prozent-Defizit-Ziel konnte nie geliefert werden. Außerdem entstand durch dieses Ziel die Tendenz für alle Mitgliedsstaaten, sich genau dem Drei-Prozent-Ziel anzunähern, anstatt über den Konjunkturzyklus ausgeglichen zu sein. Die Grünen sehen die Verschuldungsgrenze als die viel wichtigere ökonomische Stellgröße an. Allerdings wird diesem Kriterium im Stabilitäts- und Wachstumspakt am wenigsten Bedeutung zugemessen.

Welche Rolle könnte Ihrer Meinung nach Gold in einer modernen Wirtschafts- und Finanzwelt spielen?

Glawischnig : Gold ist seit vielen Jahrhunderten ein Zahlungsmittel und wird diese Funktion auch sicherlich noch lange behalten. Goldreserven der Nationalbanken werden weiterhin einen wichtigen Part in der Geldpolitik der Nationalstaaten einnehmen.

Viele Leute haben Angst vor Inflation, flüchten daher in Sachwerte wie Gold, können Sie dieses Verhalten nachvollziehen?

Glawischnig : Mitten in der Krise war eine Flucht in Realwerte und Gold sehr stark bemerkbar. Der Goldpreis stieg rasant an. Das Bedürfnis nach realen Werten in Zeiten der Krise ist sehr gut nachvollziehbar. Der Goldhype scheint aber wieder vorbei zu sein. Denn schließlich ist vielen auch klar geworden: Wer sein Geld in Gold anlegt, erhält keine Zinsen oder Dividenden.

Die Verschuldung der OECD- Staaten hat ein historisch einzigartiges Ausmaß erreicht. Große Industrienationen wie Japan weisen bereits einen Verschuldungsgrad auf der ein Mehrfaches Ihres BIPs beträgt auf. Glauben Sie, dass eine Rückkehr zur Normalität bzw. ein Abbau der Verschul-dung überhaupt noch möglich ist?

Glawischnig : Japan aber auch andere Länder wie Belgien oder Italien hatten historisch immer schon sehr hohe Verschuldungsquoten. Entscheidend ist die Wirtschaftskraft der jeweiligen Länder, nicht die Höhe der Verschuldung. Und bei Japan ist auch zu bedenken, dass die Verschuldung zu einem ganz großen Teil bei Bürgern und Unternehmen im Inland erfolgt ist. Japan ist den internationalen Finanzmärkten also wahrscheinlich weniger ausgeliefert, als ein Land mit geringerer Schuldenquote. Ein Abbau der Schulden ist sicherlich möglich, bedarf aber Zeit, und darf keineswegs während eines Konjunkturabschwungs weiter in die Rezession führen.

Es gibt Wirtschaftstheoretiker die meinen Zentralbanken sollten die gesamte Staatsverschuldung aufkaufen, mit Liquidität die sie selbst schaffen, um dann sämtliche Schulden abzuschreiben. Wäre das eine Lösung?

Glawischnig : Das System der Abwertungen wurde in Zeiten vor der Euro-Einführung vor allem von den südeuropäischen Staaten praktiziert. Österreich hat diese Strategie mit seiner Bindung an die D-Mark nicht verfolgt. Mit der Einführung des Euro wurde auf diese Möglichkeit innerhalb der EU bewusst verzichtet.

In Japan wird ein riesiges Konjunkturprogramm bereits direkt von der Zentralbank finanziert; was halten von einem derartigen Ansatz?

Glawischnig : Das ist durchaus überlegenswert. In der EU passieren de facto ja ähnliche Mechanismen, indem die EZB Staatsanleihen von Mitgliedsstaaten am Sekundärmarkt aufkauft.

Wie stehen die Grünen zur immer größer werdenden Staatsverschuldung und welche Lösungsansätze haben Sie dafür?

Glawischnig : Die Staatsschulden haben sich in den letzten Jahren vor allem auch wegen Bankenrettungen erhöht. Das sehen wir Grüne sehr kritisch. Allerdings wollen wir die Staatsschulden nicht abrupt reduzieren, denn der Preis der Reduktion ist in wirtschaftlich fragilen Zeiten die Rezession. Die Grünen wollen in Österreich eine Vielzahl von Reformen durchführen und damit die Staatsschulden mittelfristig wieder reduzieren.

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Das Interview würde zur Verfügung gestellt von philoro .