"Gold ist der Todfeind der modernen Wirtschafts- und Finanzwelt"

"Gold ist der Todfeind der modernen Wirtschafts- und Finanzwelt"

In den Köpfen vieler Menschen scheint die letzte Wirtschafts- un Finanzkrise überwunden, wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Gregor Hochreiter : Die diversen Rettungs- und Wirtschaftsankurbelungsmaßnahmen, die seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers von den Zentralbanken umgesetzt worden sind, haben bloß Zeit gekauft. Dies allen voran zum Vorteil der Großbanken, der Großinvestoren und der zentralstaatlichen Institutionen und zu Lasten der breiten Bevölkerung. Innerhalb der Eurozone kommen zusätzlich zu den allgemeinen Problemen des gegenwärtigen Geldsystems noch andere Verwerfungen hinzu. Die EU-Eliten verhehlen ja mittlerweile gar nicht mehr, dass der Euro die europäische Einigung erzwingen soll. Aktuell durchleben wir vermutlich wieder die ruhige Phase vor dem Hereinbrechen der nächsten Sturmfront.

Sie haben in Ihrem Buch „Krankes Geld – kranke Welt“ das Handeln der Zentralbanken analysiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass diese Maßnahmen nur aufschiebend wirken, gehen Sie weiterhin von einer Rezession aus die der Weltwirtschaft bevorsteht?

Hochreiter : Selbstverständlich. Der durch die fortwährende Inflationierung gewünschte und bewirkte Lebensstil ist dauerhaft nicht aufrecht zu erhalten. Die Rezession ist jedoch nichts Negatives sondern wäre die im Idealfall aktiv zu gestaltende Rückkehr zur Normalität. Die Ideologie vom ewigen Wachstum als Selbstzweck müsste hierzu jedoch von einer Rückkehr zu einer realistischen, d.h. der objektiven Tatsachlichkeit verpflichtenden Philosophie abgelöst werden. Der Mensch muss akzeptieren, dass er nicht die Wirklichkeit hervorbringt oder beliebig konstruieren kann.

In Ihrem Buch bezeichnen Sie die ungezügelte Ausweitung der ungedeckten Geldmenge als ein Grundproblem unserer Zeit. Wäre ein Goldstandard – in welcher Form auch immer – eine Lösung?

Hochreiter : In historischer Betrachtung eher Nein. Ich stimme überein, dass die historische Goldwährung zur Zentralisierung der Geldproduktion beigetragen hat. Dies ist etwa im Unterschied zur Silberwährung fast notwendiger Weise der Fall, weil die Kaufkraft des Goldes für Alltagseinkäufe viel zu hoch ist und diese Einkäufe nur mit „Papiergold“ zu tätigen sind. Die historische Goldwährung war entgegen häufig zu vernehmender Wortmeldungen aber immer nur teilgedeckt und als teilgedeckte Währung konzipiert.

Ist Gold ihrer Meinung nach Geld?

Hochreiter : Gold kann zweifelsohne der Geldstoff sein. Als Zirkulationswährung aufgrund der hohen Kaufkraft jedoch immer nur innerhalb relativ eng begrenzter Bevölkerungsgruppen (politische, geistige, kulturelle und religiöse Elite; internationaler Handel,…) und für hochwertige Güter. Grundsätzlich fand Gold in unserem Kulturbereich vor allem Verwendung in Sakralbauten und in Repräsentationsbauten der Herrschenden – das Wertvollste wurde dem Höchsten zugestanden.

Welche Rolle könnte Gold in einer modernen Wirtschafts- und Finanzwelt spielen?

Hochreiter : Ich würde die moderne Wirtschafts- und Finanzwelt dahingehend charakterisieren, dass sie versucht, das Eigenkapital möglichst effizient zu hebeln. Insofern ist das (physische) Gold der Todfeind der modernen Wirtschafts- und Finanzwelt, weil es ungehebelt die Transaktions- und Spekulationsmöglichkeiten stark beschränkt. Daher ist es eigentlich wenig verwunderlich, dass die Goldwährung letztlich Opfer jener Gesinnung wurde, deren Durchbruch die Goldwährung ursprünglich versinnbildlicht hat. Gold – und mit Abstrichen Silber – eignen sich weiterhin als Währungsreserve eines Landes. Meiner Einschätzung nach sollte ein Defizit in der Leistungsbilanz zwingend mit diesen physischen Reserven beglichen werden. Damit könnten Gewöhnungseffekte und der Aufbau von unrückzahlbaren Verbindlichkeiten vermieden werden. Gold und Silber sind zudem sehr gut geeignet, um sich gegen die kommenden wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen zu rüsten.

Die Verschuldung der OECD- Staaten ist die größte die es jemals in der Historie gegeben hat. Industrienationen wie Japan weisen bereits einen Verschuldungsgrad der ein Mehrfaches des BIP beträgt auf. Ist eine Rückkehr zur Normalität noch denkbar?

Hochreiter : Dass einzelne Familien oder auch Gesellschaften vom Pfad der Tugend abkommen, wird es immer geben. Entscheidend ist, wie damit umgegangen wird. Ein gesamt-gesellschaftlicher Kraftakt könnte zumindest sicherstellen, dass ein bestmöglicher Weg aus der Krise beschritten wird. Dies setzt jedoch voraus, dass jeder nach seinen Möglichkeiten zum gemeinsamen Ganzen beiträgt und nicht versucht, das Bestmögliche nur für sich selbst herauszuschlagen.

Was halten Sie von der Theorie, dass die Zentralbanken die gesamte Staatsverschuldung übernehmen sollten, um sie irgendwann ab zu schreiben und somit den Staat zu entschulden?

Hochreiter : Die Grundproblematik unseres gegenwärtigen Geldsystems ist, dass die zusätzliche Geldmenge als zinsenbelastender Kredit in Umlauf gelangt. Solange diese beiden Grundfehler – Geld als Schuld, Zinsenbelastung – nicht behoben werden, ermöglicht jede Reformmaßnahme bloß die Verlängerung dieses ungerechten Geldsystems. Deswegen müssen wir uns nicht nur überlegen, wie der Staat zu entschulden ist sondern auch die Unternehmen und die Privathaushalte ohne zu vergessen, dass bei einer Entschuldung die Gläubiger um ihre Forderungen umfallen. Im Kontext der EU wäre eine Übernahme der Staatsschulden durch die EZB ein weiterer fataler Schritt in dem Transformationsprozess weg von einem Staatenbund hin zu einem Bundesstaat.

In Japan werden bereits Konjunkturprogramme direkt von der Zentralbank finanziert. Ist das der Weg hin zur totalen Staatsgewalt?

Hochreiter : Meines Erachtens hängt die Totalisierung der Staatsgewalt maßgeblich mit der Zerstörung der alten, subsidiären Ordnung zusammen. Mit der vorsätzlichen Entmachtung der Familie, der Gemeinden und der Bundesländer verbleibt als einziges Gegenüber des Individuums ein mächtiger und allen voran unpersönlicher Zentralstaat. Nur die hierarchische Ordnung des Subsidiaritätsprinzips schützt vor zentralstaatlicher Allmacht. Zugleich muss man aber auch sehen, dass gerade auch die liberalen Strömungen die intermediären politischen Einheiten in ihren Kompetenzen beschneiden möchten und dies häufig als Akt der Befreiung vom Provinzialismus und von der Gebundenheit an familiäre und lokale Bindungen feiern. So verträgt sich der Gedanke des Binnenmarktes mit seinen vier Grundfreiheiten nicht mit dem Subsidiaritätsprinzip. Die Nationalstaaten oder die ihnen untergeordneten Gebietskörperschaften würden etwa die Niederlassungsfreiheit für alle EU-Bürger niemals aufrecht erhalten, wenn sie darüber wieder entscheiden könnten.

Die Währungen der großen Industrienationen sind im Vergleich zu Realwerten im ständigen Sinkflug. Was bedeutet das für die Zukunft?

Hochreiter : Lenin meinte einst, dass man eine Gesellschaft am wirksamsten dadurch zerstört, in dem man seine Währung schwächt. Mit Sicherheit ist zu sagen, dass der Fortbestand dieses Geldsystems die bereits klar ersichtliche Herausformung einer oligarchischen Plutokratie weiter vorantreibt. Daher sind alle Gedanken an kosmetische Korrekturen reine Zeitverschwendung. Allgemein gesprochen: Für die Zukunft bedeutet dies, dass, wenn es unserer Gesellschaft nicht gelingt vom Materialismus Abschied zu nehmen, unsere Gesellschaften diesem Zerstörungsprozess nichts Wirksames werden entgegensetzen können. Für die Gesundung des Geldes wäre es am besten, wenn wir uns weniger über Geld und mehr über Sinn und Ziel der menschlichen Existenz unterhielten. Dadurch wird das Geld befreit, Sinnersatz zu sein. Mit dieser Aufgabe ist das Geld, das ja nur Mittel ist, jedenfalls überfordert.

Das Interview wurde zur Verfügung gestellt von philoro .

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Zur Person
Gregor Hochreiter ist Vorstand und Gründer von "Oekonomika – Institut für angewandte Ökonomie und christlich-abendländische Philosophie". Autor u.a. von "Krankes Geld, kranke Welt" (Resch-Verlag 2010) und von Publikationen zum Thema "Banken", "Die abendländische Lehre vom Zinsenverbot“ und zur „Historischen Goldwährung". Zu finden unter http://oekonomika.wordpress.com/publikationen/.

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