Zerfällt jetzt der Euro?

Der Zerfall des Euro wird nicht mehr gänzlich ausgeschlossen. Die Politik versucht verzweifelt, die tiefen Risse in Europa zu kitten. Ihr letzter Trumpf ist die Europäische Zentralbank. Doch viel Zeit bleibt nicht mehr.

Wie wird das enden? 2021, so die Fiktion des britischen Historikers Niall Ferguson im „Wall Street Journal“, wird Wien die Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Europa sein. Europas Präsident wird Habsburg heißen. Die Transfers werden vom Norden Richtung Süden fließen. Und gezahlt wird mit Euro.

So verlockend die Aussicht sein mag – Anfang Dezember 2011 wirkt das ganze Szenario unwahrscheinlich. Der Euro gleicht derzeit einem Scherbengericht mit unsicherem Ausgang.

Allenorts werden die Überlebenschancen der Einheitswährung angezweifelt: Bankenaufsichtsbehörden empfehlen den Geldinstituten, sich auf den Worst Case einzustellen, auch die amerikanische Federal Reserve lässt dieses Szenario in Bankenstresstests durchspielen. Internationale Unternehmen wie der Spirituosenhersteller Diageo überlegen, wie sie mit dem Zusammenbruch der Eurozone umgehen müssten, rund um die Welt warnen Politiker vor dem „Eurogeddon“. Das britische Außenministerium hat sogar seine Botschaften in Kontinentaleuropa damit beauftragt, sich in diesem Fall auf soziale Unruhen vorzubereiten. Was vor wenigen Monaten noch undenkbar war, wird mittlerweile überall diskutiert: der Untergang des Euro, der Zerfall der Europäischen Währungsunion.

Niemand wagt es, genau vorherzusagen, was dieses historische Ereignis bedeuten würde. In einem Punkt jedoch sind sich die Experten einig – kommt es zu einem ungeplanten Auseinanderbrechen, wäre das eine Katastrophe, die sich mit noch nichts Dagewesenem vergleichen lässt. Doch planbar ist so ein Schritt auch nicht. Die Zeit für Lösungen drängt, denn es wird für die Eurostaaten immer schwieriger, sich zu refinanzieren.

Kritische Phase

„Jetzt beginnen zehn kritische Tage, in denen wir die Antwort auf die Schuldenkrise in der EU zum Abschluss bringen und beschließen müssen“, verkündete der EU-Währungskommissar Olli Rehn am Mittwoch. Zehn Tage also, in denen sich die Politiker zusammenraufen und einen Plan aushecken müssen, um ihn am Europa-Gipfel am 8. und 9. Dezember beschließen zu können.

Doch Ankündigungen wie diese hat es im Zuge der Eurokrise schon viele gegeben. Die bisherigen Ergebnisse sind aber jedes Mal ohne die erhoffte Beruhigung verpufft. Warum dieses Mal alles anders sein sollte? Weil der Druck noch nie so stark war.

Hoher Finanzbedarf

„Die Lage dramatisiert sich in den kommenden Wochen“, sagt etwa Oxford-Ökonom Clemens Fuest. Allein für Italien werden in den nächsten vier Monaten Anleihen in der Höhe von 135 Milliarden Euro fällig, für die sich das Land mit frischem Kapital eindecken muss. Obwohl die Europäische Zentralbank seit Wochen in den Markt eingreift, näherten sich am Dienstag die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen der Marke von 8 Prozent. Schon 6 bis 7 Prozent gelten jedoch als kritisch. „Italiens durchschnittlicher Zinssatz liegt aber immer noch bei 4,4 Prozent, das bedeutet, selbst die hohen Marktrenditen über 7 Prozent ließen sich noch ein Jahr lang aushalten“, beruhigt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank.

Nur: Auch Staaten wie Deutschland haben sich vergangene Woche schwergetan, Investoren für ihre Anleihen zu finden. Um die Märkte zu beruhigen und das Vertrauen zwischen den Banken zu stärken, haben die großen Zentralbanken diese Woche gemeinsam ein Stützungsprogramm präsentiert. Sie einigten sich darauf, dem globalen Finanzsystem Liquidität zuzuführen. Damit wird es für Banken leichter, an Geld zu kommen. Am Mittwoch jubelten die Börsen über diesen Schritt. Aber es kann sein, dass sich bald schon wieder Ernüchterung einstellt.

Das europäische Dilemma

„Die Währungsunion befindet sich in einem Dilemma“, analysiert der deutsche Ökonom Clemens Fuest. Staaten wie Deutschland riskierten ihre Stabilität, wenn sie sich zu extremen finanziellen Schritten entschließen, um andere aufzufangen. Tun sie aber nichts, sinkt das Vertrauen der Investoren, und der Kapitalbedarf der Krisenstaaten steigt. Geht Italien unter, wird ganz Europa weiter in den Abgrund gerissen. Die Ratingagenturen befeuern diese Spirale nach unten, indem sie Staaten wie Portugal, aber auch Banken aufgrund der wachsenden Risiken herabstufen. Moody’s etwa hat am Dienstag angekündigt, 87 Finanzinstitute weltweit neu zu bewerten, neun davon aus Österreich. Brauchen die Banken eine höhere Eigenkapitalquote, werden sie wahrscheinlich mehr Anleihen auf den Markt werfen – und als Käufer ausfallen. Die Staatsfinanzierung wird dadurch noch schwieriger.

„Als Erstes muss man jetzt daher einen klaren Plan dafür entwickeln, was geschieht, sollte sich Italien nicht mehr über den Markt finanzieren können“, fordert Fuest. Schon seit Wochen halten sich Gerüchte, wonach Italien mit dem IWF über ein Hilfspaket in der Höhe von 400 Milliarden Euro verhandelt. Auch die am Dienstag von den europäischen Finanzministern beschlossenen weiteren Details zur Hebelung des Rettungsschirms EFSF sind Signale in diese Richtung. Nur ist in beiden Fällen fraglich, inwieweit China und andere Staaten hier mitziehen werden.

Notenbank hilf!

Im allerschlimmsten Fall, so sind sich die Experten einig, würde aber ohnehin die Zentralbank einspringen müssen – und damit längerfristig die europäischen Steuerzahler, die die Zentralbank schließlich stützen müssten. „In Europa wird die EZB zur Zwischenfinanzierung Geld drucken“, prognostiziert auch der Ökonom Max Otte (siehe Interview ).

Eine Maßnahme, die gerade in Deutschland nicht gern gehört wird. Nach wie vor hat die EZB kein Mandat dazu, Staaten direkt zu finanzieren. Wirft sie die Druckerpresse an und bekennt sich zu unbegrenzter Unterstützung, würde das den Krisenstaaten jeden Reformdruck nehmen. Dasselbe wäre auch bei der Einführung von Eurobonds der Fall, die die Verallgemeinschaftung der Schulden bedeuten. Zuletzt hat sich sogar Österreichs Finanzministerin Maria Fekter offen gezeigt, zumindest der EZB eine größere Rolle im Kampf gegen die Schuldenkrise der Euroländer einzuräumen.

Andernorts verschließt man lieber die Augen. „Eine Krise des Euro gibt es nicht“, sagt der Delegationsleiter der SPÖ im EU-Parlament, Jörg Leichtfried. „Alle wesentlichen Indikatoren, die auf eine Krise der EU-Gemeinschaftswährung hindeuten könnten wie erhöhte Inflation, sind nach wie vor nicht vorhanden.“ Der neue SPÖ-EU-Abgeordnete Josef Weidenholzer meint, das Europroblem sei ein Problem der spekulierenden Finanzmärkte. „Das gehört abgestellt.“ Beide befürworten Eurobonds.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy scheinen mit ihren Plänen für den EU-Gipfel auch den Eurobonds den Weg bereiten zu wollen. Sie wollen den Staaten vorschreiben, ihre nationalen Haushalte zweimal im Jahr in Brüssel vorzulegen, und der Europäischen Kommission ein Durchgriffsrecht darauf geben, um zu strengerer Budgetdisziplin zu kommen.

Dass es langfristig zu mehr Integration kommen wird, steht außer Frage. Kurzfristig ruhen Europas Hoffnungen aber vor allem auf der EZB. Eine unabhängige europäische Notenbank – das war einmal.

– Martina Bachler, Miriam Koch
Mitarbeit: Klaus Puchleitner

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