"Wir arbeiten an der bargeldlosen Filiale"

Bawag-PSK-Vorstand Sanjay Sharma über neue elektronische Anwendungen für Privat- und Firmenkunden, die Modernisierung der Filialen, E-Banking-Visionen und die Gefahr von Hackern.

FORMAT: In Schweden wird derzeit ernsthaft überlegt, das Papiergeld abzuschaffen, weil nur noch drei Prozent der Transaktionen in bar erfolgen. Wie viel Prozent der Zahlungen werden von Privatkunden bereits ohne Bargeld abgewickelt?

Sanjay Sharma: Die bargeldlosen Zahlungen sind in den vergangenen Jahren insgesamt um acht bis zehn Prozent gestiegen, der Anteil liegt in Österreich bei rund 60 bis 70 Prozent. Und auch hier geht der Anteil der Barzahler kontinuierlich zurück.

Werden wir irgendwann völlig ohne Bargeld auskommen?

Ganz ohne Bargeld wird unsere Gesellschaft, glaube ich, nie sein wollen. Aber wenn der breiten Bevölkerung kontaktloses Bezahlung oder Bezahlen via Handy zugänglich sein wird, wird auch der Anteil der Kleinbeträge, die bisher noch bar beglichen werden, rapide sinken.

Wird es irgendwann auch Bankfilialen ganz ohne Kassenschalter geben?

In Holland und Deutschland gibt es solche Filialen bereits. In Österreich rechne ich aber erst in zehn bis fünfzehn Jahren damit. Aber auch dann werden diese die klassischen Filialen nicht ablösen, sondern nur ergänzen.

Die Bawag PSK erneuert derzeit viele Filialen, unter anderem durch große Selbstbedienungszonen. Wie weit ist dieser Prozess?

Wir haben in einem Jahr 330 Filialen komplett modernisiert. Bis Ende 2012 werden wir über 500 Filialen erneuert haben. Auch sonst hat sich die Bank in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Das war umso wichtiger, als in den Jahren davor zu wenig in die Infrastruktur der Bank und die Vertriebsorganisation investiert worden ist. So verfügte die Bank beispielsweise bis 2010 über kein eigenes systematisches Mahnwesen oder kein zentralisiertes Callcenter.

Was wird die Modernisierung der Bank und die Verbesserung der internen Prozesse insgesamt kosten?

Wir haben die Investitionen stetig gesteigert. In den Jahren 2009 und 2010 waren es jeweils rund 20 Millionen Euro, im Vorjahr waren es 42 Millionen, heuer werden es 74 Millionen Euro sein.

Müssen die Kunden fürchten, schicke Filialen durch höhere Gebühren finanzieren zu müssen?

Keinesfalls, wir haben besonders darauf geachtet, dass die Kostenbasis in den vergangenen drei Jahren unverändert geblieben ist.

In den vergangenen Jahren haben sich die Beziehungen zwischen Kunden und Bank durch den Einsatz von Bankomat und Internet verändert. Wie wurden diese neuen Rahmenbedingungen bei der Neugestaltung der Filialen berücksichtigt?

Wir haben beispielsweise großzügige Selbstbedienungsfoyers gebaut. Außerdem war es uns ein Anliegen, das Kundenservice in den Vordergrund zu stellen. Deshalb haben wir ein Filialkonzept ohne Barrieren entwickelt. Deshalb haben wir ein modernes, offenes Filialkonzept entwickelt. Der Schalterbereich wurde freundlich und barrierefrei gestaltet, und für Beratungen gibt es eigene ansprechende Zonen.

Das Online-Banking entwickelt sich laufend weiter. So werden derzeit Apps von den Banken besonders propagiert. Kunden können mit Apps auf ihren Smartphones Kontoinformationen abrufen oder Überweisungen tätigen. Werden diese neuen Anwendungen auch tatsächlich angenommen?

Unsere neue Applikation kommt extrem gut an. Wir haben vor drei Monaten diese App auf den Markt gebracht und schon 70.000 Nutzer.

Sind Überweisungen mit dem Handy wirklich sicher vor fremden Zugriffen? Und wie hoch ist der Schaden durch Missbrauch?

Um die Sicherheit der Daten zu gewährleisten, haben wir vor dem Marktstart massiv in Sicherheitsfeatures investiert. Sollte es nötig sein, die Sicherheitssoftware weiter aufzurüsten, werden wir nicht zögern, das sofort zu tun. Aber derzeit ist das nicht erforderlich. Hackerangriffe sind zwar nie ganz auszuschließen, aber in Österreich ist das Problem sehr begrenzt. Die Verluste, die durch solche Attacken entstehen, sind im internationalen Vergleich minimal. Bei Banken in den USA oder England sind die Beträge wesentlich höher, da Angriffe auf die weltgrößten Banken für Hacker lohnender sind.

Immer mehr Menschen entscheiden sich für Online-Banking. Trotzdem gibt es bisher nur eine eingeschränkte Produktpalette. Wird sich das ändern?

England und die USA sind uns beim Online-Vertrieb weit voraus. Dort werden seit Jahren Darlehen und Kredit-Produkte im Internet verkauft. Auch wir haben Pläne, unser Angebot zu erweitern. So überlegen wir uns beispielsweise, weiter in unsere technischen Systeme zu investieren, um unseren Kunden künftig auch den Online-Kauf von ausgewählten Produkten zu ermöglichen.

Sie haben vor wenigen Monaten mit dem "BAWAG Finance Cockpit“ einen Webservice gestartet, der es Unternehmen ermöglicht, ihr eigenes Finanzmanagement laufend zu überwachen. Wie funktioniert das?

Es geht uns darum, die Betriebe bei ihrer täglichen Finanzdisposition zu unterstützen. So erhöht die permanente Überwachung beispielsweise der Liquidität und die optimale Verwaltung des Geldes die Effizienz eines Unternehmens und senkt das Risiko finanzieller Engpässe. Wir rechnen damit, dass dieses Produkt heuer richtig durchstarten wird.

Wo liegen die Unterschiede zu ähnlichen Produkten anderer Banken?

Um ein derartiges System auf die Beine zu stellen und laufend zu betreuen, benötigt es einen hohen technischen und personellen Aufwand, der etwa für kleinere Banken nicht in diesem breiten Umfang möglich ist. Dass wir mit dem "Finance Cockpit“ ein gut durchdachtes Produkt liefern, beweist der IT-Innovationspreis 2012, den wir dafür erhalten haben.

Was ist generell Ihr langfristiges Ziel beim Online-Banking?

Eine Vision ist, alle Produkte, die in den Filialen angeboten werden, in Hinkunft auch online vertreiben zu können. Das bedeutet nicht, dass der Kunde sein Bankgeschäft nur noch im Internet abwickeln soll. Vielmehr wollen wir ihm die Möglichkeit geben, sich den für ihn optimalen Zugang auszusuchen. Dazu arbeiten wir kontinuierlich an der Optimierung unseres technisches Know-hows und der Stärkung unserer Innovationskraft.

Zur Person: Sanjay Sharma, 46, Bawag-PSK-Vorstand für die Bereiche IT, Abwicklung, Zahlungsverkehr, Facility-Management, Einkauf und Callcenter. Der aus Indien stammende Banker hat dort Management und Technologie studiert und war unter anderem Senior Manager bei IBM. Von 2003 bis 2008 war Sharma für die britische Barclays-Bank in London tätig, zuletzt als Vorstandsmitglied. Der britische Staatsbürger ist mit einer Österreicherin verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Wien.

Interview: Anneliese Proissl