'Wir bleiben weiter sehr vorsichtig'

Eric Le Coz, Mitglied des Investmentkommitees des Fondshauses Carmignac, über die Lage an den Finanzmärkten und die Gründe, warum das Carmignac-Flaggschiff Carmignac Patrimoine zuletzt sogar zulegte.

FORMAT: Der jüngste Börsencrash vernichtete weltweit ein Börsenkapital von über 5.000 Milliarden Euro. Auch Mischfonds konnten sich dem Trend nicht entziehen und verloren in den vergangenen 30 Tagen durchschnittlich fünf Prozent. Ihr Carmignac Patrimoine legte im gleichen Zeitraum 1,7 Prozent zu. Wie ist das bei einem Anteil von 40 Prozent Aktien im Fonds möglich?

Le Coz: Wir behalten die Einzeltitel, weil wir weiter an ihr überdurchschnittliches Potenzial glauben. Allerdings wurde die Aktienquote seit März in mehreren Schritten über Index-Futures abgesichert. Selbst bei unserem reinen Aktienfonds Carmignac Investissement sind wir mit derzeit 61 Prozent ertragswirksamen Aktien fast am vorgesehenen Minimum von 60 Prozent. Beim Mischfonds Patrimoine hatten wir Mitte Juli bereits die Hälfte der Aktien gehedgt. Seit 3. August liegen wir nur noch bei knapp fünf Prozent offener Aktienquote.

FORMAT: Das senkt das Risiko, erklärt aber noch nicht den Ertrag.

Le Coz: Bei einigen Anleihen, speziell den deutschen und US-Staatsanleihen, sind wir auf längere Laufzeiten umgestiegen. Dadurch profitierten wir besonders von den kräftig steigenden Kursen.

FORMAT: Jetzt bekommt man in beiden Ländern für zehnjährige Papiere nur noch Renditen von unter 2,2 Prozent. Ist das jetzt noch ein Geschäft? Wenn die Zinsen wieder steigen, drohen deutliche Kursverluste.

Le Coz: Natürlich kann man sagen, die Zinsen sind jetzt viel zu niedrig. Aber vor ein paar Jahren hätte man das in Japan auch geglaubt, und die Zinsen sind dort von zwei weiter auf ein Prozent gefallen.

FORMAT: Das heißt, Sie halten eine Deflation wie in Japan auch in Europa und den USA für möglich?

Le Coz: Ich erwarte keinen generellen Rückfall in eine Rezession und keine japanischen Zustände, aber das Risiko steigt. Das Problem der hohen Staatsschulden ist so besorgniserregend, dass wir diese so schnell wie möglich senken müssen. Und diese nötigen Einsparungen werden noch lange Jahre auf das Wirtschaftswachstum drücken. Dieser Prozess wirkt naturgemäß deflationär, auch wenn das nicht in jedem Land zu einer Deflation führt.

FORMAT: In manchen aber doch?

Le Coz: Griechenland, Italien und Spanien wären schon mögliche Kandidaten.

FORMAT: Wie reagiert Carmignac auf eine solche Großwetterlage?

Le Coz: Ganz generell bleiben wir sehr vorsichtig und planen derzeit nicht, die Absicherung unserer Aktien rasch aufzuheben. Die Situation in Europa hat sich noch längst nicht nachhaltig stabilisiert. Die Finanzmärkte verlangen mehr Aktionen, aber die Politiker reagieren immer zu langsam. Das Positive an der jetzigen Situation ist immerhin, dass die Inflation ihren Höhepunkt erreicht haben dürfte und die Europäische Zentralbank nicht gezwungen ist, die Zinsen weiter zu erhöhen.

FORMAT: Viele Börsen, etwa Deutschland, notieren angesichts der geschätzten Gewinne für 2012 bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 8. Das gilt auch für die gesamte Eurozone. Sind nicht Aktien nach dem tiefen Fall schon ziemlich günstig?

Le Coz: Das wird man sehen, erst die Geschichte wird uns die Antwort geben. Tatsache ist, dass die Analysten erst beginnen, ihre optimistischen Gewinnschätzungen zu überdenken. Man kann noch nicht sagen, wie stark die Erträge wirklich sinken. Jedenfalls ist klar, dass die Richtung der Gewinnentwicklung negativ sein wird, was die Aktienmärkte gar nicht mögen.

FORMAT: In den Schwellenländern ist das Wachstum immer noch lebhaft. Setzen Sie im Carmignac Patrimoine wie früher relativ stark auf die Emerging Markets?

Le Coz: Ja. An den Schwellenlandbörsen haben wir noch sieben Prozent offene Aktienquote. Bei den Industriestaaten beträgt dieser Wert minus zwei Prozent, wir sind sogar leicht short gegangen. Insgesamt ergibt das den genannten Gesamtwert von fünf Prozent. Wir glauben, dass zum Beispiel in China das Risiko weiterer Kursverluste wesentlich geringer ist als in den Industriestaaten, weil die Kurskorrektur in China schon viel früher eingesetzt hat.

FORMAT: Könnte China ähnlich wie 2008/09 wieder die Welt durch sein hohes Wachstum aus der Krise retten, notfalls über Konjunkturprogramme?

Le Coz: China will nicht die Welt retten, sondern nur sich selbst. Alles andere sind für uns positive Nebeneffekte. Momentan braucht China anders als in der letzten Krise gar keine Maßnahmen zur Belebung der Wirtschaft. Heuer wird das Wachstum auf 9,3 Prozent geschätzt, 2012 auf 8,8 Prozent. Aber falls es irgendwann doch nötig werden sollte, könnte Peking sicher wieder mit Stimulierungspaketen reagieren.

FORMAT: Die hohe Inflation könnte dann noch mehr angeheizt werden.

Le Coz: Der Immobilienmarkt beginnt sich bereits abzukühlen, es bleiben als einziges echtes Problem die steigenden Lebensmittelpreise. Generell gesehen hilft der Abschwung in den Industriestaaten, die hohe Inflation in den Schwellenländern zu stabilisieren.

FORMAT: Die Schwellenländer weisen auch bei den Staatsschulden im Schnitt deutlich solidere Werte als Industriestaaten auf. Werden Sie dort weiter aufstocken?

Le Coz: Schon jetzt bilden Anleihen aus Schwellenländern 13 Prozent des Carmignac Patrimoine. Ein Drittel davon sind Staatspapiere, Polen nimmt zum Beispiel die zweitgrößte Einzelposition im Fonds ein. Die anderen zwei Drittel sind Unternehmensanleihen. Ganz generell, auch in den Industriestaaten, findet man im Firmensegment zahlreiche Anleihen mit gesunden Bilanzen. Für die Schwellenländer sprechen neben der geringeren Staatsverschuldung die hohen Zinsen und die zusätzliche Chance von Währungsgewinnen bei Anleihen in lokaler Währung. Es gibt daher einen Trend, das Engagement in den Schwellenländern weiter zu steigern.

Interview: Martin Kwauka

ZUR PERSON: Eric Le Coz, Jahrgang 1956, ist Chefstratege der französischen Fondsgesellschaft Carmignac Gestion und leitet seit Juli gemeinsam mit Unternehmensgründer Edouard Carmignac die Koordination des Fondsmanagementteams. Der Franzose managte von 1998 bis 2003 die beiden Fonds „Carmignac Emergents“ und „Carmignac Patrimoine“. Le Coz studierte Ingenieur in seiner Heimatstadt Paris und absolvierte ein MBA-Studium in Paris und Philadelphia.

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