Wiener Börse: 10 Experten küren die Börsen-Favoriten 2012

Kapsch TrafficCom ist Sieger im Aktienranking von FORMAT. Immofinanz und OMV belegen den zweiten und dritten Platz. Den ATX sehen Experten Ende 2012 zwischen 1.700 und 2.500 Punkten.

Die Finanzminister sind klamm. Jeder braucht dringend frisches Geld, um seine Staatskassen aufzufüllen. Die Einhebung von Autobahnmaut ist da ein willkommenes Zubrot. Das kommt Georg Kapsch, Chef des börsennotierten Mautsystemeherstellers Kapsch TrafficCom, zupass.

Geht es nach den Einschätzungen der wichtigsten österreichischen Börsenexperten, haben nämlich Aktionäre von Kapsch TrafficCom im nächsten Jahr die besten Karten. Im FORMAT-Aktienranking 2012 hieven die zehn befragten Analysten und Fondsmanager das Unternehmen auf Platz 1. Das kann auch Kapsch persönlich freuen. Schließlich befinden sich rund 64 Prozent des Unternehmens im Besitz seiner Familie. Der Rest ist über die Börse unters Volk verteilt.

Zur Testmethode: Die Börsenprofis bewerten die 38 wichtigsten Österreich-Aktien nach dem Schulnotensystem. Papiere, denen im nächsten Jahr die besten Chancen eingeräumt werden, bekommen die Bestnote 1. Aktien, die die Geld-Manager zum Verkauf empfehlen, fallen mit der Note 5 durch. Wenn der Notenschnitt wie im Fall der Aktien von Immofinanz und OMV gleich ausfällt, entscheidet die höhere Anzahl der jeweils besten Bewertungen über die Position im Aktienranking.

Favoriten 2012

Bei den drei Top-Platzierten im FORMAT-Aktienranking wirken unterschiedliche Kräfte, die die Experten zu ihren positiven Einschätzungen bewegen. Günther Artner, Analyst der Erste Bank: „Kapsch TrafficCom rittert in Russland um einen 250 Millionen Euro schweren Auftrag mit. Wenn der Mautspezialist den Zuschlag bekommt, wäre das gleichzeitig die Eintrittskarte in einen Markt mit zukünftig noch wesentlich größeren Projekten.“

Darüber sind Ausschreibungen in Slowenien, Ungarn und Dänemark im Laufen, bei denen der heimische Konzern gute Chancen hat, zum Zug zu kommen. Aber selbst wenn es mit dem Neugeschäft nichts wird, ist ein Absturz höchst unwahrscheinlich. Horst Simbürger, Chefanleger der Volksbank-Fonds: „Kapsch TrafficCom ist eine Gelddruckmaschine und kann gut von den bestehenden Einnahmeströmen leben. Außerdem ist die Verschuldung gering.“ Auch die Höhe der EBITDA-Marge, die zeigt, wie profitabel ein Unternehmen vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen wirtschaftet, ist mit einem Wert von 16 Prozent überzeugend.

Bei Immofinanz zollen die Aktienexperten dem Immofinanz-Chefsanierer Eduard Zehetner Respekt. Birgit Kuras, Aktienexpertin der Raiffeisen Centrobank (RCB): „Zehetner ist ein guter Manager. Wegen der Steigerung der Profitabilität der Immofinanz-Gruppe winken höhere Dividendenzahlungen.“ Das unterstreichen die Prognosen der Analysten, die die Dividendenrendite für das Gesamtjahr 2011 auf 6,9 und für 2012 auf 9,2 Prozent schätzen ( siehe Tabelle ).

Friedrich Erhart, Fondsmanager des lang bewährten Pioneer Austria Stock: „Die Immofinanz-Aktie ist mein Favorit unter den heimischen Immobilienpapieren. Für die Aktie spricht, dass der Abschlag vom Kurs zum innerem Wert 60 Prozent beträgt. Noch dazu ist es wahrscheinlich, dass die Immofinanz-Aktie im nächsten Frühjahr in den EPRA-Immobilienindex, der die wichtigsten Immo-Konzerne Europas abbildet, aufgenommen wird.“ Das dürfte die Nachfrage internationaler Investoren schüren.

Arabische Mächte

Beim Ölkonzern OMV, dem mit einem Börsenwert von 7,6 Milliarden Euro größten ATX-Unternehmen, spielt Arabien eine wichtige Rolle. Mit Ipic schickt sich der Staatsfonds von Abu Dhabi an, seine Beteiligung an der OMV von derzeit knapp unter 25 Prozent deutlich aufzustocken. Salus-Alpha-Fondsmanager Roland Neuwirth: „Der Schachzug der Araber sichert den Kurs der OMV-Aktie nach unten ab.“ Dazu kommt, dass die Ölförderkapazitäten der OMV in Libyen bereits wieder zu 50 Prozent ausgeschöpft werden. Fondsmanager Erhart: „Mit einem für 2011 geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 6,9 ist die OMV-Aktie sehr günstig bewertet, die Dividendenrendite mit 4,2 Prozent attraktiv.“ Erste-Bank-Experte Artner: „Der heimische Ölkonzern kann sich die Dividendenzahlungen locker leisten. Durch das Ipic-Engagement hat die Aktie Übernahmefantasie.“

Mit einem Notenschnitt von 1,8 schrammen der Faserkonzern Lenzing und der Alu-Recycler Amag nur knapp an einem Podestplatz im Aktienranking 2012 vorbei. Wolfgang Matejka, Chef von Matejka & Partner: „Ich halte die Amag derzeit für die beste Aktie des ATX. Der Anteil an wiederverwertetem Aluminium liegt bei 50 Prozent und steigt weiter.“ Ebenso überzeugt zeigt sich Pioneer-Fondsmanager Erhart: „Der Alu-Konzern hat fast keine Schulden. Alleine die 20-prozentige Beteiligung an der kanadischen Alouette ist genauso viel wert wie die gesamte Börsenkapitalisierung der Amag.“ Alois Wögerbauer, Chef der 3 Banken-Generali-Fonds, bricht eine Lanze für den oberösterreichischen Faserproduzenten Lenzing: „Die Aktie ist angesichts der starken Marktposition mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 6 schlicht und einfach zu billig.“

Laut Alfred Reisenberger, Fondsmanager bei der Wiener Privatbank, sollen Anleger mit dem Öl-Ausrüster Schoeller-Bleckmann und dem steirischen Anlagenbauer Andritz auch zwei Klassiker der Wiener Börse im Auge behalten. Reisenberger: „Bei Andritz ist das Management sehr gut, und der Konzern hat hohe Cash-Reserven aufgebaut. Schoeller-Bleckmann ist in einem stark wachsenden Segment tätig.“

Statistenrolle

Selbst wenn ausgesuchte Wiener Aktien 2012 Chancen auf Kursgewinne bieten, ist es wenig wahrscheinlich, dass ein genereller Börsenboom naht. Zwar trauen die Börsenexperten dem Wiener Aktienbarometer im Schnitt ein Plus von 21 Prozent zu. Doch das ist vor allem dem Umstand zuzuschreiben, dass der ATX zuletzt besonders stark unter die Räder kam. Selbst wenn sich nämlich diese Prognose bewahrheitet, reicht der Anstieg nicht aus, um die Verluste des abgelaufenen Jahres wettzumachen ( siehe Grafik ).

Wie bei allen anderen Börsen bleibt die Lösung der europäischen Schuldenkrise das Zünglein an der Waage für nachhaltige Kursanstiege. Selbst wenn sich die Lage aufhellen sollte, kämpft die Wiener Börse weiter damit, dass Austro-Aktien im internationalen Konzert der Börsen nur eine Statistenrolle haben. So ist etwa alleine Siemens, der größte deutsche Börsenkonzern, an der Frankfurter Börse mit einer Marktkapitalisierung von 65 Milliarden Euro um 15 Milliarden Euro mehr wert als alle ATX-Unternehmen zusammen.

Isabella de Krassny, Fondsmanagerin bei Semper Constantia: „2012 wird schwierig, weil institutionelle Anleger wie Banken oder Pensionskassen als Anleger ausfallen dürften.“ Auch Christian Ramberger, Chef der Allianz-Fondsgesellschaft, bleibt realistisch: „Die Wiener Börse wird sich weiter schwertun, weil das Interesse internationaler Investoren verschwindend gering ist.“

Zusätzlich kommt es bei Großanlegern nicht gut an, dass einige österreichische Großkonzerne besonders stark in Osteuropa engagiert sind. RCB-Expertin Kuras: „Im ATX-Index sind Finanzaktien hoch gewichtet und Papiere zyklischer Unternehmen prominent vertreten. Uns fehlen klassische defensive Aktien wie etwa Nestlé aus der Schweiz oder der US-Wert Johnson & Johnson, die sich stabilisierend auf die Börse auswirken.“

Stichwort stabilisierend: Anleger sind gut beraten, im nächsten Jahr die Sorgenkinder der Wiener Börse zu meiden, die im FORMAT-Aktienranking Plätze in der hintersten Reihe belegen. Erste-Bank-Experte Artner: „Die Bilanzqualität der Uniqa ist im Vergleich zur Vienna Insurance Group um Klassen schlechter.“ Allianz-Fondschef Ramberger: „Ich sage es ganz offen, die Aktien von Uniqa und Warimpex interessieren mich einfach überhaupt nicht.“

Das komplette FORMAT Aktien-Ranking 2012

– Carolina Burger, Robert Winter

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