Warum Geld immer weniger wert wird und wer am stärksten darunter leidet

Die Inflation ist zurück, der Alltag wird teurer, und sehr wahrscheinlich wird das noch länger so weitergehen.

Sie ist eine alte Bekannte, aber das Wiedersehen löst ganz und gar keine Freude aus. Wenn ihr Name fällt, schrillen vielerorts die Alarmglocken: Die Inflation ist zurück. Ob bei Kaffee oder Brot, bei Benzin oder Heizkosten – viele Preise sind gestiegen, und das macht sich beim Einkauf, beim Stopp an der Tankstelle und bei jeder Energieabrechnung bemerkbar. Für dasselbe Geld wird der Einkaufswagen deutlich weniger voll, jeder Euro ist auf einmal weniger wert.

In Österreich ist die Inflation im Jänner auf 2,4 Prozent geklettert, auf den höchsten Stand seit drei Jahren. „Eine Situation, die man ernst nehmen muss“, warnt etwa Bernhard Felderer vom Wirtschaftsforschungsinstitut IHS und steht damit in der Ökonomenzunft nicht alleine da. Immer öfter wurde in den vergangenen Wochen der Ruf an die Europäische Zentralbank (EZB) laut, Gegenmaßnahmen zu ergreifen: Sie solle den Leitzinssatz anheben, der seit Mai 2009 bei nur einem Prozent liegt, weil eine solche Maßnahme die Geldentwertung einbremse. Doch die EZB, ansonsten eine rigide Hüterin der Stabilität, die einen Inflationszielwert von „knapp unter zwei Prozent“ verfolgt, zögert. Sie will Schuldenstaaten wie Griechenland nicht durch höhere Zinsen zusätzlich belasten.

Diese Überlegung und Gründe wie die Rohstoffpreise auf den Weltmärkten oder die Lohnentwicklung in China sprechen dafür, dass die Inflation sogar noch weiter ansteigt. Ökonomen wie Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, halten mittel­fristig rund vier Prozent für wahrscheinlich.

Aber was heißt das für den österreichischen Bürger als Konsument und als Besitzer von Ersparnissen? Ist die Angst vor der Inflation berechtigt oder nur ein Sturm im Wasserglas?

Die schlechte Nachricht: Kurzfristig sinkt die Kaufkraft, weil die Preiserhöhungen frühestens ab 2012 durch höhere Löhne kompensiert werden. Und: Teure Lebensmittel treffen Einkommensschwache.

Die gute Nachricht

Kein Experte rechnet mit einer längeren Phase von Reallohnverlusten, die Gagen werden nachziehen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Inflation und Kaufkraft nur sehr lose zusammenhängen. Die größten Einbußen bei den Real­löhnen mussten Arbeitnehmer in den letzten zehn Jahren hinnehmen – bei geringer Inflation.

Unangenehmer ist die Situation für Besitzer von Ersparnissen. Im Durchschnitt fallen die realen Renditen in Zeiten stärkerer Geldentwertung niedriger aus. Vermögen schmilzt – oder wächst weniger stark.

Vorteile haben Kreditnehmer

Wer nur zwei Prozent Zinsen zahlt, was heute noch durchaus möglich ist, verdient bei 2,4 Prozent Inflation sogar. So viel steht fest: Es wird keine Katastrophe geben. Eine unkontrollierbare Hyperinflation ist nicht in Sicht. Aber der Euro wird schleichend weniger wert. Und das sind die Gründe dafür.

1. Steigende Rohstoffpreise

„Den jüngsten Anstieg der Inflation haben wir erwartet“, erklärt EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Was nicht so schwer war. Denn seit Beginn des letzten Jahres sind die Preise für Öl, Metalle und Seltene Erden in die Höhe geschossen. Dasselbe gilt für Agrarrohstoffe wie Weizen, ­Zucker, Kaffee oder Mais.

Das liegt zum einen an der weltweit anziehenden Konjunktur, die vor allem in den schnell wachsenden Ländern wie China, Indien und Brasilien den Hunger nach Rohstoffen steigert. Die Situation wurde durch externe Effekte wie Umweltkatastrophen in Austra­lien und die aktuellen Umwälzungen in Nordafrika und im Nahen Osten noch verschärft: Brent-Öl wird derzeit wieder für knapp über 115 Dollar pro Barrel (159 Liter) gehandelt und ist so teuer wie seit 2008 nicht mehr. „Gerade die hohen Ölpreise übertragen sich schnell in höhere Konsumentenpreise für Treibstoff und Energie“, sagt Josef Baumgartner vom WIFO. Benzin, Diesel und Heizöl treiben die Inflation besonders an. Obendrauf kam noch die neue Mineralölsteuer, sagt Baumgartner – ein Ein­maleffekt von etwa 0,4 Prozentpunkten Inflation.

2. Industrie gibt Preise weiter

Das teure Öl zieht aber noch weitere Kreise. Seit Anfang 2010 ist etwa der deutsche Preisindex für das Öl-Derivat Kunststoff um knapp 30 Prozent gestiegen, wodurch sich die Kosten für Verpackungen von Haarshampoo bis hin zu Gießkannen erhöhen können. Noch halten sich Unternehmen bei der Weitergabe der gestiegenen Kosten zurück. Das könnte sich jedoch ändern: Denn in Österreich lagen die Erzeugerpreise im Jänner um 11,6 Prozent, die Großhandelspreise im Dezember um 9,1 Prozent über den Vorjahreswerten. Laut einer aktuellen Umfrage wollen in den kom­menden drei Monaten 28 Prozent der österreichischen Industrieunternehmen die Preise für ihre Produkte ­erhöhen. Das werden die Konsumenten zu spüren ­bekommen, auch wenn Baumgartner beruhigt: „Solange die Kapazitäten nicht weitgehend ausgelastet sind und die Löhne nicht merklich steigen, sollte der Preisdruck nach oben nicht allzu stark ausfallen.“

3. Teurere Schwellenländer

„Es kommt wahrscheinlich noch eine zweite Inflationsrunde auf uns zu“, warnt der Deutsche-Bank-Ökonom Mayer und verweist auf die Entwicklung in den Schwellenländern. In China ist die Inflation zuletzt auf rund fünf, in Indien auf knapp zehn Prozent gestiegen. Hier kommt nicht nur das starke Wirtschaftswachstum, sondern auch die expansive Geldpolitik Europas und der USA zum Tragen, sagt Mayer. Zumindest ein Teil des billigen Geldes aus den Industriestaaten ist in die Schwellenländer geflossen und treibt dort die Nachfrage. Die Preise haben mittlerweile vor allem bei Nahrungsmitteln Niveaus erreicht, die sich Teile der Bevölkerung nicht mehr leisten können.

Die Konsequenz: „Die Beschäftigten fordern höhere Löhne“, so Mayer, „und sie bekommen sie auch.“ In China gibt es teils zweistellige Zuwachsraten. Von dort importierte Produkte wie Turnschuhe, T-Shirts, Computer oder Haushaltsgeräte werden, sofern nicht gleichzeitig die Produktivität erheblich steigt, auch für den heimischen Konsumenten teurer. „Der dämpfende Inflationseffekt, den der Import aus Billiglohnländern in den letzten Jahren hatte, ist damit weitgehend weg“, sagt Peter Mooslechner, Chefvolkswirt der Oesterreichischen Nationalbank. „Chinas Zentralbank versucht bereits, die Geldmenge zu verringern und die Inflationsbremse zu ziehen“, hofft IHS-Chef Felderer.

4. Steigender Lohndruck

Weil sich durch höhere Kosten in China und Brasilien auch in Europa auf Jahressicht der Spielraum für Lohnerhöhungen vergrößert, ist damit zu rechnen, dass dieser Spielraum auch genutzt wird, was wiederum die Inflation anheizt, wenn auch nur moderat.

5. Zögernde Notenbanker

Dass die EZB einer ­Inflationsrate, die sich mittelfristig zwischen zwei und vier Prozent bewegt, rasch und entschieden gegensteuert, ist unwahrscheinlich – solange diese nicht außer Kontrolle gerät. Zwar steht für Ende des Jahres eine Zinserhöhung im Raum, noch scheint die Verkleinerung der Geldmenge aber zweitrangig.

Denn höhere Zinsen würden die schuldengeplagten Peripherie-Länder der EU noch ärger in Bedrängnis bringen und womöglich die Konjunktur wieder abbremsen. Und außerdem hat die Inflation neben ­einigen Übeln auch eine sehr gute Seite: Sie vermindert die staatliche Schuldenlast quasi von selbst, was auch der österreichischen Regierung durchaus recht ist. Die hohen Verschuldungsraten in Europa, aber auch in den USA sind für die Notenbanken ein guter Grund, die höhere Inflation so lange wie möglich gewissermaßen hinzunehmen. Die Bürger müssen auf die nächste Lohnerhöhung hoffen und ihre Geldanlage der Situation anpassen.

- Martina Bachler

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