Walter: "2011 wird kritisch – dann wird sich zeigen, ob die Krise ausgestanden ist."

Norbert Walter, Chefökonom der Deutschen Bank, analysiert im Abschiedsinterview die Perspektiven der Weltwirtschaft, die Gefahr eines Rückfalls in die Rezession und die Notwendigkeit von Minaretten.

FORMAT: Bleibt die Wirtschaft 2010 weiter auf Erholungskurs?
Norbert Walter: Wir haben in der Tat eine überraschend gute Entwicklung im dritten Quartal, vor allem in den Schwellenländern Asiens. Es ist beeindruckend, mit welcher Dynamik in Amerika gehandelt wird. Auch in Deutschland sind im November Beschäftigung, Aufträge und Produktion gut gelaufen. Aber wenn manche deswegen meinen, es wird jetzt stetig besser, irren sie sich. Ich traue dem Aufschwung nicht. Die Rezession ist noch nicht überwunden, sie könnte wieder zurückkommen.

"Für den Tourismus wird bitter"
FORMAT: Wo hakt es?
Walter: In Deutschland sind zum Beispiel die Lohnstückkosten mit einem Schlag um zehn Prozent in die Höhe geschossen. Die Beschäftigung ist deshalb nicht zu halten, der Einzelhandel wird es schwer haben. Auch für Österreichs Tourismus wird es 2010 bitter, weil die Deutschen darauf reagieren, dass es ihnen schlechter geht, und sie am Urlaub sparen werden. Und irgendwann im zweiten Halbjahr wird sich auch die Geld- und Finanzpolitik von der Stimulierung der Wirtschaft verabschieden. In den 1930er-Jahren gab es übrigens auch eine Zwischenerholung, die sich als trügerisch erwies und von einer erneuten Rezession abgelöst wurde.
FORMAT: Was glauben Sie: Wann könnte die Krise ausgestanden sein?
Walter: Kritisch wird es 2011. Dann zeigt sich, ob es ein von innen getriebener Aufschwung wird. Das könnte etwas werden, wenn wir überall Glück haben und die Schwellenländer weiter schön wachsen. Indien und Brasilien scheinen richtig gut zu laufen. Am meisten überzeugt mich China. Zwar könnte in Shanghai 2010 eine Immobilienblase platzen, aber das ist ein eher lokales Problem.

Zeitbomben in Japan und Europa
FORMAT: Was ist mit Osteuropa?
Walter: Polen und Tschechien sind o. k., der Aufholprozess kann wieder beginnen. Dass Ungarn, die Ukraine und das Baltikum Probleme haben, wird den Menschen dort weh tun, aber es wird sicher nicht die ganze Region versenken.
FORMAT: Wo ticken Zeitbomben, die die Krise wieder eskalieren lassen könnten?
Walter: Die Japaner haben, gemessen am Sozialprodukt, 200 Prozent Staatsverschuldung. Wenn Japan in Richtung 300 Prozent marschiert, stellt sich die Frage: Wann schmiert der Yen ab?
FORMAT: Und in Europa? Können wir die jetzt angehäuften Schulden jemals wieder abbauen?
Walter: Bei ein bis zwei Prozent Wachstum in Europa ist das unrealistisch, bis 2012 sehe ich keine Chance für eine ernsthafte Konsolidierung. Leider werden die Staaten auf den Niveaus, auf die sie hochgebraust sind, vorerst hängen bleiben.

"Mehr Schulden gehen auf keinen Fall"
FORMAT: Sind wir 2020 deutlich unter Werten von 80 Prozent, oder hat dann schon die nächste Krise die Verschuldung weiter explodieren lassen?
Walter: Mehr Schulden gehen auf keinen Fall. Ein Land, das nominell, also inklusive Inflation, weniger als fünf Prozent wächst, muss einen Schuldenstand von unter 60 Prozent haben, sonst rutscht es immer weiter in die Krise.
FORMAT: Und kehren wir wieder zu fünf Prozent zurück?
Walter: Nein, die bekommen wir niemals wieder, vielleicht erreichen wir nominell drei Prozent.
FORMAT: Welchen Anteil hat davon die Inflation?
Walter: Knapp zwei, wir werden uns ungefähr auf dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank einpendeln. Da bleibt ein Prozent reales Wachstum übrig. Das kann nur mit 40 Prozent Staatsschulden funktionieren.
FORMAT: Zwei Prozent heißt, Sie gehen weder von Deflation noch von einer explodierenden Inflation aus?
Walter: Richtig, dafür haben wir die EZB, die ist Chef des Verfahrens. Punkt. Auch US-Notenbankchef Ben Bernanke ist nicht Alan Greenspan. Bernanke wird nicht Geld drucken, um die Staatsschulden über die Inflation zu beseitigen.

"Wachstum nur noch in Schwellenländern"
FORMAT: Das bedeutet aber auch, das Wachstum findet künftig nur noch in den Schwellenländern statt?
Walter: Ja. In der Wachau und im Rheingau bleibt es weiterhin schön. Wer aber wachsen will, muss in sehr heiße, feuchte oder auch sehr kalte Gegenden gehen. Dort müssen wir investieren und immer größere Teile unserer ökonomischen Leistung erbringen.
FORMAT: Kann Zuwanderung das Überalterungsproblem Europas mildern?
Walter: Das wird schwierig. Realistischerweise kommen für die Zuwanderung nur Länder aus Nordafrika und dem Mittleren Osten infrage, dort gibt es viele unternehmerische Talente. Andere Länder, aus denen wir längerfristig noch Zuwanderung erwarten können, existieren nicht. Mit anderen Worten: Wir werden über Minarette Antworten finden müssen. Wer das nicht will, braucht nicht über eine Lösung mittels Migration debattieren. Dann bleibt Europa ein Altenheim. Das wäre sehr schade, denn wir könnten der Welt so nicht unsere Kompetenz, gut zu leben, vermitteln und sie anregen, etwas von dem zu übernehmen, was wir in den vergangenen 200 Jahren in Europa gut gemacht haben.

Interview: Martin Kwauka, Robert Winter

Zur Person: Norbert Walter, 65, ist bis Ende des Jahres Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Er studierte Volkswirtschaft in Frankfurt und wurde 1978 Professor am Institut für Weltwirtschaft, Kiel. 1987 wechselte er in die Volkswirtschaftsabteilung der Deutschen Bank und übernahm dort 1990 die Leitung. Walter ist Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Er ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern, mit denen er sich künftig im Beratungsunternehmen Walter & Töchter Consult selbständig macht.

Lesen Sie das vollständige Interview im aktuellen Trend-Heft des FORMAT.

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