Während die Wirtschaft in der Krise steckt, befinden sich die Börsen auf Höhenflug

Während die Wirtschaft unter der ­Krise stöhnt, herrscht an den Weltbörsen längst wieder Hochstimmung. FORMAT analysiert, ob eine neue Blase droht, und gibt Tipps, wo Anleger jetzt noch einsteigen können.

Es ist schon erstaunlich: Noch im März herrschte an den Börsen eine Stimmung wie beim Weltuntergang – dafür war der Juli einer der besten Monate in der Aktiengeschichte. Insgesamt fällt die aktuelle Bilanz rund um den Globus außerordentlich positiv aus. An der New Yorker Wall Street waren seit Jahresbeginn aus Sicht eines Euroanlegers 10,7 Prozent zu verdienen, in Wien 30,5 Prozent, in Hongkong 49,2 Prozent und in São Paulo sogar 69,4 Prozent. Während die Aktionäre wieder Grund zum Jubeln haben, herrscht in der Realwirtschaft weiter Krisenstimmung: Die Arbeitslosigkeit steigt und steigt, immer mehr Unternehmen stehen vor der Pleite. Wie passt das zusammen? Ist der Höhenflug der Aktien nur eine Seifenblase – oder nimmt die Börse einfach nur die kommende Erholung der Weltwirtschaft voraus? Diese Fragen werden derzeit auch unter Investoren heiß diskutiert. FORMAT analysiert, welche volkswirtschaftlichen Indikatoren für ein Ende der Krise und für einen weiteren Anstieg der Kurse sprechen, und zeigt auf, wo die Risiken liegen, dass Wirtschaft und Aktienkurse einen ­neuerlichen Rückfall erleiden.

Die positiven Zeichen mehren sich  
Tatsächlich gibt es für Optimisten eine ziemliche Häufung an guten Nachrichten. Der von der US-Investmentbank Goldman Sachs erstellte Sammelindex der globalen Vorlaufindikatoren zeigt eine rekordverdächtige Erholung an ( Arbeitslosenraten , BIP , Euroland-Exporte ). Inzwischen schlagen sich die weltweit geschnürten Milliardenpakete zur Stabilisierung bereits in den Zahlen nieder. So wird die deutsche Wirtschaft nach neuesten Schätzungen der UniCredit im laufenden 3. Quartal nach einer längeren Durststrecke wieder um ein Prozent gegenüber dem Vorquartal wachsen. Für die USA werden sogar 3,8 Prozent Plus prognostiziert. Und Asien, allen voran China, entwickelt sich immer mehr zur Lokomotive der Weltwirtschaft. Anfang der Woche erhöhte Goldman Sachs die Schätzung für das heurige Wachstum in China von bisher 8,3 auf 9,4 Prozent. 2010 ist eine weitere Beschleunigung auf 11,9 Prozent in Sicht. Das chinesische Wirtschaftswunder strahlt bis nach Europa aus. Die Exporte aus der Eurozone in das Reich der Mitte legten seit dem Tiefpunkt am Jahresanfang bereits wieder um 40 Prozent zu. Als Ende der vergangenen Woche auch die US-Arbeitslosenrate zum ersten Mal seit April 2008 zurückging, sah US-Präsident Barack Obama bereits das Ende der Krise in Reichweite: „Das Schlimmste ist vorbei.“

V oder W  
Das heißt aber noch lange nicht, dass alles wieder eitel Sonnenschein ist. Viele Ökonomen glauben nicht, dass sich die Konjunktur wie in einer V-Formation ohne Pause erholt. Schon geht die Angst vor einem W-förmigen Szenario, auch Double Dip genannt, um. So kam es schon beim Ölpreisschock Anfang der 80er-Jahre zu einem Zwischenhoch im Jahr 1981, dem 1982 ein Rückfall in die Rezession folgte. Erst 1983 ging es dann nachhaltig bergauf. Jetzt könnte es zu ­einer ähnlichen Entwicklung kommen, wenn die Konjunkturprogramme auslaufen, ohne dass der private Konsum wieder anspringt. Monika Rosen, Chefanalystin der UniCredit Privatbank: „Die weitere Entwicklung des Arbeitsmarktes wird eine entscheidende Rolle spielen“ ( Interview Monika Rosen ). Zumindest in Europa ist mit einer weiteren Verschlechterung zu rechnen. Ers­tens werden viele, die jetzt noch auf Kurzarbeit sind, bei weiterhin flauer Nachfrage früher oder später gekündigt werden. Zweitens wächst mit jeder neuen Insolvenz das Heer der Arbeitslosen in der Euro­zone. So rechnet die EU-Kommis­sion, dass der Anteil der Menschen ohne Job von derzeit 9,4 auf 11,5 Prozent im kommenden Jahr steigt. Rosen: „Wenn Menschen aus Angst um ihre Arbeit weniger konsumieren, wirkt sich das schlecht auf die Wirschaft aus. Ein längerfristiger Aufschwung kann aber nur durch den Privatkonsum getragen werden.“

Schlaglöcher voraus
Angesichts der ­hohen Kursgewinne der vergangenen Monate könnten unerwartet schlechte Nachrichten zu Kurskorrekturen führen. Den Schwellenland-Experten Mark Mobius, unter anderem verantwortlich für den Aktien­fonds Templeton Asian Growth, würden nach Gewinnen von bis zu 70 Prozent sogar Rückschläge von 20 oder 30 Prozent nicht überraschen. Trotzdem bleibt er für die Schwellen­länder lang­fris­tig optimistisch. Allerdings finden angesagte Börsenkorrekturen meist nicht statt. Gegen einen massiven Rückschlag spricht, dass nicht nur Privatanleger, sondern auch Großinves­toren wie Versicherer und Pensionskassen den Aufschwung in Aktien weitgehend verschlafen haben. Viele Investoren stehen an der Seitenlinie, um bei einer Korrektur sofort billig nachzukaufen. Alois Wögerbauer, 3-Banken-Generali-Investmentchef: „Anleger sollten sich allerdings von der Illusion lösen, noch einmal so tiefe Aktien­kurse wie im März zu sehen.“ Wöger­bauer rät generell dazu, erst dann einzusteigen, wenn die Kurse 10 bis 15 Prozent korrigiert haben: „Der Anstieg geht mir eine Spur zu schnell.“

Verblüffende Studie
Zu lange warten könnte sich allerdings rächen. Laut einer aktuellen Studie der US-Investmentbank Morgan Stanley dürfte nämlich die Erholung der Kurse noch länger andauern. Eine Analyse von 19 vergangenen Bärenmärkten zeigte, dass die Verluste im Schnitt 56 Prozent betrugen. Danach folgte eine Erholungs-Rally von durchschnittlich 70 Prozent ( Grafik: Bärenmarkt-Analyse ). Verblüffend: Von Juni 2007 bis März 2009 gab es an Europas Börsen mit 57 Prozent Minus einen Absturz, der praktisch genau dem analysierten Muster glich. Beim Wiederanstieg wäre aber noch ­einiger Platz nach oben. Morgan-Stanley-Analyst Teun Draaisma: „Derzeit hätten wir mit 42 Prozent Plus erst gut die Hälfte der Rally hinter uns.“ Er hat erhoben, wie die Hausse wieder endet: Ein typi­scher Auslöser ist ein Wiederanstieg der Notenbankzinsen. Davon seien wir aber noch meilenweit entfernt, Morgan Stanley erwartet eine US-Zinserhöhung erst im dritten Quartal 2010. Und laut Morgan Stanley werden Anleger, die zu lange warten, kräftig bestraft. Am Ende der Erholungsphase setzt typischerweise eine Korrektur um 25 Prozent ein. Anschließend kann es zu einem jahrelangen orientierungslosen Auf und Ab kommen, bei dem unter dem Strich nichts zu verdienen ist. Fazit: Wenn Anleger jetzt lieber noch abwarten, sollte man zumindest eine klare­ Strategie parat haben und über­legen, auf welche Kaufgelegenheiten man warten will.

Suche nach konservativen Werten  
Eine relativ sichere Möglichkeit, derzeit noch zu investieren, ist der Kauf von Aktien, an denen bisher der Börsenboom vorbeigelaufen ist. Ein Beispiel ist der Stromversorger Verbund, ein Kauftipp von Gerhard Rehor, Vorstand der RLB NÖ-Wien: „Spätestens dann, wenn andere Stromerzeuger wieder mit steigenden Rohölpreisen zu kämpfen haben, dürfte der Verbund deutliche Wettbewerbsvorteile haben.“
Der Verbund ist übrigens auch Favorit von 3-Banken-Fondschef Wögerbauer. Ebenfalls auf seiner Kaufliste steht die ­Immobilienaktie conwert: „Beide Unternehmen bieten einen gewissen Schutz ­gegen einen Wiederanstieg der Inflation, weil sie Preisanstiege an ihre Kunden relativ problemlos weitergeben können.“ Angesichts des kräftigen Anstiegs der Wiener Börse rät Alfred Reisenberger, Chefanalyst für Österreich des französischen Brokers Cheuvreux, ebenfalls zur sorgfältigen Selektion: „Banken sind bereits sehr hoch bewertet.“ Die voestalpine, die er im Frühjahr bei niedrigen Kursen empfohlen hat, sieht er jetzt als Kandida­ten für Gewinnmitnahmen. Reisenberger gefällt neben conwert noch Andritz: „Der Maschinenbauer ist gut gemanagt und hat keine Schulden.“ Auf Gewinner der Krise setzt Michael Sieghart, aus Wien stammender Manager des DWS Invest European Equities: „Im Investmentbanking sind wesentlich weniger Spieler übriggeblieben. Sie verdienen jetzt mangels Konkurrenz dementsprechend viel. Interessant sind Titel wie Credit Suisse, Deutsche Bank und HSBC. Die HSBC ist zum Beispiel jetzt bei Handelsfinanzierungen in Asien fast ein Mono­polist.“

Fonds von aggressiv bis krisenfest  
Wer sich die Mühe der Einzeltitelselektion erspart, konnte heuer auch mit Fonds sehr viel Geld verdienen – vor allem in exotischen Gefilden ( Fonds im Überblick ). Manche Produkte wie der Henderson China oder der Pioneer Russia Stock haben sich seit Jahresbeginn schon ver­doppelt. Auf diesem Niveau sollte man nur noch mit Vorsicht und einem längeren Investmenthorizont von ein paar Jahren einsteigen. Dann sind die Chancen auf weitere spektakuläre Gewinne weiterhin intakt. Für ein breiter gestreutes Asien-Engage­ment sind der Templeton Asian Growth und der Volksbank-Pacific-Invest erste Wahl. Der Unterschied: Volksbank-Fondsmanager Ulrich Baumann hält im Gegensatz zum Templeton-Produkt auch Japan-Aktien im Portfolio. Ähnlich wie Templeton-Legende Mobius ist Baumann momentan ebenfalls zurückhaltend: „Es wird immer schwerer, noch attraktive Titel zu finden. Da muss sich die Wirtschaft schon sehr toll weiterentwickeln, dass manche Kurse noch gerechtfertigt sind.“ Baumann hält deshalb jetzt zur Vorsicht mit 10 Prozent Cash relativ viel Bargeld: „Interessant sind aber noch die asiatischen Telekomunternehmen, allen voran China Mobile. Das ist ein echter Blue Chip in China, der aber praktisch heuer nicht vom Fleck gekommen ist. Dabei verläuft das Geschäft stabil, und die Dividende ist überdurchschnittlich hoch.“

Timing gut erwischt  
Ein Allwetter-schutz ist der C-Quadrat Arts Total Return AMI. Dachfondsmanager Leo Willert variiert die Aktienfondsquote nach einem Computermodell zwischen null und 100 Prozent. Willert: „Im Vorjahr hatten wir im Mittel nur 20 Prozent in Aktien.“ Zwar hat sein Trendmodell heuer erst mit einigen Wochen Verzögerung den Wiedereinstieg signalisiert – dann aber auch die richtigen Fonds mit überdurchschnittlichen Renditen angezeigt. Zwischenbilanz 2009: Der Fonds liegt mit 16,5 Prozent höher im Plus als der Weltaktienindex MSCI mit 12,7 Prozent.

Von Martin Kwauka, Carolina Burger, Ingrid Krawarik

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