Verrückte Börse: Austro-Blue-Chip Verbund ist sechs Mal so wertvoll wie General Motors

An den Aktienmärkten bleibt kein Stein auf dem anderen. Durch den Crash gibt es globale Giganten heute zu ­Spottpreisen. FORMAT zeigt die neue Weltordnung.

Einst war er der umsatzstärkste Konzern der Welt. Heute ist er an der Börse für schlappe 1,7 Milliarden Euro zu haben. Die Rede ist von General Motors (GM). Der Autogigant gleicht in puncto Marktkapitalisierung nur mehr einer alten Rostlaube. Von dem im Juli 2007 noch vorhandenen Börsenwert von 15,8 Milliarden gingen 89 Prozent verloren, jetzt droht GM sogar die Insolvenz.

Volkswagen: Plus 149 Prozent
Die Ironie an der Sache: Im gleichen Zeitraum heimste Volkswagen im Übernahmepoker ein Plus von 149 Prozent ein und ist im Euro-Stoxx-50-Index mit einer Marktkapitalisierung von 101,7 Milliarden Euro nun an der Spitze. Kleine Pointe am Rande: Der deutsche Autobauer ist nun etwa genauso viel wert wie die gesamte Wirtschaftsleistung Ungarns.
Durch die massiven Verluste gibt es auch komplette Börsen zu Spottpreisen.

Mehr als Vertrauensverlust
Der ATX Prime, der alle wichtigen heimischen Unternehmen enthält, kommt mit einem Wert von 46 Milliarden Euro nicht einmal mehr an den Börsenwert von McDonald’s heran. Der wertvollste Austro-Blue-Chip, der Verbund, ist dafür mit 10,1 Milliarden Euro so teuer, dass man davon die gesamten GM-Aktien gleich sechsmal kaufen könnte. Es ist eine verrückte und verkehrte Welt, die sich Anlegern und Börsianern täglich mit immer neuen unglaublichen Szenarien eröffnet. „Die ganze Finanzwelt ist derzeit sprachlos, weil weit mehr als Vertrauensverlust im Gange ist. Es herrscht Skepsis, ob sich die Werte überhaupt noch heben lassen“, analysiert Meinl-Bank-Aktienchef Wolfgang Matejka.

Unternehmen unter Eigenkapital
Richtig billig kann man derzeit am Wiener Aktienmarkt auf Einkaufstour gehen. 34 der 58 Titel des ATX-Prime-Marktes notieren nämlich inzwischen unter Buchwert, also unter ihrem Eigenkapital. So müsste man für die niederösterreichische EVN aktuell nur 40 Prozent ihres tatsächlichen Wertes hinblättern. Die Börsenkapitalisierung der EVN liegt bei 1,68 Milliarden Euro – davon entfallen jedoch 1,3 Milliarden Euro auf Anteile an der Verbundgesellschaft. Zieht man diesen Anteil ab, so bekommt man die EVN schon für 377 Millionen Euro. Ein wahres Schnäppchen, beträgt doch das Eigenkapital des Energieanbieters 2,8 Milliarden. So gesehen könnte man General Motors vielleicht schon im Austausch für ein einziges großes Verbundkraftwerk, etwa das Speicherkraftwerk Maltatal, erwerben.

Groteske OMV-Situation
Ebenfalls grotesk ist der Fall der OMV. Der österreichische Öl-, Gas- und Chemiekonzern hat bis September mehr verdient als im gesamten vergangenen Jahr. Meinl-Fondsmanager Matejka: „Die OMV-Manager müssen aufpassen, dass man sie nicht öffentlich beim Feixen erwischt, so gut geht es denen. Das Makabere ist aber, dass es die OMV an der Börse trotzdem schon zum halben Buchwert gibt.“ Im Juli 2007 noch 15 Milliarden Euro wert, grundeln die OMV-Aktien nämlich nur noch bei 5,5 Milliarden herum. Noch schlimmer geht es ­derzeit der Erste Group, dem einstigen Spitzenreiter des ATX, die 77,7 Prozent an Wert verlor. Raiffeisen International sitzt mit einem Minus von 85 Prozent im selben Boot.

ATX-Primewerte im Cent-Bereich
Fünf Titel des ATX Prime, darunter Immofinanz und Immoeast, werden nur noch als Eurocent-Werte, also als Pennystocks gehandelt. Die Immofinanz ist mit 193 Millionen Euro nur noch ein schaler Abglanz des einstigen Immoriesen, der noch vor kurzem milliardenschwere Kapitalerhöhungen vornahm. Mit Vorsicht zu genießen ist da wohl die Beratung eines AWD-Kundenbetreuers, der vor ein paar Tagen seinen Kunden versicherte: „Das wird schon wieder.“ Den Kurs der Immofinanz-Aktie von derzeit 41 Cent sieht ­dieser Berater nämlich in fünf bis sechs Jahren wieder dort, wo er schon einmal war, also bei 12,54 Euro – das entspräche einem Kurssprung um 3.000 Prozent.

Platzwechsel im Ranking
In den Listen der wertvollsten Unternehmen fand in den vergangenen Monaten ein beispielloser Umbruch statt. Die Banken, die noch vor kurzem dominierten, finden sich nur noch unter ferner liefen. So kostet die niederländische ING-Gruppe statt 73 Milliarden im Sommer 2007 nur noch elf Milliarden Euro. Die einst weltweit größte Bank, die amerikanische Citigroup, gibt es noch billiger: Aktuell hat sie an der Wall Street trotz eines Kurssprungs von 60 Prozent am vergan­genen Montag eine Marktkapitalisierung von 25,7 Milliarden Euro.

Börse denkt nicht nur in Branchen
Dass die Börse jedoch nicht allein in Branchen denkt, zeigt die rasante Aufholjagd von GDF Suez. Der französische ­Energiekonzern konnte seit Juli letzten Jahres, als die Kreditkrise langsam, aber spürbar ihren Anfang nahm, seinen Börsenwert um 90 Prozent steigern und hat nun Platz drei Platz am EuroStoxx-Podest eingenommen. Energieriese E.On gab dafür 44 Prozent nach und konnte sich nur knapp in den Top 10 der Euroland-Aktien halten. Übrigens: Die größten zehn EuroStoxx-Unternehmen verloren im Schnitt nur 1,3 Prozent, vor allem wegen VW und GDF Suez.

Wertvollstes Unternehmen der Welt
In ganz anderen Sphären schwebt ­ExxonMobil. Mit einem Wert von 305 Milliarden Euro ist es derzeit das mit weitem Abstand wertvollste Unternehmen der Welt. Deshalb sollte wohl nicht der Verbund, ­sondern besser Exxon den Insolvenzkandidaten General Motors kaufen, schließlich müssen sie sich ja die Ölverbraucher von morgen sichern.

Von Ingrid Krawarik

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