Tristesse an der Wiener Börse

Tristesse an der Wiener Börse

Am 9. Juli 2007 wurde die Geschichte der heimischen Börse um ein ruhmreiches Kapitel ergänzt. Damals knackte der Wiener Leitindex ATX im Tagesverlauf die psychologisch wichtige Marke von 5.000 Punkten. Danach war aber weitgehend Schluss mit lustig.

Heute, mehr als fünf Jahre später, notiert der Index immer noch rund 60 Prozent tiefer. Während deutsche und amerikanische Aktien seit August 2009 wieder deutlich zulegten, schrieb der ATX weiter rote Zahlen. Nun stehen Anleger vor den Fragen, warum die Wiener Börse im internationalen Vergleich zum Nachzügler wurde und bei welchen Konzernen das Prinzip Hoffnung für Chancen auf Kursgewinne noch gilt.

Manfred Zourek, Fondsmanager des Österreich-Aktien-Fonds Espa Stock Vienna: "Der deutsche DAX-Index ist wegen seiner internationalen Konzerne mit globalen Geschäften im Vorteil. Deutsche Aktien sind bei Großanlegern, Pensionskassen und Versicherungen gefragter als der österreichische Kapitalmarkt mit der hohen Indexgewichtung einzelner Unternehmen.“ Eine zentrale Ursache dafür, dass Österreichs Börse unter "ferner liefen“ rangiert, ist die weiterhin schwache Gewinnentwicklung der wichtigsten österreichischen Börsenkonzerne. So verdiente die Erste Group im Jahr 2007 noch 3,77 Euro pro Aktie, heuer erwarten die Analysten nur noch 1,61 Euro.

Rekorde außer Reichweite

Wall-Street-Aktien haben dagegen die Rückschläge längst verdaut, bereits Mitte 2011 stiegen die Konzerngewinne auf das Vorkrisenniveau, um bis jetzt noch weiter anzusteigen. Zwar stellte sich auch bei ATX-Aktien ab Anfang 2010 eine Trendwende ein. Dennoch bleiben die Rekordgewinne von einst in weiter Ferne.

Hauptverantwortlich ist die hohe Index-Gewichtung der Bankaktien von Erste Group und Raiffeisen International sowie des Erdölkonzerns OMV, die alle unter kräftigem Gewinnschwund leiden. Die drei Aktien repräsentierten Anfang Juli 2007 rund 46 Prozent der Marktkapitalisierung des Wiener Leitindex, aktuell beträgt der Anteil nur noch rund ein Drittel.

Weil die Gewinne wegbrachen, sind heimische Aktien, gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 16,7 auf Basis der tatsächlichen Gewinne der vergangenen vier Quartale, sogar leicht teurer als beim ATX-Rekord im Jahr 2007. Das heißt: Die Gewinne sind sogar noch weiter gefallen als die Kurse! Nur auf dem Höhepunkt des Konjunktur- und Gewinneinbruchs im Jahr 2009 war das ATX-KGV deutlich höher als jetzt.

Auch im direkten Vergleich zum DAX-Index, der trotz kräftiger Kursgewinne aktuell ein KGV von 13,6 aufweist, oder zum S&P 500 mit einem KGV von 14,3 sind heimische Aktien teuer. Birgit Kuras, Vorstand der Wiener Börse, sieht aber auch Lichtblicke: "Gemessen am Kurs-Buchwert-Verhältnis von unter eins, sind ATX-Aktien durchaus günstig bewertet“ (siehe Interview ).

Wolfgang Matejka von Matejka & Partner pflichtet der Börse-Chefin in diesem Punkt bei, hält aber die Gewinnentwicklung für einen echten Schwachpunkt: "Die Börsenkonzerne müssen es schaffen, ihre Gewinne kontinuierlich zu steigern. Das Wachstum muss höher sein als der risikolose Zins, weil sonst kein Anlegerinteresse zu wecken ist.“

Stichwort Wachstum: Bei der Profitentwicklung sticht der steirische Anlagenbauer Andritz hervor, der seit dem Jahr 2007 den Gewinn je Aktie kontinuierlich steigern konnte. Das trifft mit Abstrichen etwa auch auf den Kartonhersteller Mayr-Melnhof und die Österreichische Post zu (siehe Tabelle ).

Günther Schmitt, Fondsmanager des Raiffeisen-Österreich-Aktien: "Andritz und auch Schoeller-Bleckmann gehören ohne Zweifel zu jenen, die in den vergangenen Jahren vieles richtig gemacht haben. Leider bin ich nicht der Einzige, der das so sieht, weshalb die Bewertung der Aktien bereits recht hoch ist.“

Ausgesprochen tief ist dagegen das KGV der OMV mit einem Wert von unter acht - aber das hat Gründe. Fondsmanager Schmitt: "Bei der OMV drückt die schwache Akquisitionspolitik auf die Performance. Bei großen Deals ist der im internationalen Vergleich kleine Konzern nicht als Erster dabei, bei der Exploration sind Mitbewerber einfach besser.“ Dagegen gibt es auch Unternehmen, deren Auslandsgeschäft floriert. Geldverwalter Matejka: "Dazu zählen Mayr-Melnhof oder Semperit. Viele andere wie der Verbund zahlen dagegen bei ihren internationalen Engagements nur ein.“

Verpuffte Ostfantasie

Jahrelang waren die Kurse von Wiener Aktien beflügelt, weil Austro-Konzerne ihre Fühler nach Osteuropa ausgestreckt hatten. Seit der Finanzkrise hat sich die Euphorie ins Gegenteil verkehrt. Fondsmanager Zourek: "Das Motto lautet abwarten. Langfristig wird sich das Osteuropa-Engagement wieder lohnen.“ Börse-Chefin Kuras: "Schon heuer liegt das Wirtschaftswachstum in Osteuropa höher als in Westeuropa.“

Klar ist, dass auch die Politik gefordert ist. Fondsmanager Zourek: "Es wird einfach zu wenig gemacht, um den Standort Österreich für internationale Anleger attraktiv zu machen. Steuererhöhungen und die Einführung neuer Abgaben sind kontraproduktiv.“ Wenn dagegen das Klima dreht, könnten neue Börsengänge dem Wiener Parkett wieder Leben einhauchen. Bis dahin bleibt zumindest das Prinzip Hoffnung auf höhere Gewinne bei denjenigen Börsenschwergewichten, die den Index in den Keller gebracht haben.

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