"Tiefe Zinsen sind die perfekte Lösung für Staaten für ihr Schuldenproblem“

Wiener-Städtische-General Robert Lasshofer und Erste-Bank-Vorstand Peter Bosek über eine lange Periode von Niedrigzinsen, Anlagestrategien in stark schwankenden Märkten und das Problem hoher Spesen.

FORMAT: Die Anleger hatten es noch nie so schwer wie jetzt. Die extrem tiefen Zinsen decken nicht einmal die Inflation ab. Wo bleiben noch Perspektiven für nachhaltig attraktive Renditen?

Bosek: Seit dem Jahr 2008 hat sich die Veranlagungswelt komplett gewandelt. Davor wollten Kunden ihr Vermögen durch die Veranlagung vermehren. Die Zeiten, als wir deutlich mehr als die Inflation verdienen konnten, sind vorbei. Heute gilt es schon als tolles Ergebnis, wenn man ein bisschen mehr als die Inflation bekommt. Negative Realzinsen sind voraussichtlich die perfekte Lösung für Staaten, sich zu entschulden. Es ist zwar eine Form der Enteignung, aber gestreckt über viele Jahre spüren es die Bürger nicht direkt.

FORMAT: Wie lange kann das dauern?

Bosek: Wir haben schon eine Periode negativer Realzinsen zwischen 1950 und 1980 erlebt. Jetzt haben wir zwei derartige Jahre hinter uns. Ich glaube, dass wir ein solches Szenario wieder ziemlich lange erleben werden.

FORMAT: Welche Lösung bieten Sie in dieser unerfreulichen Situation?

Bosek: Wir sind gefordert, den Menschen diese Situation klar aufzuzeigen. Das heißt zum Beispiel: Ein großer Bestand am Sparbuch ist tendenziell vermögensmindernd. Natürlich wird man trotzdem ein Sparbuch als Reserve benötigen, etwa für unerwartete Ausgaben.

FORMAT: Viele börsennotierte Unternehmen zahlen Dividenden, die deutlich über der Inflation liegen. Trotzdem werden kaum Aktien gekauft, weil die Börsen so volatil sind. Sehen Sie Anzeichen für ein ruhigeres Fahrwasser?

Bosek: Die Börsen werden weiter stark schwanken. Anlegern bleibt die Möglichkeit, die Veranlagung selbst in die Hand zu nehmen. Nach meiner Erfahrung können und wollen das aber nur ein bis zwei Prozent der Kunden. Oder man geht in gemanagte Produkte. Auf der Wertpapierseite geht der Trend klar in die Richtung, verschiedene Anlageklassen in einem Fonds zu vereinen.

FORMAT: Solche Vermögensverwaltungsprodukte wie etwa der erfolgreiche Mischfonds Carmignac Patrimoine werden aber von österreichischen Banken kaum angeboten. Stattdessen dominieren immer noch eigene Mischfonds, bei denen ziemlich starr eine vorgegebene Aufteilung von Aktien und Anleihen eingehalten wird. Wann ändert sich das?

Bosek: Das Problem bei den Mischfonds alten Stils ist, dass Anleger immer in Aktien investiert sind, weil die Fondsbestimmungen zum Beispiel eine Mindestquote von 50 Prozent vorschreiben. Bei uns gibt es aber durchaus schon breit gestreute Balanced-Fonds, die nach einem Total-Return-Ansatz versuchen, das Vermögen flexibel umzuschichten, um gleichmäßige Erträge zu erzielen. Der Espa Select Bond streut zum Beispiel breit auf verschiedene Anleihensegmente. Das Espa-Portfolio Balanced 30 mischt auch Aktien bei. Derartige Vermögensverwaltungen für den kleinen Mann sind momentan am vernünftigsten.

FORMAT: Mit Aktien von Industriestaaten hat man in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt ein Prozent verloren, mit Schwellenländern sieben Prozent per annum gewonnen. Warum liegen noch immer über 95 Prozent des Vermögens in alten Märkten?

Bosek: Wenn man die Sparanlagen mitrechnet, liegt der Anteil wohl noch höher. Im Wertpapiergeschäft wird aber zunehmend versucht, das gesamte globale Anlageuniversum zu nutzen. Schließlich drängt sich angesichts der Schuldenkrise die Frage auf, wo eigentlich heute die Entwicklungsländer liegen?

Lasshofer: Wir haben in der Veranlagung in unserem klassischen Deckungsstock begonnen, verstärkt in Länder mit hohem Wachstum und einer jungen Bevölkerung zu investieren.

FORMAT: Ein generelles Problem sind die hohen Kosten der Produkte. Sowohl bei Fonds als auch bei Lebensversicherungen liegen die Spesen auf dem Niveau von vor zehn oder 20 Jahren, als mit konservativen Methoden problemlos Renditen von sieben Prozent und mehr erzielt wurden. Was macht es für einen Sinn, mit sicheren Staatsanleihen zwei Prozent zu verdienen, wenn dann noch ein beträchtlicher Teil davon von den Kosten aufgefressen wird?

Bosek: Die Fondsindustrie muss mehr für die Spesen leisten als bisher, zum Beispiel flexibler auf das Marktumfeld reagieren, um hohe Verluste zu vermeiden. Bei Fonds, die einfach nur einen Index nachbilden, müssen sich die Spesen nach unten entwickeln, weil der Kunde nicht mehr bereit ist, dafür zu zahlen. Das sieht man schon jetzt am Wachstum der spesengünstigen ETF-Fonds wie etwa von iShares.

FORMAT: Bei Lebensversicherungen kommt erschwerend dazu, dass die Provisionen, meist mehr als eine Jahresprämie, in der Anfangsphase für die gesamte Laufzeit anfallen. Das dämpft nicht nur die Rendite, sondern auch das Interesse der Vermittler, ihre Kunden auch nach dem Abschluss zu betreuen.

Lasshofer: Die Frage nach den Kosten ist berechtigt. Manchmal wird ein Abschluss gemacht, aber der Kunde nicht über die Jahrzehnte begleitet. Natürlich kann man über laufende Provisionen bei Lebensversicherungen nachdenken. Die Frage ist, ob das wirklich billiger wird.

FORMAT: Tatsache ist, dass Besitzer einer klassischen 20-jährigen Er- und Ablebensversicherung angesichts der rückläufigen Gewinnbeteiligung 15 Jahre warten müssen, bis das Guthaben endlich höher ist als die Summe aller Prämien.

Lasshofer: Eher in 12 bis 13 Jahren.

FORMAT: Dann ist vielleicht der nominelle Gleichstand erreicht, aber die Inflation ist noch nicht abgedeckt. Muss nicht ein Kunde heute schon froh sein, wenn am Ende die Kaufkraft der Prämien erhalten bleibt?

Lasshofer: Ich gebe zu, dass die vergangenen zwei Jahre schwierig geworden sind. Über 20 Jahre hinweg wurde aber eine Realverzinsung von ein bis zwei Prozent erreicht.

FORMAT: Macht es Sinn, Stundenhonorare statt Produktspesen zu verrechnen?

Bosek: Das wirkliche Problem im gesamten Finanzbereich ist, dass die Provision ins Produkt verpackt wird. Ein Stundenhonorar für die Beratung wäre das Fairste. Anschließend würden spesenfreie Produkte ausgewählt und allenfalls externe Börsengebühren gezahlt. Leider ist kein Mensch bereit, für die Beratung an sich zu zahlen. Versuche deutscher Banken, Honorare zu verlangen, sind gescheitert.

Lasshofer: In Dänemark und Finnland wurde beim unabhängigen Versicherungsvertrieb versucht, Honorare statt Provisionen zu verlangen. Das Vorhaben ist gescheitert. Viele Kunden waren nicht bereit, für den Beratungsaufwand zu zahlen, außerdem wurden für weniger attraktive Kundengruppen oft gar keine Produkte mehr angeboten.

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