Nobelpreisträger W. Sharpe über Lehren aus der Finanzkrise

Nobelpreisträger William Sharpe skizziert im FORMAT-Gespräch, welche Lehren Finanzindustrie, Politiker und Anleger aus der Krise ziehen müssen.

FORMAT: In der Finanzkrise haben sich nahezu alle Anlageinstrumente völlig anders entwickelt, als Experten prognostizierten. Kann man die bewährten Gesetze zur Vermögensstreuung über Bord werfen?

Sharpe: Es ist verrückt, Erträge und Wahrscheinlichkeiten für deren Eintritt aus der Vergangenheit zu übernehmen, um damit Vorhersagen für die Zukunft zu machen. Die Welt hat sich verändert und wird sich weiter wandeln. An den Finanzmärkten kann weiterhin Außerordentliches passieren.

FORMAT: Sie erhielten 1990 gemeinsam mit Harry Markowitz und Merton Miller den Wirtschaftsnobelpreis und befassten sich jahrzehntelang mit dem Verhältnis von Ertrag und Risiko von Wertpapieren. Hat sich das von Ihnen kreierte Konstrukt als falsch erwiesen?

Sharpe: Weder mein Mitstreiter Harry Markowitz noch ich haben jemals behauptet, in die Zukunft schauen zu können. Ich führe schon sehr lange den Kreuzzug dafür, dass Portfolio-Optimierung auf persönlicher Ebene mit der Lage an den Finanzmärkten abzustimmen ist. Wegen der Dynamik sind die Wahrscheinlichkeiten möglicher Ergebnisse ständig anzupassen.

FORMAT: Warum haben viele Kundendepots die in der Krise gemachten Verluste noch nicht aufgeholt, obwohl die Börsenkurse von März 2009 bis zum Frühjahr 2011 extrem stark angestiegen sind?

Sharpe: Der Herdentrieb der Finanzindustrie verstärkt die Irritationen an den Märkten. Dieses Phänomen lässt sich nicht beseitigen. Ich würde es jedenfalls sehr begrüßen, wenn es eine Einrichtung geben würde, die Finanzprodukte auf ihre Tauglichkeit für unterschiedliche Anlegerschichten neutral wie bei einem Elchtest überprüft. Das sollte genau so laufen wie in der Autoindustrie: Da gibt es ausgiebige Tests neuer Modelle. Was bei der Geldanlage weitgehend fehlt, sind Informationsdienste, die nur das Interesse haben, einzig und allein den Endverbrauchern sinnvolle, unabhängige Informationen zu liefern.

FORMAT: Viele Anbieter scheiterten trotz großen EDV-Einsatzes. Wo lagen die Probleme in der Praxis?

Sharpe: Unternehmen der Finanzindustrie haben ihre Rechner mit allen verfügbaren Informationen gefüttert und Modelle entwickelt, um die vermeintlich beste Verteilung des investierten Geldes auf die unterschiedlichen Anlageklassen zu ermitteln. Wie sich nun zeigt, waren die Modelle in den meisten Fällen einfach viel zu simpel. Sie funktionierten in den fürchterlichen 16 Monaten der Finanzkrise von Herbst 2007 bis März 2009 nicht. Vielleicht hat einer oder haben drei von 10.000 Anlageansätzen Erfolg gebracht. Das Gesamtergebnis ist dennoch ernüchternd.

FORMAT: Was halten Sie von Investmentbanken? Kann man deren Aussagen noch vertrauen?

Sharpe: Ich glaube nicht, dass Investmentbanker schlechtere Menschen sind als Gebrauchtwagenverkäufer. Die wahren Experten, die wissen, wie Menschen zu Geldgeschäften zu bewegen sind, sind die Marketingexperten der Investmentbanken.

FORMAT: Sind Anleger also nur die Opfer der bösen Banken?

Sharpe: Alle Beteiligten an den Finanzmärkten sind Teil des Problems. Es werden immer wieder gute Leistungen und hohe Erträge, die Anlageprodukte in der Vergangenheit erzielten, ins Rampenlicht gerückt. Es werden zu sehr einzelne Anlageideen propagiert. Das reicht von Investments in Schwellenländer bis zum Kauf von Gold. Das Rezept funktioniert gut, weil Menschen möglichst viel Ertrag wollen, ohne dafür etwas aufs Spiel zu setzen. Es gelingt aber nur selten, zu Geld zu kommen, ohne zu arbeiten. Deshalb ist der Appetit auf Spekulationen unheimlich groß. Ganz zur Freude der Finanzindustrie.

FORMAT: Worauf sollten Investoren jedenfalls achten?

Sharpe: Man muss bei der Geldanlage besonders skeptisch sein. Auf dem Weg zu mehr Skepsis hat die Finanzkrise bereits geholfen. Viele Anleger glauben nun bei neu lancierten Finanzprodukten, die als Wundermittel angepriesen werden, nicht mehr, dass damit alle Geldsorgen im Handumdrehen zu lösen sind.

FORMAT: Wie soll man das Wertpapierdepot jetzt richtig positionieren?

Sharpe: Im Gegensatz zur Finanzindustrie gebe ich dazu keine Prognosen ab.

FORMAT: Sehen Sie die Chance, dass Investoren und die maßgeblichen Spieler an den Finanzmärkten aus den aktuellen Problemen nachhaltig lernen?

Sharpe: Ich halte das aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen für sehr schwierig. Das liegt auch daran, dass die Treffgenauigkeit von Prognosen schlecht ist. Das wird schon an Wetterprognosen deutlich. Man vertraut den Vorhersagen, obwohl es oft nicht einmal gelingt, Schlecht- oder Schönwetter vorherzusagen. Leute wollen mit Sicherheit wissen, ob die Börsen steigen und ob sich die Finanzmärkte gut entwickeln werden. Sie wollen eine exakte Antwort darauf, ob der Staat Griechenland in die Pleite schlittert. Oder ob die europäische Einheitswährung überlebt. Wer auf diese Fragen eine Antwort gibt, die zum Beispiel mit einer Wahrscheinlichkeit von 38,7 Prozent eintreten kann, wird nicht für voll genommen. Menschen wollen klare Antworten, die es aber nicht gibt.

FORMAT: Amerika hat Probleme mit explodierenden Staatsschulden, Europa stöhnt unter der Schulden- und Eurokrise, Nordafrika ist ein Krisenherd. Gibt es eine Chance für Veränderung? Ist die Politik gescheitert?

Sharpe: Ich habe einen großen Teil meines Lebens versucht, Menschen zu bewegen, in Wahrscheinlichkeiten zu denken. Leider sind wir nicht besonders clever darin. Ich empfehle, realistische Vorhersagen zu treffen und sich daran zu halten. Es geht nicht darum, einem gewünschten Zukunftsszenario anzuhängen, sondern viele Möglichkeiten zu berücksichtigen. Die rasante Entwicklung der Finanzwirtschaft hat mich angestachelt, Unsicherheiten zu berücksichtigen. Im Gegensatz dazu gibt es in politischen Kreisen die Tendenz, nur einem Szenario zu folgen. Die tatsächlichen Entwicklungen zeigen aber, dass es sehr viele Spielarten gibt.

Interview: Robert Winter

Zur Person: William Forsyth Sharpe, 77, wurde 1990 gemeinsam mit Harry Markowitz und Merton Miller der Wirtschaftsnobelpreis verliehen. Sharpe gilt als Mitbegründer des Capital Asset Pricing Model. Der Experte fungierte von 1961 bis 1968 an der University of Washington, danach bis 1989 an der Stanford University als Professor. Er entwickelte mit der Sharpe-Ratio eine Kombi-Kennzahl, die sowohl das Risiko als auch den Ertrag einer Geldanlage abbildet.

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