Nach drei Jahren ohne Börsengang in Wien
dürfte die Flaute in Kürze zu Ende gehen

Nach drei Jahren ohne einen einzigen Börsengang besteht heuer wieder berechtigte Hoffnung auf Neuemissionen in Wien. Einige Firmen arbeiten intensiv daran. Auch Privatisierungen rücken wieder in den Fokus.

Knapp fünf Jahre ist Heinrich Schaller in seinem Job. Er hat als Chef der Börse Wien Höhen und Tiefen erlebt, in den letzten drei Jahren vor allem Tiefen. Denn das zu seinem Amtsantritt gesteckte Ziel von sieben Börsengängen jährlich gelang lediglich im Jahr 2007. Danach herrschte drei Jahre lang eine totale Flaute – die heuer zu Ende gehen könnte. Einige Unternehmen sind drauf und dran, den erstmaligen Schritt an die Börse – im Fachjargon: IPO – zu wagen.

„Das Interesse der Unternehmen ist sehr groß, ich denke schon, dass wir einige IPOs in Wien sehen werden“, gibt sich Schaller bewusst vorsichtig. Konkrete Prognosen, wie viele Firmen sich 2011 auf das Börsenparkett wagen werden, will er keine mehr abgeben. Zu oft schon ist er damit danebengelegen. Vor allem das Jahr 2008 hat dem Börsechef einen gründlichen Strich durch seine Rechnung gemacht, denn drei bereits als fix angenommene Kandidaten sagten der Reihe nach ab: das Edelstahl-Unternehmen Breitenfeld, die Energie AG Oberösterreich und der Abfallspezialist Saubermacher. Für heuer gelten zumindest zwei Unternehmen in Börsenkreisen als Fixstarter, ein weiteres wird als heißer Anwärter gehandelt.

Die im Besitz der Familie Turnauer befindliche Photovoltaik-Gesellschaft Isovoltaic dürfte mit ihren Vorbereitungen für einen Börsengang bereits am weitesten sein. Noch im ersten Halbjahr könnte die Emission erfolgen. Die dafür notwendige Umwandlung von einer GmbH in eine AG hat Aufsichtsratsvorsitzender Stanislaus Turnauer bereits erledigt. Investmentbanken – darunter auch die Erste Bank – wurden schon ausgewählt. Börsianer sprechen davon, dass das Unternehmen bis zu 500 Millionen Euro bei einem Börsengang erlösen könnte. Ein offizielles Statement zu den kolportierten Plänen blieb – ganz in Turnauer-Manier – aus. Das Geld von der Börse soll in die Expansion fließen. Das Unternehmen ist hauptsächlich in Deutschland und China tätig, weitere Märkte werden angepeilt.

Doppelstrategie bei AMAG

Aus dem Turnauer-Stall kommt auch das zweite Unternehmen, das heuer einen IPO plant. Der oberösterreichische Aluproduzent AMAG gehört der Constantia Packaging AG, deren Haupteigentümer seit 2009 One Equity Partners (OEP) und zu 25 Prozent Christine de Castelbajac, die Tante von Stanislaus Turnauer, sind. Die Gesellschafter wollen sich von der AMAG jedenfalls trennen.

Dabei fahren sie eine so genannte „Dual Track“-Strategie, das heißt: Als Alternative zu dem Börsengang werden zeitgleich auch strategische Käufer für die AMAG sondiert. Allerdings dürften die IPO-Pläne schon recht weit gediehen sein, berichten Banker, denn man befinde sich bei der AMAG bereits im Stadium des „Pilot Fishing“. So wird jene Phase genannt, in der bei möglichen Investoren vorgefühlt wird, ob sie bei einem Börsengang mit dabei wären.

Kassemachen dürfte in diesem Fall eine nicht unwesentliche Triebfeder sein, denn schon im letzten Jahr haben die Eigentümer gehörig Geld aus dem Unternehmen geholt. Entgegen dem Vorschlag des AMAG-Vorstands, nur 25 Millionen Euro als Dividende auszuschütten, wurden letztlich auf ausdrücklichen Wunsch der Constantia Packaging 68 Millionen Euro, praktisch der gesamte Bilanzgewinn, an die Aktionäre ausbezahlt.

Auch die Swarovskis bereiten sich vor

Zu den beiden Gesellschaften aus dem Constantia-Umfeld könnte sich Swarco gesellen, ein Verkehrstechnik-Unternehmen aus dem Hause Swarovski. Zwar dementiert ein Sprecher konkrete Pläne, aber in Wiener Investmentkreisen gilt Swarco als Fixstarter für die Börse. Letztes Jahr schon wurde das Konzept dafür zahlreichen Investmentbanken präsentiert. Familiäre Gründe sollen den Ausschlag gegeben haben, noch etwas zuzuwarten. In der zweiten Jahreshälfte 2011 könnte es aber so weit sein, denn die Verkehrstechnik-Branche befindet sich auf Konsolidierungskurs, und die Tiroler wollen mitmischen. Die positive Performance des börsennotierten Konkurrenten Kapsch Traffic Com könnte bei der Entscheidung nachhelfen.

Für den Risikofinanzierer Michael Tojner erfüllen alle drei Unternehmen die für einen Börsengang notwendigen Voraussetzungen. „Für größere Industriefirmen ist die Stimmung gerade sehr positiv“, glaubt er. Tojner selbst wartet mit einem IPO seiner Industriebeteiligungsgesellschaft Montana Tech Components noch ein paar Jahre zu, weil die Pleite der A-Tec von Mirko Kovats noch zu präsent sei. Dafür will er in zwei Jahren mit seinem Batterie-Unternehmen Varta, dann allerdings in Deutschland, Börsenluft schnuppern. Auch andere Börsenkandidaten lassen sich noch Zeit: etwa die steirischen Firmen Saubermacher und Breitenfeld, die sich nach verschobenem Börsengang erfolgreich Finanzinvestoren geangelt haben.

Reges Treiben im Hintergrund

Die Bankanalysten sind für die Börse Wien dennoch optimistisch. „Ich gehe von zwei IPOs im ersten Halbjahr aus und einigen weiteren im zweiten Halbjahr“, glaubt der Emissionschef der Erste Bank, Martin Hinteregger. Erwartet werden durchwegs Volumen im dreistelligen Millionenbereich. Darunter macht es auch wenig Sinn, meint Ex-Börse-Chef Stefan Zapotocky: „Unter 100 Millionen Euro ist es schwierig, und ein Streubesitz von mindestens 30 Prozent ist sinnvoll.“ Er ortet wachsenden Bedarf der Unternehmen an Eigenkapital und steigende Bereitschaft, sich aus der Deckung zu wagen.

Was noch für ein reges IPO-Jahr spricht: „Die enormen Volatilitäten sind aus dem Markt verschwunden, die Sicherheit kehrt zurück“, beobachtet Hinteregger. Neben der Erste Bank durchforsten speziell große internationale Investmentbanken den Markt nach börsenfähigen Unternehmen. Häufig dabei gesehen: Morgan Stanley und JPMorgan.

Und seit dieser Woche klammern sich Börsianer noch an einen neuen Hoffnungsschimmer, der mit dem Namen des künftigen ÖIAG-Chefs Markus Beyrer verbunden ist. Börse-Chef Heinrich Schaller hofft, dass dieser wieder Schwung in die Privatisierungsdiskussion bringt, und hat diese Woche noch einmal daran erinnert, welches Potenzial in Österreich schlummert. Selbst wenn die öffentliche Hand jeweils die Sperrminorität behält, so könnten immer noch Unternehmenswerte bis zu 20 Milliarden Euro über die Börse privatisiert werden – zusätzliches Potenzial bei bereits teilprivatisierten Unternehmen wie Verbund oder OMV gar nicht eingerechnet.

Allerdings könnte die Politik, nicht nur was Privatisierungen betrifft, die wiederentdeckte Börseneuphorie schnell bremsen. Helmut Kern, der Chef von PwC Österreich, warnt: „Das Umfeld in Österreich ist zu wenig attraktiv.“ Er verweist auf die Verschärfung bei der Aktienbesteuerung und auf die zu wenig berechenbaren politischen Rahmenbedingungen.

Trotzdem, die Chancen stehen nicht schlecht, dass Heinrich Schaller, der ja als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Raiffeisen-Oberösterreich-Boss Ludwig Scharinger gehandelt wird, sein wahrscheinlicher Abschied von der Börse mit der ersten Neuemission seit 2007 versüßt wird. Eine Privatisierung wird sich unter seiner Ägide allerdings sicher nicht mehr ausgehen.

– Angelika Kramer

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