Leck mit Folgen: BP meldet erstmals seit 18 Jahren ein negatives Quartalsergebnis

Seit der Katastrophe im Golf von Mexiko steht der Ölkonzern BP mit dem Rücken zur Wand. FORMAT analysiert, wie die Börse darauf reagiert und welche Energiemultis auf Kurs bleiben.

Der bisherige BP-Chef Tony Hayward nimmt Ende September seinen Hut. Ab 1. Oktober steht der Amerikaner Bob Dudley beim britischen Ölriesen auf der Kommandobrücke. Angesichts der am Dienstag veröffentlichten Quartalszahlen tritt Dudley ein denkbar schweres Erbe an. BP musste zum ersten Mal seit 18 Jahren ein negatives Quartalsergebnis bekannt geben. Wegen horrender Rückstellungen für das Öl-Desaster im Golf von Mexiko wies man zwischen April und Ende Juni umgerechnet 13,2 Milliarden Euro Miese aus.

Fass ohne Boden

Nach wie vor ist kaum abschätzbar, welche weiteren Folgen die Explosion der Bohrplattform „Deepwater Horizon“ vom 20. April für BP noch haben wird. Hannes Loacker, Rohstoffanalyst der Raiffeisen-Fondsgesellschaft: „Die Strafe, die BP für jedes Fass Öl, das ins Meer fließt, zu zahlen hat, könnte noch weit höher ausfallen als erwartet.“ BP hat zwar für Schadenersatzzahlungen Rückstellungen in Höhe von 32 Milliarden Dollar gebildet. Diese basieren nach dem „Clean Water Act“ auf einer Kalkulation von 1.100 Dollar je Barrel. Wenn die Gerichte jedoch grobe Fahrlässigkeit nachweisen, steigt der Satz je Barrel auf 4.300 Dollar. Analyst Loacker: „Das würde die Zahlungen um zehn bis 15 Milliarden Dollar erhöhen.“

Investoren stehen nun vor der Frage, ob BP die Krise selbständig überstehen wird oder ob eine Übernahme des britischen Konzerns naht. Für den Fortbestand spricht, dass BP problemlos Vermögenswerte aus dem insgesamt 250 Milliarden Dollar schweren Öl- und Gasportfolio verkaufen kann. Dieses Programm, das bereits begonnen hat, soll in den nächsten 18 Monaten über 30 Milliarden Dollar in die Kassen des Multis spülen. Vergangene Woche wurden bereits Ölfelder in Texas, Kanada und Ägypten im Gegenwert von sieben Milliarden Dollar an das US-Unternehmen Apache verhökert.

Feindliche Übernahme unwahrscheinlich

Horst Simbürger, Aktienchef von Volksbank Investments: „Die BP-Aktie notiert an der Börse nur noch zum Buchwert. Die Vermögenswerte des Konzerns würden momentan aber einen doppelt so hohen Aktienkurs rechtfertigen. Noch dazu ist die Eigenkapitaldecke dick.“ An einen Untergang von BP glaubt auch Raiffeisenfonds-Analyst Loacker nicht: „BP hat 23 Milliarden Dollar Nettoschulden. Diese Last soll durch einen Teil der Verkaufserlöse auf zehn bis 15 Milliarden gesenkt werden.“

Obwohl der Börsenwert von BP dramatisch gesunken ist – die Marktkapitalisierung beträgt aktuell nur noch 121 Milliarden Dollar –, ist eine Übernahme des Konzerns daher unwahrscheinlich. Infrage kämen dafür ohnehin nur die ganz großen Player der Ölbranche. Dazu zählt etwa ExxonMobil, weltweite Nummer eins und mit einem Börsenwert von rund 310 Milliarden Dollar teuerstes Unternehmen der Welt. Auch Petrochina (aktueller Börsenwert 272,5 Milliarden Dollar) oder Chevron mit einer Marktkapitalisierung von knapp 150 Milliarden Dollar werden in der Gerüchteküche als Aspiranten für eine BP-Übernahme gehandelt. Analyst Loacker: „Exxon könnte die Übernahme leicht stemmen, müsste aber enorme kartellrechtliche Hürden überwinden.

Petrochina kommt zwar von der Größe her auch infrage, die Chinesen würden aber nie die Genehmigung bekommen. Ich glaube nicht, dass eine Übernahme ansteht.“ Ins selbe Horn stößt Gernot Schrotter, Fondsmanager der Erste Sparinvest: „BP wird weiter eigenständig bleiben. Zu diesem Schluss kommt auch eine aktuelle Analyse von 30 namhaften Industrieexperten.“

Mehr Sicherheit

Fakt ist, dass das Ölleck im Golf von Mexiko die gesamte Branche unter Druck bringt. Einerseits will US-Präsident Barack Obama den Ölfirmen bei Tiefseebohrungen den Hahn zudrehen. Zusätzlich steht eine Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen der Ölförderung im Raum. Deren Auswirkungen auf den Ölpreis sind jedoch überschaubar. Analyst Loacker: „Wenn die Regulierung strenger wird, sinkt die weltweite Ölproduktion längerfristig nur um ein Prozent. Das erzeugt keinen Druck auf den Ölpreis.“

Heimliche Gewinner

Der Kurs der BP-Aktie ist seit der Katastrophe im Golf von Mexiko dramatisch gefallen. Zwischen 20. April und Mittwoch dieser Woche steht in Euro gerechnet ein Minus von 35 Prozent zu Buche. Zum Vergleich: Die Euro-Notierung von ExxonMobil ging um nur 8,6 Prozent zurück, jene von Royal Dutch Shell um nur fünf Prozent. Mit diesem nur moderaten Kursverlust zählt Energieriese Shell bisher zu den Profiteuren des BP-Debakels. Die Ursache: Große britische Pensionsfonds haben British Petroleum das Vertrauen entzogen und begonnen, Gelder in Papiere von Shell umzuschichten.

Wenn es BP nicht bald gelingt, das Problem im Golf von Mexiko endgültig zu lösen, könnten ExxonMobil, Chevron oder Apache zu den Nutznießern zählen. Volksbank-Experte Simbürger: „BP braucht eine Liquiditätsreserve und könnte deswegen gezwungen sein, Vermögenswerte billiger zu verkaufen, als ursprünglich geplant.“ Eine Verbesserung der Sicherheitsstandards kommt längerfristig wiederum Konzernen aus dem Ölservicebereich wie Halliburton und Schlumberger aus den USA sowie Hunting aus Großbritannien zugute. Rohstoffanalyst Loacker: „Bei diesen Papieren ist es aber noch zu früh zum Einstieg.“

Im Gegensatz dazu ist das Papier von Repsol aus Spanien bereits jetzt einen Blick wert. Der Aktienkurs liegt trotz BP-Krise seit 20. April mit plus 0,3 Prozent im grünen Bereich. Zusätzlich erweist sich die Zusammenarbeit mit dem brasilianischen Ölmulti Petrobras als profitabel. Hoffnungen dürfen sich Aktionäre auch bei Tullow Oil aus Großbritannien machen. Der speziell in Afrika erfolgreiche Konzern hat erst Mitte dieser Woche von weiteren Ölfunden in Ghana berichtet.

Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 6,7 auf Basis der Schätzungen für 2010 ist das Papier der heimischen OMV im internationalen Vergleich sehr günstig. Raiffeisenfonds-Analyst Loacker: „Die OMV-Aktie zählt zu den billigsten Ölwerten und verdient sich einen Platz im Depot. Man darf aber nicht damit rechnen, dass der Bewertungsabschlag schon bald in starke Kursgewinne mündet.“ Übrigens: Risikofreudige Anleger können beim Papier von BP noch günstiger einsteigen, liegt doch das KGV bei einem Wert von 5,5. Der neue BP-Chef Dudley könnte frisches Geld von Aktionären gut gebrauchen.

– Robert Winter

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