Kapital gerettet, Produkt kaputt: Die private Zusatzpension fährt frontal gegen die Wand

Die Börsenkrise führte bei einigen Produkten der Zukunftsvorsorge zum Crash mit Langfristfolgen. FORMAT analysiert, wie es zum Unfall kam und welche Produkte besonders betroffen sind.

Der Start war fulminant. Innerhalb weniger Monate unterschrieben im Jahr 2003 Hunderttausende Österreicher ­einen Vertrag zur staatlich geförderten Zukunftsvorsorge. Das Produkt nahm durch seinen mindestens 40-prozentigen Aktienanteil rasch Fahrt auf. Der spektakuläre Boom der Wiener Börse sorgte in den Jahren 2004 und 2005 für Renditen von rund 25 Prozent – per annum, wohlgemerkt. Die Prämie zündete noch einen zusätzlichen Turbo.

Extreme Unterschiede
Doch die Finanzkrise verursachte eine Vollbremsung. Im Vorjahr erzielten die Produktanbieter Verluste von bis zu 30 Prozent. Bei fast allen Anbietern wurde die effektive Aktienquote massiv zurückgefahren, im Extremfall bis auf null. Dabei ging es weniger um die Sicherheit der Kunden, sondern primär um den Schutz des eigenen Geldes der Versicherungen und Banken. Da die Zukunftsvorsorge am Ende der Laufzeit eine Kapitalgarantie auf die eingezahlten Raten plus der staatlichen Prämien abgibt, droht die Garantie tatsächlich schlagend zu werden. Jetzt geht es vielen Kunden wie bei einem Crashtest: Das vorhandene Kapital wurde durch den aufgehenden Airbag halbwegs geschützt, aber die Produktkonstruktion ist gegen die Wand gefahren. Im Extremfall könnten havarierte Verträge noch Jahrzehnte mit angezogener Handbremse unterwegs sein. FORMAT erhob bei den wichtigen Anbietern, wie die einzelnen Produkte durch die Krise gekommen sind. Das Ergebnis fällt höchst unterschiedlich aus. Manche Anbieter behalten die gesetzlich vorgeschriebene Aktienquote nach wie vor bei, andere haben ihr Aktiendepot komplett abgesichert. Diese Neutralisierung erfolgt meist mittels Futures auf den ATX. Das heißt: Steigt die Börse zum Beispiel um zehn Prozent, fällt der Future um den gleichen Satz, und unter dem Strich ist außer Spesen nichts gewesen.

Inflation frisst Kaufkraft
Je nach Dauer und Grad der Absicherung fällt die Rendite höchst unterschiedlich aus. So hatte die Generali bei ihrem wichtigsten Tarif schon im Vorjahr die Reißleine gezogen und tuckert bis heute mit mikroskopischen 0,06 Prozent ertragsbringender Aktienquote herum. Im Vorjahr machte sich das durchaus bezahlt – die Rendite blieb sogar mit 5,8 Prozent im ­positiven Bereich. Heuer wurde dafür das Comeback der Wiener Börse verschlafen: In den ersten acht Monaten wurde ein magerer Zuwachs von einem Prozent erzielt. Übrigens: Das Versicherungsprodukt der Bawag und die reinen Fondsvarianten von Pioneer und Raiffeisen liegen heuer sogar leicht im Minus. Ursache: Weil eine übergroße Nachfrage nach ATX-Future-Ab­sicherungen besteht, sind die Preise extrem hoch geworden und ruinieren die Rendite. Völlig gegensätzlich ist der Verlauf der Zukunftsvorsorge bei der Grazer Wechselseitigen und der Nürnberger, die ein praktisch bauartgleiches Produkt offerieren: Im Vorjahr wurde ein Verlust von 30,9 Prozent verbucht, heuer erhob man sich dafür mit einem Plus von 25,2 Prozent wie ein Phönix aus der Asche. Selbst wenn manche Kunden mit konservativen Varianten à la Generali momentan durchaus zufrieden sind, sind die Langfristfolgen nicht zu unterschätzen. Von inzwischen rund 1,4 Millionen Zukunftsvorsorgeverträgen laufen 32,4 Prozent sogar länger als 40 Jahre. Da ist eine Kapitalgarantie nahezu sinnlos. Wenn das Guthaben auf Dauer nicht oder nur noch minimal verzinst wird, ist am Ende nach Abzug der Inflation nicht einmal die Kaufkraft gesichert. Dazu ein Rechenbeispiel: Wer 1.000 Euro nach 40 Jahren eins zu eins zurückbekommt, hat bei zwei Prozent Inflation nur noch 453 Euro Kaufkraft.

Dauerinvalide Produkte
Bei einigen Produkten könnte es nie wieder zur Genesung kommen. Auch wenn der Veranlagungsmanager durchaus Chancen bei Aktien sieht, werden viele von den Banken gestoppt, die für die Garantien geradestehen. Stefan Dörfler ist als Kapitalmarktchef der Erste-Bank-Gruppe sowohl für die Garantie der Zukunftsvorsorge der Espa-Fonds als auch für die der s-Versicherung zuständig, die derzeit beide gänzlich ohne Aktien unterwegs sind: „Es ist ein systematisches Problem. Die Aktienquote von 40 Prozent war eine gute Idee, wurde aber schlecht umgesetzt. Alle Absicherungen kosten Geld und widersprechen den Interessen der Kunden. In jedem anderen Produkt würde man die Aktien direkt verkaufen. Das geht aber aufgrund der gesetzlichen Vorschriften nicht. Alle drei Monate, wenn man die zur Absicherung verkauften Futures umschichten muss, verliert man Geld.“ Und das könnte noch lange so weitergehen, da der Risikopuffer unwiederbringlich erschöpft ist. Dörfler: „Wir mussten im Oktober 2008 komplett aus dem Risiko herausgehen. Selbst wenn jetzt der ATX in gerader Linie auf 5.000 Punkte steigt, können wir keine einzige Aktie mehr kaufen.“ Es gibt allerdings noch vage Chancen auf Besserung, falls die Zinsen stark steigen. Dann könnte aus dem 60-Prozent-Anleihen-Anteil wieder ein neues Risikobudget entstehen.

Garantielose Variante gefordert
Jetzt gibt es Vorschläge des Finanzministeriums, die vorgeschriebene Aktienquote generell auf 30 Prozent zu senken und Kunden ab dem 40. Lebensjahr nur noch 25 Prozent vorzuschreiben (und ab 55 nur noch 15 Prozent). Das würde das Problem aber nur graduell verbessern. Erste-Bank-Experte Dörfler: „Wenn das Zinsumfeld so bleibt wie derzeit, löst auch eine Senkung auf 30 Prozent wenig.“ Mehr Wirkung könnte die ebenfalls geplante Einführung einer garantielosen Zukunftsvorsorge-Variante entfalten. Richard Schenz, Kapitalmarktbeauftragter des Finanzministeriums: „Ich fordere schon seit Jahren eine garantielose Variante. Die Börsen können langfristig gar nicht so weit fallen, dass sich die hohen Garantiekosten auszahlen.“ Das Spesensenkungspotenzial durch neue, ungesicherte Produktvarianten wäre jedenfalls beträchtlich. Mathias Bauer, Chef der Raiffeisen-Fonds: „Die Garantie kostet mindestens ein Prozent im Jahr, das könnte man sich dann in Zukunft sparen.“ Außerdem wären die Kapitalveranlager dann wieder in der Lage, sich bietende Chancen am Aktienmarkt voll zu nutzen. Allerdings ist noch nicht klar, ob und wann Altkunden in Verträgen mit Garantie in die neue Produktgeneration wechseln können. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, den Wechsel nicht nur als Gnadenakt zuzulassen.

Gesetzesnovelle in Sicht
Ein Hoffnungsschimmer ist ein neues rechtskräftiges Urteil des Handelsgerichts Wien. Peter Kolba, Chefjurist des Vereins für Konsumenteninformation: „Das Gericht hat festgestellt, dass man Zukunftsvorsorge-Verträge unabhängig von der steuerlichen Mindestbindefrist von zehn Jahren schon nach drei Jahren kündigen kann. Allerdings sollte man sich einen solchen Schritt genau überlegen. Schon wegen der anfangs bezahlten Spesen ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Nachteil.“ Ein weiterer Schritt zur Lösung wäre die Ausweitung der Veranlagung von der Börse Wien und osteuropäischen Börsen auf ganz Europa. Nicht zuletzt wegen der markant höheren Handelsumsätze sind europäische Blue Chips weit weniger abgestürzt als Wien-Titel. Außerdem wäre die temporäre Absicherung, etwa über den EuroStoxx-Future, um einiges günstiger. Eines ist jedenfalls klar: Die Produkte, die weiterhin von der Börse profitieren, werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am Ende deutlich besser abschneiden. Dazu trägt der „Cost-Average-Effekt“ bei: Mit regelmäßigen Investments gleich hoher Beträge werden die Einstiegsniveaus geglättet, und man profitiert am Ende der Laufzeit am stärks­ten von früheren Schwächephasen der Börse. Deshalb fordert Börse-Wien-Chef Heinrich Schaller: „In letzter Zeit hätte man die Verluste gut wieder aufholen können. Die Anbieter sollten die tatsächliche Aktienquote wieder auf den gesetzlichen Wert anheben.“ Manche Anbieter haben bereits reagiert – zumindest bei Neukunden. So werden diejenigen, die bei der Generali ab Februar 2009 eingestiegen sind, im neuen 08/15-Fonds veranlagt. Bisher erzielte Rendite: 35,8 Prozent. Auch die s-Versicherung bietet seit Jahresanfang eine völlig neue Produktgeneration an.

Wer ist schuld?
Altkunden bleibt dagegen vorerst nur, nach Verantwortlichen zu suchen. Klaus Grubelnik, Sprecher der Finanzmarktaufsicht FMA: „Die Einhaltung der Aktienquote ist grundsätzlich vom Finanzministerium zu prüfen. Unser Haus hat aber bereits eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die den Zielkonflikt zwischen Aktienquote und Kapitalgarantie prüft. Die Frage: Wurden aufsichtsrechtliche Normen verletzt?“ Heikel könnten auch Fondsprospekte sein, in denen von hohen Mindestaktienquoten die Rede ist. Grubelnik: „Wird uns ein Verstoß nach dem Investmentfondsgesetz bekannt, reichen die Sanktionsmöglichkeiten bis zu einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft.“ Schließlich, so Grubelnik: „Wenn es tatsächlich zu Fehlberatung von Kunden gekommen ist, ist die Frage der Berater­haftung am Zivilrechtsweg zu klären.“

Von Martin Kwauka und Robert Winter

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