Kaldemorgen: "Entwicklung der letzten Monate sind Zeichen einer Normalisierung"

DWS-Chef Klaus Kaldemorgen hält viele Aktien derzeit für zu teuer, rechnet aber bis Mitte 2011 mit kräftigen Kursgewinnen. Seine Favoriten sind Versorger sowie Öl- und Pharmaaktien.

Format: Ist die spektakuläre Aktienhausse der vergangenen Monate eine neue Blase?
Klaus Kaldemorgen: Die Börsen werden von zwei Faktoren getrieben: der Hoffnung auf eine Erholung der globalen Wirtschaft und von der sehr hohen Liquidität. Ich sehe die Entwicklung in den vergangenen Monaten als Zeichen einer Normalisierung. Mich irritiert, dass vor allem in riskantere Bereiche wie Finanzwerte, Rohstoffe oder Schwellenländer investiert wurde. Da sind manche Titel angesichts der realen Probleme jetzt schon extrem teuer, während konservative Branchen links liegen gelassen wurden.
FORMAT: Sie halten in dem von Ihnen selbst gemanagten Weltaktienfonds DWS Akkumula derzeit eine Bargeldquote von rund 20 Prozent. Rechnen Sie mit einer Korrektur?
Kaldemorgen: Kurzfristig ist die Rally so dynamisch verlaufen, dass auch mal wieder mit Enttäuschungen zu rechnen ist. Es ist durchaus möglich, dass die Aktien wieder zehn bis 15 Prozent fallen. Zwar haben wir die Finanzkrise überwunden, aber noch nicht die Wirtschaftskrise. Bis September oder Oktober sollte aber die kritische Börsenphase wieder vorbei sein. Obwohl ich für die nächsten Jahre durchaus optimistisch bin, bin ich momentan lieber vorsichtig.

"Versorger, Telekom und Pharma"
Format: Wo sehen Sie derzeit die bes­ten Chancen?
Kaldemorgen: Die defensiven Bereiche wie Versorger, Telekom und Pharma, die die jüngste Rally nicht mitgemacht haben, sind sehr günstig. Versorgeraktien verbuchen heuer an der Börse noch ein Minus von sieben Prozent, da besteht Nachholpotenzial. Mit dem steigenden Ölpreis sollten auch die Gewinne wieder zulegen. Ich stocke die Gewichtung der Branche gerade auf. Wenn in Deutschland nach den Wahlen im Herbst eine schwarz-gelbe Koalition kommt, wird man aller Voraussicht nach die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängern. Dann würde es für Anleger Sinn machen, Aktien von Atomkraftbetreibern zu kaufen. Aber es geht nicht nur um Atomkraft, es kommt sicher auch wieder die Zeit, wo alle sagen, man muss auf grüne Energien wie die Wasserkraft setzen. In Europa ist der Verbund neben Vatten­fall einzigartig positioniert. Der Kauf der Wasserkraftwerke von E.on war für den Verbund ein smarter Deal.

"Ölpreis steigt weiter"
Format: Sind sie auch für Ölaktien opti­mistisch?
Kaldemorgen: Den Bereich habe ich deutlich aufgestockt. Ich habe schon zu Jahresbeginn darauf gesetzt, dass der Ölpreis bis Ende 2009 auf 90 Dollar steigt. In den Emerging Markets wie China steigt die Nachfrage weiterhin. Gerade jetzt wurde bekannt, dass die Ölnachfrage aus den Schwellenländern die der entwickel­ten Staaten erstmals überholt hat. Ölaktien sind deshalb für mich eine „Bank“.
Format: Welche Aktien halten Sie?
Kaldemorgen: Als konservativer Inves­tor habe ich vor allem in Europa angelegt, Shell, BP und Total gehören zu den größten zehn Positionen im DWS Akkumula. In Kanada halte ich das Ölsandunternehmen Suncor.

"Finger weg von Autoaktien"
Format: Sie erwähnten auch Pharma und Telekom. Was ist in diesem Bereich attraktiv?
Kaldemorgen: Zu meinen Top-Positio­nen zählen zum Beispiel Sanofi-Aventis, Roche und Telefónica. Die Deutsche Tele­kom hat heuer eine Dividendenrendite von zehn Prozent. Wie schlimm müsste es kommen, dass solche Kurse gerechtfertigt wären?
Format: Was halten Sie von Konsumaktien?
Kaldemorgen: Von Autoaktien würde ich wegen der Branchenprobleme abraten, und die konservativen Titel wie etwa die großen Hersteller von bekannten Nahrungsmittelmarken sind generell zu teuer. Auch zyklische Werte notieren schon auf sehr überzogenem Niveau. Bei Stahl bin ich zum Beispiel short gegangen, weil China schon wieder an der Kapazitätsgrenze produziert.
Format: Eine derzeit heiß diskutierte Frage ist, ob die riesigen Geldspritzen zur Ankurbelung der Wirtschaft die In­flation anheizen werden. Was ist Ihre Meinung?
Kaldemorgen: Die ­Gesamtverpflichtung, die die US-Notenbank eingegangen ist, könnte die Bilanz der Bank auf über
30 Prozent des amerikanischen Brutto­inlandsprodukts aufblähen, ein Vielfaches des bisherigen Wertes von rund fünf Prozent. Das ist ein sehr starkes Indiz für steigende Inflationsgefahren. Die weltweit enorm gewachsene Geldmenge und die aktuelle Niedrigzinspolitik werden sicher in irgendeiner Weise zu steigenden ­Preisen führen. Ob das jetzt auf den Güter­märkten erfolgt oder bei den Vermögenswerten, kann man noch nicht sagen. Wenn man Anlegern Geld fast kostenlos zur Verfügung stellt, kommen sicher einige wieder auf dumme ­Gedanken. Ich möchte jedenfalls das Geld so anlegen, dass ich von einem inflationären Prozess – wie immer er auch aussieht – profitiere.

"1.000 Dollar pro Unze"
Format: Welche Investments können als Inflationsschutz dienen?
Kaldemorgen: Ölaktien habe ich schon genannt, auch Immobilien und Gold gehören dazu. Bei Gold rechne ich in sechs bis zwölf Monaten wieder mit Kursen um 1.000 Dollar pro Unze. Für Gold spricht auch, dass es als eine Art Alternativwährung zum Dollar gesehen wird. Und ich bin skeptisch, was den Dollar angeht. Daher habe ich den Dollar in meinem Weltaktienfonds abgesichert.
Format: Was ist mit Anleihen in Zeiten steigender Inflation?
Kaldemorgen: Die Investoren werden schon angesichts der steigenden Verschuldung nicht mehr den Staaten Geld für drei oder vier Prozent auf zehn Jahre überlassen, da bin ich mir ganz sicher. Aber man muss bei Anleihen unterscheiden: Unternehmensanleihen sind in einem inflationären Umfeld durchaus attraktiv. Man setzt ja nicht auf lange Laufzeiten, sondern auf den relativ hohen Zinsabstand
zu Staatsanleihen.

"Im Zweifelsfall kaufe ich lieber China"
Format: Sie haben einige europäische Aktien erwähnt. Was ist mit den USA und Japan?
Kaldemorgen: Da ich einen ­schwäche­ren Dollar erwarte, könnten US-Exporteure durchaus interessant werden. Japanische Aktien sehen zwar optisch billig aus, aber im Zweifelsfall kaufe ich lieber in China. Wer nicht direkt investieren will, kann mit exportorientierten Unternehmen mit starkem Standbein in Asien indirekt auf den Aufschwung in China setzen.
Format: Manche Experten sagen, dass Osteuropa am schwersten von allen Re­gio­nen getroffen wird. Sind Sie auch so pessimistisch?
Kaldemorgen: Nein, schlimmer ist die Lage in Kalifornien. Dort muss man schon die Verwaltung schließen, weil kein Geld mehr da ist. So kritisch ist es in Osteuropa noch nicht. Natürlich haben es einige Staaten wie Ungarn oder die baltischen Staaten zu weit getrieben, da müssen wir als Europäer zusammenstehen, damit die wieder auf die Füße kommen. Polen, Tschechien und viele andere haben eine sehr wettbewerbsfähige Substanz. Auch das Finanzsystem wird seine Probleme lösen können, wenn sich die Weltwirtschaft erholt. Bis dahin müssen die Banken überleben.

"Fünf bis zehn Prozent in Emerging Markets"
Format: Wie setzen Sie den Aufstieg in Schwellenländern wie China und Indien in Ihrem globalen Aktienfonds um?
Kaldemorgen: Obwohl im Vergleichs­index für meine Fonds an sich keine Emerging Markets vorkommen, halte ich in der Regel fünf bis zehn Prozent in ­diesen Regionen. Dazu kommen noch 22 Prozent in Energieaktien. Das Emer­ging-Market-Thema hat ja einen engen Zusammenhang mit Energie und Rohstoffen.
Format: Was raten Sie Anlegern, die angesichts der Verluste in ihrem Depot verunsichert sind?
Kaldemorgen: Man sollte sich jetzt nicht zu sehr von kurzfristigen Entwicklungen nervös machen lassen. Jeder Kapitän weiß: Wenn man auf einem Schiff in schwere See gerät, darf man nicht auf die Wellen schauen, sondern auf den ­Horizont.
Format: Und wenn man diesen Rat ­beherzigt, mit welchen Renditen können Anleger insgesamt auf mittlere Sicht rechnen?
Kaldemorgen: Interessant ist der Vergleich des Kursverlaufs in den Jahren 2002 und 2003 mit der derzeitigen Situation. Auch damals gab es beim Dax in kurzer Zeit einen Kursanstieg von 33 Prozent. Danach kam es zwar zu einer Korrektur, doch dann stiegen die Kurse noch deutlich höher. Auf zwei Jahre erwarte ich einen Anstieg von etwa 40 Prozent. In drei Jahren, wenn sich der Konjunkturzyklus wieder im Aufschwung befindet, könnten wir zum Beispiel beim Dax wieder die alten Höchstkurse sehen.

Interview: Martin Kwauka

Im Bild (v. l.): DWS-Chef Klaus Kaldemorgen und Chefredakteur Martin Kwauka.

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