JPMorgan: Was in London wirklich geschah

Es ist einer der bislang größten Handelsverluste in der Geschichte der Finanzbranche. Mitarbeiter von JPMorgan in London hatten Positionen aufgebaut, die nach Angaben der Bank riskanter als gedacht gewesen sind. In der Folge musste der JPMorgan einen rund 2 Mrd. Dollar schweren Verlust eingestehen.

Bislang hat sich JPMorgan allerdings geweigert, zu beschreiben, welche Handelsgeschäfte die Kollegen des Londoner Chief Investment Office (CIO) genau eingegangen sind. Bloomberg News hat gemeinsam mit Marktteilnehmern - von Hedgefonds-Managern bis hin zu Credit-Brokern - versucht, das Puzzle zusammenzufügen, etwa unter der Berücksichtigung von Bewegungen am Markt und dem Volumen.

Erste Anzeichen, dass etwas nicht stimmt, gab es bereits Anfang April. Damals berichtete Bloomberg, dass Bruno Iksil - ein Händler im Londoner CIO - derart große Positionen bei einigen an die finanzielle Gesundheit von Unternehmen gebundenen Wertpapieren aufgebaut hatte, dass JPMorgan Chase sie wohl nicht ohne Unruhe im Markt hätte auflösen können. Die Positionen waren demnach so umfangreich, dass Iksil die Preise auf dem 10 Billionen Dollar schweren Markt steuern konnte. Einige Marktteilnehmer bezeichneten ihn vor diesem Hintergrund als den “Wal von London”. Andere nannten ihn Voldemort - nach der Figur aus “Harry Potter”, die so mächtig ist, dass man sie nicht beim Namen nennen kann.

Waghalsiger CDS-Zock

Einige Händler berichteten nun gegenüber Bloomberg News, Iksil habe im vergangenen Jahr damit begonnen, Positionen bei einer alten und weniger aktiven Benchmark für Kreditausfallsabsicherungen (CDS) aufzubauen, bekannt als “Markit CDX North America Investment Grade Index”. Mit diesem Instrument können Investoren auf die Bonität von Unternehmen aller Art spekulieren, etwa die des Einzelhändlers Wal-Mart Stores oder die des Aluminium-Herstellers Alcoa.

Als Europas Spitzenpolitiker Anfang 2012 damit kämpften, die Krise rund um die Staatsschulden zu bewältigen und Befürchtungen aufkamen, Spanien könnte auf finanzielle Hilfe von außen angewiesen sein, machten sich Händler eigenen Angaben zufolge um die von Iksil aufgebauten Wetten mehr und mehr Sorgen.

Einige Händler rechneten nach und kamen zu dem Schluss, dass Iksil eine Position im Volumen von bis zu 100 Mrd. Dollar in Kontrakten bei einem Index aufgebaut hatte. Im Detail verkaufte die Bank Absicherungen für die Serie 9 des Indexes in Form von Kreditausfallswaps und auch stärker fremdfinanzierte Wetten über Kontrakte, die “Tranchen” genannt wurden. JPMorgan kassierte dafür Prämien und versprach im Gegenzug, für Verluste zu zahlen, wenn Unternehmen aus dem Index Pleite gingen.

Iksil dürfte versucht haben, die Risiken aus den Kontrakten mit einer Laufzeit bis Dezember 2017 auszugleichen - und zwar indem er selbst ähnliche Versicherungen kaufte, allerdings nur mit einer Laufzeit bis zum Dezember 2012. Der Marktwert dieser Handelsgeschäfte würde zunehmen, wenn sich die Differenz aus den beiden Positionen verkleinert. Und er würde abnehmen, wenn die Differenz größer wird. Nach Angaben des Datenanbieters CMA hat sich die Differenz beim gesamten Index seit Ende März immer weiter ausgeweitet.

Verluste steigen laufend

Wie Bloomberg News aus informierten Kreisen erfuhr, haben sich die Verluste seit ihrer Bekanntgabe in der vergangenen Woche noch weiter ausgeweitet. Die Investmentbanking-Sparte von JPMorgan kümmere sich jetzt um die verlustreichen Geschäfte, um die Risiken zu minimieren. Die Führung der Bank gehe davon aus, dass der maximale Verlust aus den aufgebauten Positionen bei etwa 3 Mrd. Dollar liegen könne.

Nach Einschätzung von Insidern kann JPMorgan die Positionen, die die Verluste brachten, halten und ist nicht gezwungen, zu verkaufen. Die Bank könnte allerdings in die Lage kommen, weitere Marktwertanpassungen vornehmen zu müssen, wenn sich die Preise gegen sie entwickeln. Dazu könnten, jetzt da die Positionen bekannt sind, auch Hedgefonds und andere Firmen beitragen, die davon profitieren wollen, indem sie gegen die Positionen der Bank wetten, hieß es.

Bei der Londoner Gruppe von JPMorgan, die für den Verlust verantwortlich ist, sind erste Abgänge zu verzeichnen. Zudem droht möglicherweise allen Mitarbeitern des Chief Investment Office in London die Entlassung. Das verlautete am Montag von einer informierten Person.

JPMorgan prüft inzwischen, ob irgendeiner der Mitarbeiter der Sparte - es sind insgesamt einige Dutzend - versucht habe, Risiken zu verschleiern. Dafür gebe es aber bislang keine Anzeichen, hieß es weiter.

Ina R. Drew, die Gesamt-Chefin des Chief Investment Office in New York, ist zu Wochenbeginn bereits zurückgetreten. Sie hatte sich über 30 Jahre hinweg bei der Bank hochgearbeitet - indem sie Risiken bereitwillig einging, dabei aber gleichzeitig das Rampenlicht mied. Als Nachfolger von Drew wurde Matt Zames bestimmt. Er war zuletzt Co-Leiter Global Fixed Income in der Investmentbank.

Bloomberg

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