Jim O’Neill im Interview: "Der Beginn des Aufstiegs des chinesischen Konsumenten"

Goldman-Sachs-Chefökonom Jim O’Neill über den neuen Trend zum Konsum im Reich der Mitte und seine Bedeutung für den Rest der Welt.

FORMAT: Eine Reihe von Wirtschaftsindikatoren deutet auf eine beginnende Stabilisierung der Wirtschaft hin. Heißt das, wir haben das Schlimmste ausgestanden?
O’Neill: Ja. Jetzt zeigen die Daten an, was mir schon seit Oktober 2008 klar war: Wir erleben keine neue große Depression wie in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts.
FORMAT: Warum?
O’Neill: Entscheidend ist, dass China die Krise als Gelegenheit nutzt, jetzt die nächste Entwicklungsstufe zu erreichen – weg vom Export, hin zur inländischen Konsumnachfrage. Das ist international gesehen der absolut wichtigste Prozess.
FORMAT: Wie passt das zu den Meldungen, dass Millionen Chinesen, die in Exportbetrieben arbeiten, ihren Job verlieren?
O’Neill: Das stimmt für das Gebiet im Perlflussdelta. Aber die Dynamik verlagert sich jetzt auf Zentralchina. Dazu gab es vor kurzem wirklich bemerkenswerte Zahlen. In den USA ist der Konsum im April gegenüber dem Vorjahr um 10,2 Prozent gesunken, in China dagegen im gleichen Zeitraum um 14,3 Prozent gestiegen. Das ist der Beginn des Aufstiegs des chinesischen Konsumenten.

Krankenversicherung bringt Kauflaune
FORMAT: Wie kommt es, dass die sonst so sparsamen Chinesen ausgerechnet in der Krise die Einkaufslust packt?
O’Neill: Die Regierung stimuliert die Wirtschaft mit riesigen Konjunkturpaketen, und außerdem wurde jetzt angekündigt, dass bis Ende 2011 eine Basis-Krankenversicherung für jedermann eingeführt wird – nicht zuletzt, um durch den besseren sozialen Schutz für die ganze Familie die viel zu hohe Sparrate zu senken. Das ist vermutlich derzeit die bahnbrechendste politische Entscheidung der Welt.
FORMAT: Welches Wirtschaftswachstum erwarten Sie in China?
O’Neill: Vor sechs Wochen haben wir unsere Prognose kräftig nach oben gesetzt: Heuer wird die chinesische Wirtschaft zwar mit plus 8,3 Prozent etwas weniger wachsen als in den Vorjahren. 2010 erwarten wir aber schon wieder 10,9 Prozent. Gibt es dort eine Krise? Nein. Und in Indien auch nicht. Dort sehen wir im kommenden Jahr immerhin 6,6 Prozent Wachstum. Wir erleben letztlich nur eine Krise des Westens. Genau genommen eine Niederlage von Thatcherismus und Reaganomics. Wir werden weltweit einen Trend zu mehr Staatseinfluss erleben.

"Europa gibt am meisten Anlass zur Kritik"
FORMAT: Ist das gut?
O’Neill: In Amerika ist das sicher positiv, in Europa bin ich mir da nicht so sicher. Ganz generell ist Europa die Region, die am meisten Anlass zur Kritik gibt. Schauen Sie auf das deutsche Wirtschaftswachstum im ersten Quartal: Der Rückgang ist doppelt so hoch wie in den USA, wo die Krise begann. Das ist doch wirklich alarmierend.
FORMAT: Was läuft da falsch?
O’Neill: Deutschland hat sich für ein Jahrzehnt vollständig auf seine Exportwirtschaft verlassen. Das rächt sich jetzt bitter. 80 Millionen Deutsche, ein Viertel der EU, sind seit Jahren auf dem Spartrip. Und viel zu viele deutsche Politiker sind der falschen Überzeugung, sie könnten nichts tun, um die hohe Sparquote zu senken. Jetzt müssten die Deutschen alles tun, um den Inlandskonsum anzukurbeln. Sonst bekommen wir in ganz Europa massive Probleme, natürlich auch in Österreich, das obendrein mit seinem Engagement in Osteuropa zu kämpfen hat. Die Banken haben im Osten zu viele Fremdwährungskredite vergeben. Wir erleben deshalb eine Wiederholung der Asienkrise des Jahres 1998, die die gleiche Ursache hatte. Das ist eine extrem ungesunde Entwicklung. Ich bin eigentlich für die ganze Welt optimistisch. Das Einzige, was mir wirklich Sorgen macht, ist Osteuropa. Und ich hoffe nicht, dass mich meine Zuversicht für die Weltwirtschaft trügt, denn dann wird Osteuropa eine schwere Belastung – auch für Österreich.

"China könnte 2027 Nummer eins werden"
FORMAT: Kann China die Lokomotive sein, die die ganze Welt wieder aus dem Schlamassel zieht?
O’Neill: Ja. China könnte die nächsten zehn Jahre um zehn Prozent per annum wachsen und Japan, gemessen am Bruttosozialprodukt, schon Ende 2011 überholen. Das ist fünf Jahre früher, als wir ursprünglich geschätzt haben. Es ist einfach unglaublich.
FORMAT: Und Amerika? In Ihrer ursprünglichen BRIC-Studie rechneten Sie damit, dass China die USA im Jahr 2037 überholt.
O’Neill: Unsere neueste Schätzung ist, dass China schon 2027 die Nummer eins wird. Schon jetzt ist der Einfluss auf die Rohstoffmärkte dominierend. Der Ölpreis fing heuer genau zu dem Zeitpunkt wieder zu steigen an, als Chinas Wirtschaftsdaten eine Trendwende signalisierten. Außerdem stammen inzwischen 60 Prozent der weltweiten grenzüberschreitenden Finanzüberschüsse aus China.
FORMAT: Wie lange dauert es, bis der China-Faktor die Welt wieder auf Kurs bringt?
O’Neill: Ich glaube, er wirkt schon. Bei den Aktienkursen kann man es schon sehen. Und die Realwirtschaft wird folgen. Die Industrieproduktion wird sich in vielen Staaten zwischen jetzt und September wieder zu erholen beginnen. In den USA wird es etwas schneller gehen als in Europa, wahrscheinlich um drei Monate.

"Globales Wachstum bis zu vier Prozent"
FORMAT: Kommen wieder fette Jahre für die Weltwirtschaft wie zwischen 2003 und 2007?
O’Neill: Ganz so schön wird es nicht mehr. Aber möglicherweise kehren wir wegen China wieder zu einem globalen Wachstumstrend mit einem jährlichen Plus zwischen 3,5 und vier Prozent zurück, selbst wenn es in den USA und Europa noch Probleme gibt.
FORMAT: Wo bestehen Risiken?
O’Neill: Es besteht die Gefahr, dass die Politiker Fehler machen, dass die Geldpolitik zu schnell angezogen wird. Zusätzlich besteht das Risiko sozialer Unruhen in China oder dass es im Bankensektor noch einmal kracht. Es gibt einiges, was noch schief gehen kann.
FORMAT: Auch die Inflation?
O’Neill: Ja, auch da könnte es Probleme geben. Die Gefahr, dass die Preise so außer Kontrolle geraten wie in den Siebzigerjahren, ist aber gering. Der weltweite Wettbewerb ist seitdem deutlich schärfer geworden. Solange die Globalisierung weitergeht, bin ich nicht wirklich besorgt.

Interview: Martin Kwauka

Zur Person:
Jim O’Neill ist seit September 2001 Chefökonom der US-Bank Goldman Sachs und gilt weltweit als einer der einflussreichsten Volkswirtschaftler. O’Neill prägte im Jahr 2001 den Begriff BRIC-Staaten, eine Abkürzung für die vier großen Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China. Laut O’Neill ist der Aufstieg dieser vier neuen Supermächte der globale Wachstumsmotor. Der in Manchester geborene O’Neill war bis 2005 auch nicht-amtsführender Direktor des Fußballklubs Manchester United.

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