Internationale Börsen im Hoch

Die Berichtssaison der Börsenkonzerne nimmt Fahrt auf und läuft besser als erwartet. Die Angst vor dem großen Crash nimmt ab, die Experten wittern sogar Chancen auf eine Jahresend-Rally.

Die pessimistischen Börsenbären sind derzeit aufs Äußerste alarmiert. Die aktuelle Lage erinnere frappant an den Sommer 2008. Damals hatte man an den Börsen schon mit einem kleinen Rückgang der Gewinne gerechnet – dann kam auf einmal das dicke Ende, und die Profite rasselten reihenweise in den Keller. Die zuversichtlichen Börsenbullen halten solche Vergleiche für reine Panikmache. Zwar habe das eine oder andere Unternehmen wirklich Probleme, im Großen und Ganzen würden aber die Unternehmen weiter gut verdienen.

Tatsache ist: Die jetzt voll angelaufene Saison der Berichte über das 3. Quartal gibt keinen Anlass zu schlaflosen Nächten. Im Gegenteil: Technologiekonzerne wie Google, Intel und Yahoo glänzten sogar mit positiven Überraschungen. Auch bei den Börsenschwergewichten Coca-Cola, McDonald’s, Nestlé, Merck und SAP lief das Geschäft im abgelaufenen Quartal weiter rund.

Deutlich schwieriger ist die Lage bei den Banken. Die Erste Bank überraschte die Märkte mit einer plötzlichen Gewinnwarnung. Auch viele globale Branchenriesen leiden, und zwar vor allem am Einbruch im Investmentbanking. Trotzdem waren die Zahlen von Citigroup, Morgan Stanley, Deutscher Bank und American Express unterm Strich besser als die ziemlich gedämpften Erwartungen.

70 Prozent über Plan

Laut der Nachrichtenagentur Reuters hat bislang rund ein Drittel der Wall-Street-Unternehmen Zahlen auf den Tisch gelegt. 70 Prozent der Ergebnisse fielen besser aus als von Analysten erwartet. Thomas Herrmann, Chef des Teams Global Economics der Credit Suisse, relativiert: „Dass sieben von zehn gelegten Quartalsbilanzen positiv ausfallen, gilt in den USA als normal. Mit 20 Prozent ist der Anteil von Unternehmen, deren Ergebnisse enttäuschten, aber unüblich hoch.“ Zu den Sorgenkindern gehörten unter anderem JPMorgan, Goldman Sachs, Amazon und der Alukonzern Alcoa.

Entgegen allen Unkenrufen gaben die Kurse der größten 500 Wall-Street-Konzerne in den vergangenen Wochen ein starkes Lebenszeichen von sich. Aus Sicht eines Euro-Anlegers liegt der S&P-500-Index seit Ende Oktober des Vorjahres sogar mit 6,3 Prozent im Plus.

In Europa kommt die Berichtssaison erst in den nächsten Wochen voll auf Touren. Von den 600 Konzernen, die der Aktienindex Euro Stoxx 600 enthält, haben bislang 52 Konzerne ihre Zahlen gelegt. Davon haben 23 Unternehmen positiv überrascht, 25 blieben hinter den Erwartungen zurück. Johannes Mattner, Analyst bei der Raiffeisen Bank International: „Bei den Gewinnschätzungen europäischer Konzerne ist weiter Vorsicht geboten, derzeit werden viele Gewinnprognosen nach unten korrigiert.“

Kühlen Kopf bewahren

Dass sich die Geschichte dramatischer Gewinnrevisionen à la 2008/09 wiederholt, ist anhand aktueller Prognosen trotzdem eher unwahrscheinlich. Analyst Mattner: „Die Unternehmen sind heute besser aufgestellt als vor der Finanzkrise. Viele Konzerne haben Ballast abgeworfen und wissen aus Erfahrung, wie auf ein schwieriges Umfeld reagiert werden muss.“ In dieselbe Kerbe schlägt Monika Rosen, Chefanalystin Uni-Credit Private Banking: „Zahlreiche Unternehmen haben einen großen Cash-Polster aufgebaut. Noch dazu ist das Problem der europäischen Schuldenkrise bekannt. Dagegen kam die Lehman-Pleite, die in den Börsencrash vom Herbst 2008 mündete, wie aus dem Nichts.“

Mit Rekordzuwächsen bei den Gewinnen wie im Schlussquartal des Vorjahres sollten Anleger nun aber nicht spekulieren. Während damals die Profite in den USA im Schnitt um 30,7 Prozent zulegten, liegen die Schätzungen für das 4. Quartal 2011 bei einem Gewinnplus von 20 Prozent. Dennoch ist die Talsohle für viele Analysten bereits durchschritten. Auch auf mittlere Sicht geben die Prognostiker für US-Aktien Entwarnung, deuten doch die Schätzungen für die Jahre 2011, 2012 und 2013 nicht darauf hin, dass die Gewinne wegbrechen werden.

Wien wartet auf Zahlen

An der heimischen Börse herrscht dagegen höchste Nervosität. Allein zwischen Ende September und vergangenem Montag wurden die Gewinnerwartungen der Aktien des Börsenbarometers ATX um 37 Prozent nach unten revidiert. Die Raiffeisen Centrobank (RCB) hat etwa bei Erste Group, Palfinger, Verbund sowie AT&S markante Reduktionen der Gewinnerwartungen vorgenommen.

Dagegen sehen Analysten der Erste Group bei Andritz, das seine Zahlen am 8. November präsentiert, gute Chancen, dass die Quartalszahlen für positive Überraschungen sorgen werden. Das Gleiche gilt für Lenzing, Mayr- Melnhof (Ergebnispräsentation jeweils am 15. November) und Österreichische Post (Quartalsbericht am 17. November).

Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Group: „Ich halte die jüngsten Gewinnrevisionen für übertrieben und glaube, dass der ATX am Jahresende um sieben bis zehn Prozent höher steht als heute.“ Geht es nach der aktuellen Prognose der UniCredit, könnte sich die Lage bei Austro-Aktien mittelfristig deutlich verbessern. Für nächstes Jahr wird im Schnitt mit einem Gewinnplus der ATX-Konzerne von 28 Prozent gerechnet.

Stichwort positiv: Seit Sommer haben weltweit Konzernlenker ihre plötzlich aufkeimende Rezessionsangst überwunden und blicken wieder optimistischer in die Zukunft. Speziell deutsche Entscheidungsträger sind zuversichtlicher geworden. Laut dem Consulter Ernst & Young erwarten 41 Prozent der 1.110 befragten Manager, dass sich die Weltkonjunktur wieder aufhellt. Vier von zehn Unternehmen wollen sogar die Anzahl der Mitarbeiter aufstocken.

Auch die Wirtschaftsforscher glauben, dass der Weltwirtschaft kein herber Rückschlag droht. Credit-Suisse-Experte Herrmann: „Der Konjunkturpessimismus war sehr hoch. Mittlerweile hat sich die Angst vor einer Rezession in den USA und in Europa gelegt. Amerika könnte bis Jahresende sogar noch positiv überraschen. Ich rechne im vierten Quartal mit einem US-Wirtschaftswachstum von drei Prozent.“ Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass die Wirtschaft der Industriestaaten heuer in Summe um 1,6 Prozent und 2012 um 1,9 Prozent wachsen wird.

Deshalb sollten Anleger die Mitte der Woche bekannt gegebenen Zahlen zum US-Verbrauchervertrauen, das auf das schlechte Niveau von März 2009 zurückfiel, nicht für bare Münze nehmen. Uni-Credit-Expertin Rosen: „Nicht jeder Rückgang der Konsumentenstimmung mündet in Umsatzeinbrüche. Noch dazu steht das Weihnachtsgeschäft, das in den USA enorm wichtig ist, erst vor der Tür.“

Für Anleger bleibt jetzt die Lösung des europäischen Staatsschuldendilemmas das Zünglein an der Waage, ob sich letztlich die Bullen oder die Bären durchsetzen. Analyst Mattner: „Es besteht die Gefahr, dass ein halbherziger Plan beschlossen wird. Erst wenn Tabus gebrochen werden, wird sich der Stress an den Finanzmärkten wieder legen.“ Nach dem Motto „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“ wäre selbst eine Pleite Griechenlands mit einem hohen Abschreibungsbedarf vielen Investoren lieber als ein ständiges Weiterwurschteln.

Trotz der unklaren Lage legt UniCredit-Expertin Rosen Optimismus an den Tag: „Die Chancen auf einen versöhnlichen Jahresausklang an den Börsen stehen gut.“

– Robert Winter, Carolina Burger

Zehn Tipps für den Steuerausgleich

Steuern

Zehn Tipps für den Steuerausgleich

Service

Die Suche nach dem besten Konto

Was man als Passagier wissen muss: 5 Fakten zum Lufthansa-Streik

Geld & Service

Was man als Passagier wissen muss: 5 Fakten zum Lufthansa-Streik