Globale Finanzmärkte: Wie die Börsen auf das Inferno reagieren

Der Super-Gau in Japan vernichtete Anfang der Woche weltweit 1.147 Milliarden Euro Aktienkapital. Der Einfluss der Katastrophe auf die Börsen ist aber nur von begrenzter Dauer.

Am 17. Jänner 1995 gingen die Geschäfte in der Londoner Zentrale der Barings Bank den gewohnten Gang. Die Meldung über das schwere Erdbeben in der japanischen Millionenstadt Kobe lösten allenfalls kurze Aufmerksamkeit aus. Sechs Wochen später, am 26. Februar, war die altehrwürdige, über 230 Jahre alte Bank pleite. Nick Leeson, ein im fernen Singapur agierender Aktienhändler, hatte heimlich 1,3 Milliarden Dollar verzockt, seine letzte große Wette auf den japanischen Aktienindex Nikkei war der Sargnagel der Barings Bank.

Das besondere Pech: Schon Ende des Jahres hatten die japanischen Aktien die Kursverluste, die zeit­weilig 25 Prozent erreicht hatten, wieder mehr als aufgeholt. Die Wiederaufbauarbeiten lösten den sogenannten Kobe-Effekt aus. Viele Unternehmen profitierten von milliardenschweren Konjunkturprogrammen, die auch an den Börsen für bessere Stimmung sorgten. Nach ähnlichem Muster reagierten die Aktienmärkte bereits auf den Super-Gau in Tschernobyl. Der Wiener ATX gab zwar in den Wochen nach dem Unglück 15 Prozent nach, erholte sich aber dann rasch wieder.

Die tatsächlichen Schäden des Erdbebens in Japan sind noch nicht absehbar, ebenso wenig mögliche überraschende Sondereffekte à la Nick Leeson. Bereits messbar sind hingegen die kurzfristigen Verluste an den Börsen. Allein Montag und Dienstag dieser Woche gingen laut Nachrichtenagentur Bloomberg weltweit 1.147 Milliarden Euro an Börsenwert verloren. Zwar stieg der japanische Aktienindex Nikkei 225 Mitte der Woche wieder kräftig, doch das könnte sich als vorübergehendes Strohfeuer entpuppen. So drehten die ­europäischen Börsen am Mittwoch nach positivem Start wieder ins Minus ab.

Die Nachbeben an der Börse in Tokio dürften noch längere Zeit anhalten. Auch beim Beben in Kobe, bei dem sich der Schaden letztlich auf rund 120 Milliarden Dollar summierte, war der Tiefpunkt erst ein halbes Jahr später erreicht. Obendrein war der relative Kursverlust deutlich höher als heuer, bevor wieder die Wende nach oben einsetzte.

Nicht nur das Beispiel Kobe zeigt, dass die An­leger nur ein kurzes Gedächtnis haben und Katastro­phen bald verdrängen. Ulrich Baumann, Manager des erfolgreichen Asien-Aktienfonds Volksbank Pacific Invest, der in asiatische und japanische Aktien investiert: „Über lange Zeit hinweg haben sich die Börsen immer relativ rasch erholt, wenn sich der Aktienmarkt vor dem Schock-auslöser in einem Aufwärtstrend befand“. Wolfgang Matejka, Chef von Matejka & Partner: „Auf Japan rollt ein rund 150 Milliarden Dollar schweres Konjunkturpaket zu. Daraus wird neues Wachstum entstehen.“ Die meisten österreichischen Privatanleger sind von dem Börsengeschehen in Tokio zumindest nicht unmittelbar betroffen, weil nur sehr wenige Investoren reine Japan-Fonds halten. Auch in den wichtigsten Weltaktiendepots ist der Anteil japanischer ­Aktien meist sehr gering.

Augen zu und durch  

Generell stehen Investoren nun vor der Frage, wie sie in den kommenden Tagen und Wochen möglichst ohne Schrammen über die Runden kommen. Die gute Nachricht: Ein weltweiter und länger andauernder Börsencrash ist trotz der angespannten Lage nur wenig wahrscheinlich. Markus Koch, Wall-Street-Reporter beim deutschen Nachrichtensender n-tv: „Die globale­ Konjunktur ist trotz der Lage in Japan nicht in Ge-fahr, weil bei Lieferausfällen Japans andere Länder einspringen. Wenn die japanische Wirtschaft heuer statt des ursprünglich prognostizierten Anstiegs von 1,5 Prozent ein Nullwachstum hinlegt, wäre der Einfluss auf die gesamte globale Wirtschaftsleistung mit minus 0,1 Prozent sehr überschaubar.“ Auch die direkte Abhängigkeit der USA von Japan ist laut Börsenexperte Koch relativ ­gering, gelangen doch nur fünf Prozent der gesamten US-Exporte in den Inselstaat. Koch: „Das reduziert das Risiko, dass die Wall Street abstürzt, deutlich.“

Volksbank-Fondsmanager Baumann: „Bei japanischen Aktien ist es für einen Ausstieg schon zu spät und für neuerliche Zukäufe noch zu früh.“ Generell lautet das Motto bei Aktien aus Fernost, vorerst abzuwarten, bis sich die Nebel lichten. Helge Rechberger, Leiter der Marktanalyse bei der Raiffeisen Bank International: „Ich bin bei Aktien aus Asien jetzt besonders vorsichtig. Bei ungünstiger Wetterlage könnten auch China und Hongkong von der atomaren Verseuchung getroffen werden. Im aktuellen Umfeld kann man deswegen mit Papieren aus Asien ­eigentlich mehr verlieren als gewinnen.“

Sollte sich die Lage in Japan doch zum Positiven wenden, sieht Friedrich Mostböck, Chef-analyst der Erste Bank, gute Chancen bei Papieren japanischer Unternehmen mit globaler Ausrichtung wie etwa Sony, Toyota, Honda oder Nissan. Bei euro­päischen Papieren von Versorgern rät der Experte weiterhin zu Vorsicht. Angesichts der Debatte um den Ausstieg aus der Atomenergie ist etwa der Druck auf deutsche Energieriesen wie E.on und RWE bereits jetzt hoch. Und er könnte in den nächsten Quar­talen noch weiter steigen.

Alternativenergie in neuem Licht  

Dagegen eröffnen sich bei Stromanbietern, die ihr Geschäft mit erneuerbarer Energie machen, neue Chancen. So hat schon Mitte der Woche der österreichische Wasserkraftwerksbetreiber Verbund von sich reden gemacht, allein vergangenen Dienstag legte das Papier um 9,6 Prozent zu. Wolfgang Pinner, Manager von Nachhaltigkeitsdepots der Fondsgesellschaft der Erste Bank: „Aktuell werden rund 13 Prozent des weltweiten Energiebedarfs mit Atomenergie erzeugt.“ Dieser relativ große Anteil macht einen schnellen Ausstieg aus der Kernenergie zwar unmöglich, steigert aber die Chancen für Aktien alternativer Energieerzeuger. Bei vielen Anbietern erwiesen sich allerdings lange Zeit die hohe Verschuldung und der heftige Konkurrenzdruck als Hemmschuh für nachhaltig steigende Börsenkurse.

Fondsmanager Pinner: „Bei Alternativenergie-Unternehmen, die die Finanzkrise überlebt haben, hat sich die Schuldenquote bereits deutlich verringert.“ Zu den aktuellen Favoriten Pinners zählt derzeit First Solar, Amerikas Kostenführer bei der Stromgewinnung aus Solarenergie. Zusätzlich kommen für Pinner Aktien aus China wie Trina Solar und Yingli Green Energy für Investments infrage. Darüber hinaus ziehen auch Windenergiekonzerne wie Vestas aus Dänemark wieder deutlich mehr Aufmerksamkeit auf sich.

Auch bei Aktien von Autobauern könnten die Karten neu gemischt werden. Wall-Street-Experte Markus Koch: „Es ist durchaus möglich, dass Autoriesen wie General Motors oder Ford ihre Marktanteile zu Lasten von Toyota oder Honda ausbauen können. Es stammen zwar rund 20 Prozent der Bauteile amerikanischer Autos aus Japan, aber die Lagerbestände sind momentan noch hoch genug, dass ein mehrwöchiger Lieferausfall leicht zu verdauen ist.“

Yen als Schlüsselfaktor  

Wie schnell Toyota und andere japanische Autokonzerne wieder auf die Beine kommen, hängt nicht zuletzt von der Entwicklung des Wechselkurses ab. Nach dem Erdbeben von Kobe stieg der Yen gegenüber dem Dollar vorübergehend um fast 20 Prozent an. Eine der Ursachen für diese überraschende Yen-Stärke waren Dollar-Guthaben von japanischen Privatanlegern, die wieder zurück­geholt wurden, um den Wiederaufbau zu finanzieren. Auch in dieser Woche zeigte der Yen bereits eine ­klare Aufwärtstendenz. Allein am Mittwoch legte die Nippon-Währung gegenüber dem Euro um 2,3 Prozent auf 111 Yen pro Euro zu. Volksbank-Fondsmanager Baumann: „Wenn der Yen weitere 20 Prozent zulegt, wird es für Japans Exporteure echt problematisch.“

Robert Winter, Martin Kwauka, Carolina Burger

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