Geplatzte Ost-Träume: Währungsreserven schmelzen, Aktienerholung nicht in Sicht

Die Börsen in Osteuropa, lange Jahre Hoffnungsträger, kamen ­heuer völlig unter die Räder. Jetzt sind die Aktien auf dem Papier sehr billig – das Risiko bleibt aber weiter hoch.

Raus aus dem Rubel, rein in Dollar und Euro lautet derzeit die Devise in Russland. Weil die Flucht aus der eigenen Währung zum Massenphänomen wird, sanken die Währungsreserven der russischen Nationalbank innerhalb von zwölf Wochen um mehr als 100 Milliarden Dollar. Selbst ein Kollaps des Rubels, dessen Kurs sich zu 55 Prozent am Dollar und zu 45 Prozent am Euro orientiert, ist nicht mehr völlig ausgeschlossen. Zwar bleiben den Notenbankern noch stattliche 487 Milliarden Dollar auf der hohen Kante­ – fragt sich nur, wie lange noch.

Märkte rechnen mit Pleite
Die Rubelschwäche sorgte am Dienstag dieser Woche für einen neuerlichen zweistelligen Kurssturz an der Moskauer Börse. Der russische Aktienindex RTX ist damit seit seinem Höchststand im Mai um 63 Prozent gefallen. Ein unheilvoller Mix aus investorenfeindlicher Politik, Bankenkrise, Notverkäufen von kreditfinanzierten Aktien und fallendem Ölpreis führte zum Absturz der Börse. Auch an den anderen Börsen in Osteuropa fällt die Bilanz nur wenig besser aus. So leidet Ungarn unter einem massiven Konjunktureinbruch und muss durch Finanzspritzen vom Internationalen Währungsfonds aufgepäppelt werden. Wer sich gegen den Ausfall ukrainischer Staatsanleihen schützen will, müsste dafür in den nächsten fünf Jahren zusammen 90 Prozent Versicherungsprämie zahlen. Mit anderen Worten: Die Märkte rechnen bereits mit einer Pleite.

Geprügelte Aktientitel
Wer fragt in solcher Situation schon nach Fakten. So sind die russischen Öltitel inzwischen spottbillig. Selbst wenn der Ölpreis im nächsten Jahr bei 50 Dollar je Barrel stagniert, wären die Konzerne mit einem Kursgewinn von 5,6 bewertet, dass sind 28 Prozent weniger als der langjäh­rige Durchschnitt (siehe Tabelle ). Matthias Siller, Fondsmanager des Baring Eastern Europe: „Am billigsten wäre dann Gazprom mit einem KGV von nur 3,9. Das Indexschwergewicht ist besonders stark geprügelt worden, weil Investoren möglichst schnell Kasse machen wollten.“ Als stabilste Länder sieht Siller, der früher den Raiffeisen Osteuropafonds betreute, derzeit Tschechien und Polen, während Rumänien und Ungarn heikel bleiben: „Wenn die ungarischen Autofahrer, die ihre Fahrzeuge alle in Euro und Schweizer Franken finanziert haben, jetzt in Forint umschulden müssten, stiegen ihre Zinsen plötzlich auf 15 Prozent. Sollte die Quote der faulen Kredite in Ungarn von derzeit einem auf zehn Prozent steigen, geht der ganze Bankensektor den Bach hinunter. Und dieses Szenario ist nicht gänzlich auszuschließen.“

Schwergewicht Russland
Der Baring Eastern Europe (ISIN IE0004852103), in den vergangenen Jahren einer der besten Osteuropafonds, hat derzeit Russland mit einem 58-Prozent-Anteil im Fonds übergewichtet. Dabei setzt Siller auf die halbstaatliche Sparkasse Sberbank, Gazprom und die Handynetzbetreiber MTS und Vimpelcom. In Tschechien ist der Energieversorger CEZ der Favorit. Auch bei Manfred Sibrawa, Manager des ebenfalls überdurchschnittlichen Bawag PSK Osteuropa Stock (AT0000685227), dominiert Russland mit 38 Prozent, wobei er sich auf die großen liquiden Titel wie Rosneft, Gazprom und Lukoil fokussiert. Sibrawa: „Falls es wieder zu einer Er­holung kommt, wird Russland der beste Markt sein. Aber ich gehe nicht davon aus, dass uns bald eine Rally bevorsteht.“ Deshalb ergänzt Sibrawa sein Depot mit konservativen, dividendenstarken Aktien wie der tschechischen Telefónica O2, die auf Basis der heuer gezahlten Ausschüttung mit einer Dividendenrendite von 12 Prozent glänzt.

Breite Streuung
Regional sehr breit streut Wolfgang Pinner, Fondsmanager des ESPA Vinis Stock Europe Emerging (AT0000A09YL3), das Fondsvermögen – kein Land ist mit mehr als 16 Prozent vertreten. Aktuelle Favoriten sind die ungarische Ölaktie MOL, die Magyar Telekom und der kroatische Energietitel INA. Pinners nach ethisch-sozialen Kriterien ausgerichteter Fonds wurde erst im Juni aufgelegt, im Horrormonat Oktober kam er im Vergleich zu anderen Ost­europa-Fonds halbwegs glimpflich davon. Pinner rät weiter zur Vorsicht beim Einstieg: „Man kann aber jetzt angesichts der tiefen Kurse beginnen, in Etappen zu kaufen oder einen Sparplan abzuschließen.“

Von Martin Kwauka

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