FORMAT-Serie "Der Kompass für Anleger"
Teil 5: Börsenrally als Sturm im Wasserglas

Die Börsen sind seit Wochen in Hochform. Der fünfte Teil der FORMAT-Serie Anlegerkompass analysiert, wie Aktionäre ihr Pulver trocken halten.

Börsianer vollführten in den vergangenen Wochen wahre Freudensprünge. Der amerikanische Dow-Jones-Index erzielte zwischen dem 9. März und dem 3. April ein Plus von 22,4 Prozent. Das ist seit 1933 der höchste Gewinn, der innerhalb von vier Wochen erzielt wurde. Noch besser lief es für Wiener Aktien. Der ATX schaffte im gleichen Zeitraum gar ein Vier-Wochen-Plus von 29,2 Prozent. Wermutstropfen: Seit Jahresbeginn ist die Bilanz trotzdem noch leicht negativ. Einige exotische Börsen sind in der Jahresbilanz 2009 bereits weit im Plus. Allen voran Brasilien, wo Anleger wegen des Börsensambas seit Jänner bereits 29 Prozent Ertrag einstreifen können. Auch die Krisenbörse Moskau ist heuer mit 22 Prozent wieder weit im grünen Bereich, ebenso China mit 13 Prozent.

Konzerneinkäufe im Aufschwung
Nicht nur an den Börsen herrscht gute Stimmung, weltweit bekommen auch die Einkaufsmanager der Konzerne wieder bessere Laune. Das belegt der Verlauf des weltweiten Einkaufsmanagerindex, der als erstaunlich treffsicherer Vorlaufindikator für die künftige Entwicklung der Konjunktur gilt. Seit Anfang Februar weist der Index wieder aufwärts – ein erster Lichtblick am Ende eines langen Tunnels (siehe Chart ) . Zusätzlich haben die Schwankungen an den Börsen, die im Herbst des Vorjahres bislang unerreichte Höhen erklommen hatten, abgenommen (siehe Grafik ) . Auch die milliardenschweren Rettungspakete, die beim G-20-Gipfel bekräftigt wurden, ließen Aktionäre die Katerstimmung der Finanzkrise zwischenzeitlich vergessen. Fritz Schweiger, in London ansässiger Aktienchef der UniCredit: „Das Osteuropapaket, das am Wirtschaftsgipfel besprochen wurde, hat die Stimmung der Börsianer verbessert. Positiv ist auch, dass sich die Vokswirtschaften von Indien und China heuer doch besser entwickeln werden als erwartet.“ Trotzdem stellt sich für Anleger die Frage, ob die Kursrally der vergangenen Wochen nur ein Sturm im Wasserglas war oder ob an den Börsen eine längere Zeit der Stabilität ins Haus steht.

Warnung vor zu viel Euphorie
Birgit Kuras, Aktienchefin der Raiffeisen Centrobank (RCB): „Ich bin überzeugt, dass die Börsen das Schlimmste hinter sich haben. Wegen der anhaltend schlechten Unternehmensnachrichten und realwirtschaftlichen Daten rate ich Anlegern aber zu einem Einstieg in Raten.“ Katja Dofel, Börsenkorrespondentin bei n-tv, die im Rahmen einer fünfteiligen kostenfreien Veranstaltungsreihe von FORMAT und bankdirekt.at im Wiener Hotel Marriott am 16. April Einblicke in die aktuelle Börsenlage geben wird: „Was jetzt passiert, sieht nach einer Bärenmarktrally aus, die bald wieder zu Ende geht. Privatanleger können vorsichtig einen kleinen Teil ihres Geldes in Aktien investieren. Man kann aber ohne Probleme noch bis September warten. Wahrscheinlich zeigt sich erst dann, ob die Börse einen Boden gefunden hat.“ Auch Erika Karitnig, Aktienchefin der Bawag PSK Invest, ist nur gedämpft optimistisch: „Die Stimmung hat sich zwar aufgehellt, und einige Indikatoren weisen auf eine Erholung hin. An einen nachhaltigen Börsenaufschwung glaube ich aber noch nicht.“ In die gleiche Kerbe schlägt Peter Till, C-Quadrat-Fondsmanager: „In den vergangenen Wochen konnte man fast glauben, dass es die Finanzkrise gar nicht gibt. Es sah so aus, als wäre alles in Butter. Das ist nicht der Fall.“

Damoklesschwert Konjunktur
Besonders der weltweite Anstieg der Staatsverschuldung ist Besorgnis erregend. In den USA, dem Zünglein an der Waage, was den Ausgang der Finanzkrise betrifft, ist heuer ein zweistelliges Budgetdefizit absehbar. Der Rückgang der Konjunktur drückt auch auf die Arbeitsmärkte. Bawag-PSK-Expertin Karitnig: „Bereits 8,5 Prozent der Amerikaner sind ohne Job. Ein weiterer Anstieg auf zehn Prozent ist gut möglich.“ Noch dazu drohen wichtigen Konzernen weitere Gewinneinbrüche. So hat etwa der US-Aluminiumriese Alcoa, der traditionell die Berichtssaison eröffnet, das erste Quartal mit minus 497 Millionen abgeschlossen – das ist schlechter als die ohnehin pessimistischen Erwartungen. n-tv-Journalistin Dofel: „In den USA werden sich die Gewinne im laufenden Jahr laut Analystenschätzungen im Vergleich zum Vorjahr halbieren.“ Experten der Fondsgesellschaft Henderson gehen davon aus, dass auch die Unternehmensgewinne in Japan und Europa dramatisch einbrechen könnten. Die nüchterne Prognose: Bei japanischen Konzernen wird für das Bilanzjahr 2009 mit einem Rückgang beim Gewinn je Aktie um 80 Prozent gerechnet, für Papiere des Euro-Raumes rechnet die Fondsgesellschaft mit minus 33 Prozent.

Spreu vom Weizen trennen
Trotz der Unsicherheiten raten Experten Anlegern, die Flinte nicht ins Korn zu werfen. Börsenexpertin Kuras: „Wer jetzt Aktien kauft, soll zu soliden Papieren von Ölmultis wie etwa BP, Petrom oder OMV greifen.“ Auch bei Bankaktien ortet Kuras selektiv Chancen: „Die Deutsche Bank, das größte Institut Europas, hat bereits im vierten Quartal 2008 ihre Bilanz viel stärker bereinigt als andere Großbanken. Weil zahlreiche kleinere Banken noch in Nöten sind, wird die Deutsche Bank Marktanteile dazugewinnen.“ UniCredit-Aktienexperte Fritz Schweiger: „Ich favorisiere europäische Blue Chips. Wer bereits einen breit gestreuten Europa-Fonds besitzt, soll die Anteile jetzt nicht verkaufen.“ Bei den Einzeltiteln glaubt Alexandra Hartmann, Fondsmanagerin des Fidelity Euro Blue Chip, an einen Favoritenwechsel: „Ich glaube nicht, dass defensive europäische Aktien aus den Bereichen Versorger, Telekom und Pharma weiter so gut laufen werden. Bei solchen Papieren sind die Bewertungen bereits zu hoch. Dafür werden Werte profitieren, die aus eigener Kraft wachsen können.“

Auf die Dividendenrendite achten
Bawag-PSK-Aktienchefin Karitnig: „Wer sich europäische Papiere ins Depot legt, soll besonders auf die Höhe der Dividendenrendite achten.“ Eine hohe Dividendenrendite liefert etwa die Aktie der an der Prager Börse gelisteten Telefongesellschaft Telefónica O2 (ISIN CZ0009093209). RCB-Expertin Kuras: „Die Dividendenrendite wird für 2009 bei zwölf Prozent liegen. Das ist doppelt so viel wie die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen.“ Anleger, die sich wegen der anhaltenden Unsicherheiten an den Börsen nicht für einzelne Aktien begeistern können und ihr Geld lieber breit streuen, sind mit dem DJE-Dividende & Substanz (ISIN LU0159550150) gut bedient. In den vom renommierten deutschen Vermögensverwalter Jens Ehrhardt gelenkten Fonds, der trotz Börsenabschwungs seit 2004 jährlich plus 5,1 Prozent Rendite erwirtschaftete, kommen nur Aktien europäischer Unternehmen, die hohe Ausschüttungen zahlen. Dazu zählen etwa der Versorger RWE und der Pharmakonzern Roche. In weltweit ausschüttungsstarke Papiere investiert der DWS Top Dividende (ISIN DE0009848119). Ein gutes Produkt unter den weltweiten Aktienfonds einer heimischen Fondsgesellschaft ist der C Quadrat Arts Best Momentum (ISIN AT0000825393), der auf Fünf-Jahres-Sicht mit insgesamt plus 6,6 Prozent den Weltaktienindex von MSCI um rund 25 Prozent übertreffen konnte.

Ansparen in Raten
Eine Anlagetaktik, die sich generell, aber ganz besonders an den stärker schwankenden Schwellenländerbörsen und bei Aktien spezieller Sektoren bewährt, ist der Vermögensaufbau mittels Fondssparplan. So hat der Sparplan des von Fondsmanager Evy Hambro gelenkten BlackRock World Gold Fund (ISIN LU0171305526) in den vergangenen zehn Jahren um 142 Prozent zugelegt. Wer ebenfalls ab dem Frühjahr 1999 beim Fernost-Aktienfonds Baring Hong Kong China (ISIN IE0004866889) ansparte, konnte sein Vermögen um 99 Prozent vermehren. Der Zehn-Jahres-Sparplan brachte beim Südamerika-Depot CAAM Funds Latin America (ISIN LU0201602173) einen Wertgewinn von 94,2 Prozent. Das Ansparen hat einen zusätzlichen Vorteil: Beim nächsten Börsenaufschwung gewinnen die bis dahin billig gekauften Anteile überproportional an Wert.

Von Carolina Burger und Robert Winter

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