FORMAT-Serie "Der Kompass für Anleger"
Teil 2: Aufschwung mit Handbremse

Nach dem Absturz wittert die Wiener Börse wieder Morgenluft. FORMAT analysiert, mit welcher Taktik Anleger die ­Chancen am heimischen Parkett jetzt nutzen können.

Kaufen, wenn die Kanonen donnern, verkaufen, wenn die Harfen klingen. Wer diese alte Börsenweisheit beherzigt, müsste eigentlich sein Depot bereits seit längerer Zeit mit Österreich-Aktien aufgefüllt haben. Tatsächlich haben Investoren der Wiener Börse seit Mitte 2007 den Rücken gekehrt. Jetzt herrscht dringender Aufholbedarf, haben doch die Kurse von Schwergewichten wie Raiffeisen International und Erste Bank am heimischen Parkett auf Jahressicht um mehr als 70 Prozent eingebüßt. Von den größten sechs Aktien des Wiener Leitindex ATX konnte einzig das Papier der Telekom Austria mit minus 22,7 Prozent die Verluste in Grenzen halten. Erst in den vergangenen beiden Wochen sind Österreich-Aktien wieder auf Touren gekommen, der ATX hat seit 9. März um 9,4 Prozent zugelegt (siehe Chart ). Stellt sich für Investoren die Frage, ob es sich dabei nur um ein Strohfeuer handelt oder ob der Börsenaufschwung stark genug ausfällt, dass die gewaltigen Verluste auf Jahressicht zumindest mittelfristig wettgemacht werden können. In der zweiten Folge der sechsteiligen Veranlagungs-Serie analysiert FORMAT, wie es mit Österreich-Aktien weitergeht und wie sich Investoren jetzt richtig positionieren.

Billig, billiger, am billigsten  
Wolfgang Matejka, Investment-Chef der Meinl Bank, warnt schon jetzt vor übertriebenen Erwartungen: „Was sich derzeit abspielt, ist ein Anstieg mit Handbremse, der bis zum G-20-Gipfel Anfang April dauern kann.“ Für Peter Brezinschek, Chefanalyst der Raiffeisen Zentralbank, sind die kommenden Tage der Wegweiser für die weitere Entwicklung: „Es ist durchaus möglich, dass wir die Jahrestiefs bereits gesehen haben. Von einem Aufwärtstrend würde ich aber nicht sprechen. 2009 wird eher eine Enttäuschung, da haben wir nämlich noch eine ausgeprägte Berg- und Talfahrt vor uns.“ Besonders schwer fällt derzeit die Bewertung der Papiere. Gewöhnlich sind Kennzahlen wie Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), Kurs-Buchwert-Verhältnis und Dividendenrendite gute Indikatoren für Aktionäre, derzeit finden selbst Anlageprofis aber nur wenige Anhaltspunkte. In der Papierform sind die Aktien des ATX-Index aktuell mit einem durchschnittlichen KGV von 6,3 extrem billig zu haben, liegt doch der Wert weit unter dem längerfristigen Schnitt von 14 (siehe Chart ).

Wenig Hilfe durch Kennzahlen
Alois Wögerbauer, Chef der 3Banken-Fondsgesellschaft: „Wegen der unsicheren Wirtschaftslage können viele Vorstände börsennotierter Gesellschaften keine vernünftigen Ergebnisprognosen abgeben. Deswegen achte ich jetzt nicht auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Auch bei der Beurteilung nach der Dividendenrendite bin ich sehr vorsichtig.“ Damit liegt der Fondsexperte richtig. So fällt jetzt etwa die Dividende von Wienerberger dem rigorosen Sparprogramm ganz zum Opfer.
Wie viel Unsicherheit Gewinnschätzungen bergen, zeigen auch zwei aktuelle Analysen. Während die Erste Bank bei den ATX-Unternehmen für das laufende Jahr mit einem durchschnittlichen Gewinnrückgang von 23 Prozent rechnet, kommt die UniCredit auf minus 9,8 Prozent. Anleger sind deswegen gut beraten, bei jedem Investment einen Risikopuffer einzubauen. Meinl-Experte Matejka: „Wer mit einem Stop-Loss-Limit von fünf Prozent einsteigt, kann sich nicht die Finger verbrennen.“ Investoren, die konsequent eine solche Verlustschwelle einsetzen, können durchaus schon jetzt wieder zu Einzelaktien greifen.

Einzelaktien mit Sicherheitsnetz
Matejka hat bereits bei der Erste Bank, der Wiener Städtischen und bei Papieren des Kranbauers Palfinger zugeschlagen. Zusätzliche Chancen auf Kurssprünge ortet der Investment-Chef bei voestalpine: „Wenn die geplante Anleihe von 400 Millionen Euro erfolgreich platziert wird, kommt der Stahlkocher aus den Fängen der Banken.“ Alois Wögerbauer hält große Stücke auf die Verbundaktie: „Das Papier ist mit einem aktuellen Kurs von rund 27 Euro zu günstig, Wasserkraft hat Potenzial.“ Bei Post und Flughafen Wien wiederum steht er auf der Bremse. Wögerbauer: „Es wird auch im Ausland wahrgenommen, dass der politische Einfluss bei diesen Unternehmen zu groß ist.“ Wer langfristig denkt, kann sich wie der Experte Aktien des Maschinenbauers Andritz ins Depot legen. Ein bisschen vorsichtiger geht es RZB-Chefanalyst Brezinschek an: „Von Einzeltiteln würde ich noch die Finger lassen, da ist das Risiko aktuell zu hoch. Scheibchenweise kann man aber jetzt schon ansparen, etwa mit Aktien- oder Unternehmensanleihenfonds.“ Allerdings fällt die Bilanz der wichtigsten Österreich-Aktienfonds extrem durchwachsen aus. Einzig der von Matejka gelenkte Meinl Equity Austria hat seit 2004 positive Jahreserträge in Höhe von vier Prozent erzielt.

Zertifikate im Plus-Bereich
Aufseiten der Zertifikate gibt es mehrere Produkte, die auch in den letzten Monaten positive Erträge brachten. So setzt das Erste Group Research Alpha Zertifikat (ISIN AT0000A02YT1), das beim Zertifikate Award Austria 2009 zum Österreich-Produkt des Jahres prämiert wurde, auf einen Aktienkorb aus maximal zehn ATX-Unternehmen. Derzeit sind Intercell, die OMV und die Vienna Insurance Group am stärksten gewichtet. Seit Jahresbeginn schaffte das Papier plus 1,6 Prozent, während der ATX im gleichen Zeitraum 16,2 Prozent verlor. Auch die Raiffeisen Centrobank hat mit dem Plus-Bonus-Zertifikat auf den ATX (AT0000A0D5K9) ein neues Produkt kreiert, bei dem die Barriere des ATX von 1.000 Punkten erst mit Laufzeitende ins Spiel kommt. Kurzfristige Kurseinbrüche fallen somit nicht ins Gewicht. Der Preis der Sicherheit: Die Gewinnchance ist begrenzt, denn der Cap liegt bei einem ATX-Stand von 1.700 Punkten.

Vorsicht bei Dividendenpapieren  
Die weitere Entwicklung der Wiener Börse hängt nicht zuletzt davon ab, wie Osteuropa durch die Krise taucht. Heinrich Schaller, Chef der Wiener Börse, macht sich um die Attraktivität des heimischen Standortes keine Sorgen: „Der Osten hat weiter ungeheuer viel Potenzial. Davon werden österreichische Unternehmen wieder profitieren. Ich bin optimistisch, dass es ab Mitte 2010 bergauf geht.“ Eine Übertreibung, die der heimischen Börse schadet, ortet 3Banken-Fondschef Wögerbauer: „Bis vor einem Jahr wurden österreichische Unternehmen wegen ihrer starken Präsenz in Osteuropa beneidet. Jetzt hat das Pendel aufgrund von Aussagen der Rating-Agenturen in das andere Extrem ausgeschlagen.“ Bis der Börsenmotor wieder auf Hochtouren kommt, kann es noch dauern. RZB-Chefanalyst Brezinschek bleibt vorsichtig: „2010 ist durchaus mit einer Erholung zu rechnen, einen Aufschwung würde ich das aber nicht nennen.“ Bis dahin müssen Anleger mit heftigen Kursschwankungen rechnen. Deshalb ist man gut beraten, sich nicht voll auf Dividendenpapiere zu stürzen, denn zu schnell könnten Aktionäre zu Kanonenfutter werden.

Von Robert Winter und Ingrid Krawarik

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