Euro-Staatsanleihen-Crash: Wie Anleger jetzt richtig reagieren

Der Crash der Euro-Staatsanleihen verursachte in kurzer Zeit hohe Verluste. FORMAT analysiert, wie es mit Austro-Bonds und anderen Papieren der Eurozone weitergeht.

Die Iren sind nicht zu beneiden. Wollte der Staat alle seine Schulden auf einen Schlag loswerden, müsste jeder Bewohner der grünen Insel 391.000 Euro auf den Tisch blättern. Im direkten Vergleich nimmt sich die Schuldenlast pro Kopf in Österreich mit 28.900 Euro geradezu bescheiden aus.

Davon können sich Anleger, die auf österreichische Staatsanleihen vertrauten, aber im Moment nichts kaufen. Ganz im Gegenteil. Seit Ende August kamen heimische Staatspapiere schwer unter Druck, bei längeren Laufzeiten gaben die Kurse um rund sieben Prozent nach. Das Problem: Vom Kursrutsch der Austro-Staatspapiere ist fast jeder Bürger betroffen. Schließlich stecken heimische Anleihen nicht nur in vielen Fonds, sondern auch in so gut wie jeder Lebensversicherungspolizze und den rund 1,5 Millionen Produkten zur staatlich geförderten Zukunftsvorsorge.

Während die Verluste bei Versicherungen nur indirekt und längerfristig spürbar werden, ist der Rückschlag bei der aktuellen Ertragsentwicklung der größten heimischen Anleihenfonds bereits offenkundig. Mit Monatsverlusten bis zu 4,7 Prozent kamen speziell jene Depots unter Druck, die das Geld mündelsicher und damit konzentriert in Österreich-Anleihen investieren. Ein wenig besser kamen dagegen Fonds über die Runden, die ihre Investments breiter auf Staatspapiere unterschiedlicher Länder streuen. So haben zum Beispiel Gewinne der deutschen Anleihen anderweitige Verluste teilweise ausgeglichen.

Anleihen-Crash

Die Ursachen für den veritablen Kurssturz der Austro-Papiere: Einerseits gerät Österreich immer mehr ins Visier der Ratingagenturen und läuft Gefahr, die begehrte Bestnote in Form des AAA-Ratings zu verlieren. Andererseits geht die Sorge um, dass das Osteuropageschäft der heimischen Banken negative Folgen für die Risikoeinstufung Österreichs haben wird. Angesichts der insgesamt 220 Milliarden Euro, mit denen Austro-Banken bei ihrem Osteuropageschäft engagiert sind, sind solche Zweifel nicht ganz von der Hand zu weisen. Auf beide Probleme haben Großanleger bereits reagiert und verlangen stolze Zinsaufschläge als eine Art Zitterprämie. Mitte der Woche lag die Rendite 10-jähriger österreichischer Papiere bei 3,7 Prozent und damit gleichauf mit Frankreich, während Deutschland noch mit 2,1 Prozent davonkommt.

Die Zeit, als Österreich auf den Anleihemärkten als kleiner Bruder Deutschlands galt, sind vorbei. Wolfram Littich, Chef der österreichischen Allianz Versicherung: „Jetzt werden die Papiere der Alpenrepublik von internationalen Investoren in eine Schublade mit französischen Staatsobligationen gesteckt. Ein ähnliches Schicksal widerfährt Slowenien. Allein aufgrund der örtlichen Nähe wird das Land mit dem krisengebeutelten Italien in einen Topf geworfen, obwohl die Datenlage völlig unterschiedlich ist.“ Zwar könnten sich Neueinsteiger vielleicht über die gestiegenen Zinsen freuen. Für Besitzer von älteren Papieren ist aber jede Zinserhöhung schmerzlich. Steigen die Zinsen von zehnjährigen Anleihen um ein Prozent, fällt der Kurs um rund neun Prozent.

Letzte Waffe

Die Sorgenkinder zahlen noch weit mehr: Bei Portugal sind es bereits 11,3 Prozent für Papiere mit zehn Jahren Laufzeit. Italien lag am Mittwoch bei 6,9 Prozent, Spanien bei 6,7 Prozent Zinsen. Volker Steinberger, Anleihen-Chef der Fondsgesellschaft Pioneer Austria: „Das ist brisant, weil Staaten, die auf ihre 10-jährigen Papiere sieben Prozent oder mehr zahlen müssen, finden kaum noch Abnehmer.“

Wer will mich?

Doch selbst Vorzeigeschuldner wie Deutschland tun sich derzeit enorm schwer, Begeisterung für neu begebene Papiere zu wecken. Der deutsche Staat wollte am Mittwoch frische Anleihen im Gegenwert von sechs Milliarden Euro platzieren, blieb jedoch auf mehr als einem Drittel sitzen, weil sich das Kaufinteresse in Grenzen hielt. Anleihen-Experte Steinberger: „Das ist aber kein Indiz dafür, dass niemand Deutschland-Anleihen haben will, sondern dass Banken sehr unter Druck stehen und mit ihrer Liquidität haushalten müssen.“ Nachdem selbst Deutschland nun Ladenhüter vor sich her schiebt, stellt sich die Frage, ob gemeinsame Euro-Anleihen der Retter in der Not sind. Die Diskussion um die Einführung gemeinsamer Anleihen der Eurozone, die die Wahrscheinlichkeit von Verwerfungen bei Staatsanleihen eindämmen könnte, ist Mitte der Woche neu aufgeflammt.

Während EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso lautstark dafür plädiert, steht die deutsche Kanzlerin Angela Merkel weiter auf der Bremse. Klaus Auer, Fondsmanager der Sparkasse Oberösterreich: „Jeder schreit nach Eurobonds. Aber die Umsetzung ist kompliziert, weil auf EU-Ebene zahlreiche Vertragsänderungen notwendig sind.“ Zwar dürften Anleger mit Kursgewinnen rechnen, falls Eurobonds eingeführt werden, man sollte aber nicht auf eine rasche Einführung bauen.

Aus Basel droht weiteres Ungemach. So geht die Bank für internationalen Zahlungsausgleich, eine Art Spitzeninstitut über den Nationalbanken, davon aus, dass Österreichs Zinszahlungen von derzeit unter fünf Prozent der Wirtschaftsleistung bis zum Jahr 2040 kontinuierlich auf rund 13 Prozent ansteigen könnten. Dabei befindet sich die Alpenrepublik in bester Gesellschaft, rechnet das Institut doch damit, dass die ganze westliche Welt inklusive Japan mit dem gleichen Problem zu kämpfen haben wird.

Magere Zeiten

Das veranlasst Jeremy Grantham, Chef-Anleger des US-Großinvestors GMO, generell vor Veranlagungen in Staatsanleihen der Industrieländer zu warnen. In seiner aktuellen Vorschau bis zum Jahr 2018 schätzt er die durchschnittliche Jahresrendite von Papieren der entwickelten Welt nach Abzug der Inflation auf jährlich minus 2,3 Prozent. Etwas bessere Chancen ortet der Experte bei Anleihen der Schwellenländer, die mit jährlichen Realrenditen von 1,3 Prozent wenigstens über der Nulllinie dahinfahren könnten. Investoren sollten die Überlegungen des Experten zumindest überdenken, hat doch Grantham in der Fachwelt bereits Kultstatus erreicht, weil er mit seinen Prognosen über die Jahre hinweg eine enorme Treffergenauigkeit bewies.

Wer an Österreich glaubt, hat mit heimischen Anleihen zumindest einen gewissen Rendite-Startvorteil gegenüber deutschen Papieren. Alexander Fleischer, Anleihenfonds-Chef der Erste Sparinvest, ortet bei Austro-Papieren gute Chancen, weil der Renditeabstand zu Deutschland mit 1,6 Prozent ungewöhnlich hoch ist.

Angesichts der hohen Schwankungen legt Pioneer-Experte Steinberger Anlegern aber nahe, ihr Pulver trocken zu halten und nicht massiv in Austro-Anleihen zu investieren. Auch Fleischer bevorzugt eine Streuung: „Investoren mit dem Fokus auf Euro und Gelderhalt sollten in deutsche, holländische, finnische und österreichische Anleihen investieren.“ Auf der relativ sicheren Seite ist zum Beispiel, wer via Fonds deutsche und österreichische Papiere kombiniert. Das zeigt etwa ein Blick auf den AustroRent der Sparkasse Oberösterreich, dem mit einem Volumen von 981 Millionen Euro größten Staatsanleihenfonds heimischer Banken. Fondsmanager Klaus Auer, der nur 43 Prozent des Geldes in Österreich-Anleihen investiert, konnte den Monatsverlust mit einem Prozent zumindest in Grenzen halten.

Deutlich besser kam der Schoellerbank Euro Alternativ, ein Anleihenfonds, der gänzlich auf Papiere der Eurozone verzichtet, durch die turbulenten Zeiten. Mit Staatsanleihen Dänemarks, Norwegens und der USA brachte es der Fonds seit November 2008 auf insgesamt 34,5 Prozent Ertrag, auf Monatssicht stehen immerhin plus 2,5 Prozent zu Buche.

Nicht aller Tage Abend

Pioneer-Experte Steinberger glaubt trotz der prekären Lage nicht, dass ein weiterer massiver Kursverfall europäischer Staatspapiere naht. Steinberger: „Von der Zinsseite droht in nächster Zeit keine Gefahr. Die Europäische Zentralbank wird die Zinsen laut Konsensusschätzungen im Dezember um 0,25 Prozentpunkte senken. Wird dieser Zinsschritt Realität, sind 3,6 Prozent Rendite für 10-jährige Österreich-Anleihen sogar als attraktiv einzustufen.“

– Robert Winter, Carolina Burger

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