Einmal Crash und retour: Kreditnehmer zahlen die Zeche der Wirtschaftskrise

Während sich die Börsen schon wieder von den Folgen der Lehman-Bank-Pleite erholen, werden die neuen Kreditnehmer und Kunden der Zukunftsvorsorge noch lange unter Spätfolgen leiden.

Am schönsten ist es bekanntlich, wenn der Schmerz nachlässt. So gesehen haben heute Investoren Grund zum Durchatmen. Auf dem Höhepunkt des Börsencrashs im März hatten Aktienindizes wie der deutsche Dax oder das US-Pendant Dow Jones gegenüber dem Stand unmittelbar vor der Lehman-Pleite rund 40 Prozent eingebüßt. Am schlimmsten kamen österreichische Immobilienaktien unter die Räder. Im Schnitt verloren die Mitglieder des iATX-Index knapp 80 Prozent.

Immoaktien im Aufwind
12 Monate nach Lehman sehen die Börsenkurse wieder deutlich freundlicher aus. Selbst Immoaktien nähern sich schon wieder dem Niveau von vor dem 15. September 2008 an, die Börse in Hongkong notiert sogar schon 6,6 Prozent höher. Wer zum Tiefpunkt die Nerven besaß, die Tiefstkurse zum Nachkauf zu nutzen, konnte seinen Einsatz mitunter vervielfachen. So notiert die Aktie der Erste Bank im März zum Spottpreis von 6,84 Euro, heute kratzt sie an der 30-Euro-Marke. Die skandalgeschüttelte Immoeast schoss seit dem Tief von 21 Cent sogar um unglaubliche 1.623 Prozent nach oben. Trotzdem notieren Immoaktien immer noch deutlich unter den Buchwerten. Deshalb sind weitere Kursanstiege durchaus möglich.

Comeback der Unternehmensanleihen
Auch bei anderen Aktien verläuft die Entwicklung entgegen allen Unkenrufen vorläufig weiter stabil. Offensichtlich steigen noch bei jedem Rückschlag neue Investoren ein. Tim Geissler, Treasury-Chef der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien: „Unsere institutionellen Großanleger haben ihre Aktienquote wieder auf den langjährigen Schnitt angehoben. Privatanleger halten sich aber weiter zurück.“ Ein ähnliches Comeback erlebten Unternehmensanleihen. Der Risikoaufschlag von soliden Papieren gegenüber sicheren Staatsanleihen erreichte im März kurzfristig über vier Prozentpunkte. Heute ist im europäischen Schnitt mit 1,5 Prozentpunkten „Zitterprämie“ wieder der Stand vom Sommer 2008 erreicht. Bei österreichischen Firmenanleihen dauert die Rückkehr zur Normalität etwas länger, hier beträgt der Aufschlag noch zwei Prozentpunkte.

Kredite auf Dauer teurer
Während sich die Börsen wieder auf Kurs befinden, zahlen ausgerechnet Kreditnehmer noch lange die Zeche. Für neue Darlehen wurden die Verdienstspannen der Banken deutlich angehoben. Aufschläge von 1,5 bis drei Prozentpunkten auf die Referenzzinssätze wie den Euribor sind die Norm und auch noch Jahre nach Ende der Krise festgeschrieben. Vor der Krise waren Hypotheken auf Basis des Euribor plus ein Prozentpunkt Aufschlag erhältlich. Die Banken wollen jetzt ganz offensichtlich die erlittenen Verluste und die zunehmenden Abschreibungen auf Unternehmenskredite durch höhere Margen bei Neukunden wettmachen. Seitens der Kreditinstitute verweist man auf höhere Refinanzierungskosten. Was aber nur bedingt gerechtfertigt ist. Durch die Finanzspritzen der Notenbanken ist wieder genügend billige Liquidität vorhanden. Auch die Banken leihen sich wieder untereinander Geld zum Euribor-Zinssatz, wenn auch, anders als früher, oft nur dann, wenn der Kreditpartner Sicherheiten in Form von Wertpapieren stellt.

Frankenkredit auf Eis
Die Banken können auch deshalb mehr für Hypotheken verlangen, weil ein wichtiger Konkurrent, der günstige Frankenkredit, derzeit auf Eis liegt. Zwar hält die Nationalbank Frankenkredite an Privatkunden in vielen Fällen durchaus für statthaft, allerdings bremst die Finanzmarktaufsicht FMA. Und viele Banken sind wohl insgeheim nicht undankbar, dass die billigen Frankenkredite derzeit kollektiv verweigert werden. Tipp: Bausparkassen haben immer noch viel Geld in der Kasse und haben die Kreditmargen nicht erhöht. Während viele, die jetzt neue Kredite aufnehmen, noch jahrelang krisenbedingt hohe Spannen zahlen werden, sind Schuldner mit Altkrediten fein raus. Bei Euriborzinsen deutlich unter einem Prozent kann man jetzt die eigenen vier Wände oft mit weniger als zwei Prozent Zinsen finanzieren.

Hohe Realzinsen
Das ist weniger, als viele Banken für Spareinlagen zahlen. Zwar sind Zinsen von fünf Prozent, die im vergangenen Herbst gängig waren, passé. Doch die zwei Prozent, die zum Beispiel die ING-DiBa für täglich fälliges Geld zahlt, sind angesichts einer Inflationsrate nahe null durchaus attraktiv. Für drei Jahre Bindung winken sogar verbreitet mehr als drei Prozent (siehe www.bankenrechner.at ). Zu lange Bindungsfristen könnten sich für Sparer möglicherweise in Zukunft rächen. Sollten die gewaltigen Finanzspritzen, mit denen die marode Wirtschaft derzeit aufgepäppelt wird, zu deutlich steigenden Inflationsraten und entsprechend höheren Zinsen führen, ist man mit langjährigen Fixkonditionen nicht optimal bedient. Nicht zuletzt aus Sorge vor einer ausufernden Inflation notiert der Goldpreis derzeit im Bereich 1.000 Dollar pro Unze, das sind 300 Dollar mehr als vor zwölf Monaten. Ob solche Kurse nahe des historischen Hochs haltbar sind, wird sich zeigen. Auf jeden Fall bleibt Gold ein gewisser Schutz gegen einen schwachen Dollar.

Gemischte Bilanz bei Investmentfonds
Ein gemischtes Bild bieten naturgemäß Investmentfonds. Schließlich hängt die Rendite ganz wesentlich vom Anlageschwerpunkt ab. So hat der beste Fonds der vergangenen 12 Monate, der Schwellenland-Aktienfonds Espa Alternative Emerging Markets, seit Anfang September 2008 immerhin 49,3 Prozent Plus erzielt. Schlusslichter sind durch die Bank sogenannte Asset-Backed-Securities-Fonds. Derartige ABS-Konstrukte investieren in Anleihen, bei denen US-Ramschhypotheken oder ähnlich gebeutelte Papiere im Hintergrund für Turbulenzen sorgen. Die rote Laterne trägt der Kepler Asset Backed Security mit einem 12-Monats-Minus von 63 Prozent. Ganz generell waren Anleger mit Staats- und Unternehmensanleihen-Fonds gut bedient – die 12-Monats-Erträge liegen mit 7 bis 8 Prozent durchaus erfreulich. Kernfrage: Springt die Inflation wieder an? Falls ja, sind vor allem länger laufende Staatsanleihen von Kursverlusten bedroht. Pessimisten sollten dementsprechend daran denken, Gewinne mitzunehmen.

Patient Zukunftsvorsorge
Langfristig könnten die 1,4 Millionen Kunden der staatlich geförderten Zukunftsvorsorge unter den teuersten Spätfolgen leiden. Seit Oktober 2008 haben die meisten Anbieter die ertragsbringende Aktienquote praktisch auf null gesenkt. Hintergrund: Die Risikomanager der Banken wollen verhindern, dass die abgegebene Kapitalgarantie irgendwann Geld kostet. Zwar wird die gesetzlich vorgeschriebene Aktienquote von 40 Prozent (vorwiegend mit Wiener Aktien) formal eingehalten. De facto nützt aber der spektakuläre Anstieg des ATX seit März von rund 1.300 auf 2.500 Punkte den meisten Zukunftsvorsorge-Kunden rein gar nichts, weil man via ATX-Future die effektive Aktienquote neutralisiert hat. So dümpeln die Produkte von Bank Austria, Erste Bank und Raiffeisen seit Oktober dahin. Lediglich der Zukunftsvorsorge-Fonds Austro Garant der Volksbanken zeigt noch vitale Lebenszeichen. Volksbank-Experte Friedrich Strobl: „Wir haben von Anfang an ein anderes Garantiemodell gewählt, das auch in der Krise funktioniert hat.“ Bei den meisten anderen Anbietern ist dagegen jede Ertragschance auf Jahre hinaus eliminiert.

Von Martin Kwauka und Ingrid Krawarik

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