DWS-Chef Klaus Kaldemorgen: "Geld ist wie Wasser, das die kleinste Ritze findet."

Der Chef der Deutsche Bank-Fondstochter im FORMAT-Gespräch über krisenfeste Anlagen, Inflation und Chancen mit Aktieninvestments.

Format: Worauf sollen Anleger jetzt noch setzen, nachdem die Börsenkurse extrem gefallen sind und die Renditen von Staatsanleihen im Keller sind?
Klaus Kaldemorgen: Die Flucht in Staatsanleihen hat die Renditen unter drei Prozent gedrückt. In einem solchen Szenario sind Aktien die bessere Wahl, ebenso Gold, Immobilien sowie Grund und Boden. Alles das kann Vermögen sichern.

"Geld ist wie Wasser"
Format: Halten Sie eine zunehmende Inflation oder eine Deflation für wahrscheinlicher?
Kaldemorgen: Wir werden uns heuer noch über Inflation unterhalten müssen. Die Staatsverschuldung hat längst das normale Maß überschritten und wird weiter steigen. Das Kreditvolumen der amerikanischen Zentralbank liegt schon bei 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Jahrelang lag der Satz bei fünf bis sechs Prozent. Die Rate wird wahrscheinlich noch auf 25 Prozent steigen. Es wird also Geld geschöpft, dem in Zukunft eher weniger als mehr Wirtschaftskapazität und Warenangebot gegenübersteht. Geld ist wie Wasser, das findet die kleinste Ritze und wird irgendwohin fließen.
Format: Was heißt das?
Kaldemorgen: Das bedeutet nicht nur die Gefahr einer Konsumentenpreisinflation, sondern könnte auch ähnlich wie in den Jahren nach 2003 zu einer Inflation der Vermögenswerte führen.

Geringe Verschuldung, globale Aufstellung
Format: Mit anderen Worten, irgendwo droht bereits die nächste Blase. Wo soll man also jetzt sein Geld investieren? Die Unternehmensgewinne sinken derzeit massiv, zum Teil sogar schneller als die Börsen. Beim Dax ist zum Beispiel das geschätzte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für 2009 deutlich angestiegen. Sind jetzt Aktien deshalb selbst auf dem tiefen Niveau teuer?
Kaldemorgen: In einer Rezession gehen die Bewertungen immer nach oben, im Aufschwung sinken sie wieder. Das KGV sagt derzeit auch wegen der großen Bilanzspielräume wenig aus. Ähnliches gilt für das Kurs-Buchwert-Verhältnis. Tatsache ist aber, dass die Börse ein extrem pessimistisches Szenario einpreist. Die Aktienkurse liegen jetzt tiefer als vor zehn Jahren. Die Frage lautet: Sind die Unternehmen wirklich schlechter als vor zehn Jahren? Haben sie in dieser Zeit keinen Wert geschaffen? Nein. Der technische Fortschritt, die Globalisierung und die damit verbundenen Effizienzgewinne sind ja nach wie vor vorhanden.
Format: Nach welchen Kriterien suchen Sie Aktien aus?
Kaldemorgen: Man sollte nur in Aktien von Unternehmen investieren, die den nächsten Wirtschaftsaufschwung erleben, und deshalb strukturell belastete Branchen wie die Finanz- und Autoindustrie meiden. Ich bevorzuge Aktien von Unternehmen, deren Bilanz solide ist, deren Verschuldung gering ist und die obendrein global aufgestellt sind. Ich habe unter diesen Gesichtspunkten Ölunternehmen hoch gewichtet. Sie haben Bodenschätze als natürliche Reserven. Zusätzlich besteht ein gewisser Inflationsschutz, weil auch der Ölpreis bei einer anspringenden Teuerung steigen dürfte. Auch Technologie- und Industriewerte kommen infrage.

"Tiefpunkt sollte in ein paar Monaten "
Format: Haben wir schon die Tiefstände an den Börsen erreicht?
Kaldemorgen: Ich möchte das Risiko an den Aktienmärkten, das sich durch die derzeit hohen Schwankungen ausdrückt, nicht verniedlichen. Man muss Kursverluste hinnehmen können, ohne dass man gezwungen ist, Aktien zu verkaufen.
Format: Ab wann können die Aktienkurse wieder steigen?
Kaldemorgen: Der Tiefpunkt sollte in ein paar Monaten erreicht sein. Noch schreiben Analysten die Gewinnrückgänge nach unten fort, wie sie es vor dem Ausbruch der Krise mit Gewinnen nach oben getan haben. Die Stimmung kann aber sehr schnell drehen.
Format: Welche Aktien sollte man haben, wenn die Börsen anspringen?
Kaldemorgen: Man kann in der Mitte der Straße bleiben und findet bei großkapitalisierten Unternehmen genug Potenzial. Man ist jetzt nicht gut beraten, in kleinere Werte oder Papiere aus peripheren Märkten zu investieren.
Format: Sind die ehemaligen Höchststände der großen Börsenindizes ähnlich wie zwischen den Jahren 2003 und 2007 innerhalb weniger Jahre wieder erreichbar?
Kaldemorgen: Eine Rückkehr zu den alten Rekordniveaus wird länger dauern. Alleine schon deshalb, weil die Aktienkurse des Finanzsektors in den nächsten vier bis fünf Jahren nicht auf das hohe Niveau zurückkehren werden. Die vielen Kapitalerhöhungen führen zu einer Gewinnverwässerung, teilweise wurde die Anzahl der Aktien sogar verdoppelt oder verdreifacht.

"Große Märkte behaupten sich besser"
Format: Welche Regionen bevorzugen Sie bei der Aktienauswahl derzeit?
Kaldemorgen: US-Aktien haben sich in der Krise besser geschlagen als Papiere anderer Regionen. In fallenden Märkten gibt es immer die Tendenz, dass sich große Märkte besser behaupten als kleine. Noch dazu haben Investoren die Tendenz, in unsicheren Zeiten Geld in ihren Heimatmarkt zu repatriieren. Ich bevorzuge die USA, gefolgt von Europa. In kleinen Märkten möchte ich noch nicht unterwegs sein.
Format: Bei welchen Aktien sehen Sie die besten Chancen auf steigende Kurse?
Kaldemorgen: Bei den größten Werten des Ölsektors wie Royal Dutch oder Total sowie bei US-Ölserviceunternehmen. In den USA gebe ich auch Papieren gute Chancen, die von den Fiskalprogrammen profitieren. Dazu zählen Infrastrukturaktien. Zusätzlich halte ich Eisenbahnwerte. In Deutschland setze ich auf BASF, Linde oder Siemens. Pharmaaktien von Sanofi und Roche bleiben interessant, obwohl sie in den vergangenen Tagen wegen der US-Budgetpläne sehr stark gelitten haben. Dazu kommen Diagnostikwerte wie Qiagen aus Deutschland.
Format: In unsicheren Zeiten sind hohe Dividenden gefragt. Sind Ihnen kräftige Ausschüttungen wichtig?
Kaldemorgen: Eine hohe Dividende bietet im aktuellen Umfeld ein Sicherheitsnetz. Wenn ein Unternehmen finanzielle Ressourcen benötigt, kann es sich durch den Ausfall der Dividende auch noch Spielraum verschaffen. Grundsätzlich ist aber entscheidend, dass Ausschüttungen nachhaltig sind. Deswegen habe ich gerne Telekomwerte in meinem Portfolio.

Interview: Robert Winter, Martin Kwauka

Zehn Tipps für den Steuerausgleich

Steuern

Zehn Tipps für den Steuerausgleich

Service

Die Suche nach dem besten Konto

Was man als Passagier wissen muss: 5 Fakten zum Lufthansa-Streik

Geld & Service

Was man als Passagier wissen muss: 5 Fakten zum Lufthansa-Streik